APUZ Dossier Bild

30.5.2006 | Von:
Jan Knopf

Brecht im 21. Jahrhundert

Nachdem die ideologischen Debatten erledigt schienen, wird Brecht heute wieder über einen orthodoxen Marxismus definiert. Der Beitrag plädiert stattdessen für einen ideologiefreien Umgang mit Brechts Werk.

Einleitung

In Brechts letztem Originalstück Turandot oder Der Kongreß der Weißwäscher (1954) gibt es eine Szene, in der die Tuis "auf dem Strich" gehen und ihre Meinungen verkaufen: "Es kostet nur drei Yen und geht im Stehen."[1] Tuis - gebildet aus der abgekürzten Umstellung von "intellektuell" in "tellekt-uell-in" - nannte Brecht diejenigen Geister, die stur an ihren Überzeugungen festhalten, und ginge darüber auch die Welt unter.


Es ist eine Farce, dass ausgerechnet Bertolt Brecht, der sich schon als Schüler über Meinungen lustig machte, weil sie so wenig mit den Tatsachen übereinstimmten, auf eine Weltanschauung, die des Marxismus nämlich, festgelegt worden ist, obwohl er als kritischer Materialist stets dafür plädiert hat, dass die Anschauungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu entnehmen sind und dass sie sich mit dieser ständig verändern - und auch verändert werden müssen. Weltbilder seien viel zu mickrig, als dass die Welt in sie hinein passe, und moralische Überzeugungen seien vor allem dazu da, sich realiter nicht an sie zu halten. Sogar das Bühnenbild benannte Brecht um in "Bühnenbau", um jede Assoziation zum "Weltbild" auszuschließen. Und als 22-Jähriger witzelte er: "Ich vergesse meine Anschauungen immer wieder, kann mich nicht entschließen, sie auswendig zu lernen." (GBA 26,139)

Fußnoten

1.
GBA 9,147. Im Folgenden werden nur die Brecht-Zitate jeweils unmittelbar nachgewiesen. Zit. nach: Bertolt Brecht, Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe in 30 Bänden, hrsg. von Werner Hecht/Jan Knopf/Werner Mittenzwei/Klaus-Detlef Müller, Berlin - Weimar - Frankfurt/M. 1988 - 2000; zitiert als: GBA Band-, Seitenzahl. Weitere für diesen Beitrag benutzte Literatur: Hans Bunge (Hrsg.), Brechts Lai-tu. Erinnerungen und Notate von Ruth Berlau, Darmstadt - Neuwied 1985; Friedrich Dieckmann, Wer war Brecht?, Berlin 2003; Jan Knopf (Hrsg.), Brecht-Handbuch. Fünf Bände, Stuttgart - Weimar 2001 - 2003; Ernst Schumacher, Mein Brecht, Berlin 2006; Manfred Wekwerth, Die Unerträglichkeit des folgenlosen Denkens, in: Ossietzky 6/2006. Auf: http://www.linksnet.de/artikel.php?id=2294 (Stand 31. Mai 2006).