Das ehemalige Reichs-Kolonialdenkmal "Der Elefant", ein aus Backstein errichtetes zehn Meter hohes Mahnmal im Nelson-Mandela-Park in Bremen, wurde 1987 zu einem Antikolonialdenkmal umgewidmet.

27.9.2019 | Von:
Albert Gouaffo
Richard Tsogang Fossi

Spuren und Erinnerungen hundert Jahre nach der deutschen Kolonialzeit in Kamerun

Geschichtsbewusstsein und Medien des kollektiven Gedächtnisses

Das Konzept des kollektiven Gedächtnisses geht auf den französischen Soziologen Maurice Halbwachs zurück, der die Erinnerung als kollektives Phänomen im Gegensatz zu den bis dahin vertretenen Ansätzen von Henri Bergson und Sigmund Freud definiert. Für Letztere gilt die Erinnerung als rein individueller, psychologischer Prozess. Dagegen argumentiert Halbwachs, dass der Mensch sich stets in einem sozialen Rahmen erinnert und Gruppen wie Freundeskreise, Familien und Arbeitskollegen unsere Erinnerungen mitprägen.[3] Die Erinnerung beziehungsweise das Gedächtnis tragen demnach zu einer kollektiven Erfahrung von Erlebnissen, zum Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gemeinschaft bei. Doch die Gesamtheit dessen, was die Mitglieder einer Gemeinschaft erlebt haben beziehungsweise erleben, kann nicht auf einmal erinnert werden. Situativ werden aus dem Speicher Elemente hervorgeholt und je nach Kontext verwertet, während andere außer Acht gelassen und zeitweise vergessen werden. Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann unterscheidet daher zwischen "Speicher-" und "Funktionsgedächtnis"[4] und erweitert so das Konzept von Halbwachs. Ihr Modell formuliert jedoch keine binäre Opposition, sondern nimmt eine gegenseitige Ergänzung zwischen ausgewählten, aktualisierten und nichtaktualisierten, amorphen Elementen an.

Die Funktionalisierung des Gedächtnisses formt neben vielem anderen auch das Geschichtsbewusstsein einer Gemeinschaft, das aber kein "bloßes Wissen oder reines Interesse an der Geschichte (…), [sondern zugleich] Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftsperspektive" ist.[5] An der Auslegung und Deutung der Vergangenheit sind verschiedene Akteure und institutionelle und informelle Bildungseinrichtungen beteiligt. Die Medien spielen bei der Konstituierung und Aktivierung des Gedächtnisses eine entscheidende Rolle. "Die Konstruktion und Zirkulation von Wissen und Versionen einer gemeinsamen Vergangenheit in sozialen und kulturellen Kontexten (Kultur als Gedächtnisphänomen/collective memory) werden überhaupt erst durch Medien ermöglicht."[6] Dabei kommen Printmedien (Literaturen), audiovisuelle Medien (Film), das Internet, der schulische Geschichtsunterricht, orale Traditionen bis hin zu Denkmälern, Grabsteinen oder ritualisierten Erinnerungsfeiern zum Tragen.

Fußnoten

3.
Maurice Halbwachs, La Mémoire collective, Paris 1950, S. 31.
4.
Aleida Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999, S. 133–136.
5.
Karl-Ernst Jeismann, Geschichtsbewusstsein, in: Klaus Bergmann/Werner Boldt (Hrsg.), Handbuch der Geschichtsdidaktik, Seelze-Velber 19924, S. 40–43, hier S. 40.
6.
Astrid Erll, Literatur als Medium des kollektiven Gedächtnisses, in: dies./Ansgar Nünning (Hrsg.), Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft. Theoretische Grundlegung und Anwendungsperspektiven, Berlin–New York 2003, S. 249–276, hier S. 251.