Das ehemalige Reichs-Kolonialdenkmal "Der Elefant", ein aus Backstein errichtetes zehn Meter hohes Mahnmal im Nelson-Mandela-Park in Bremen, wurde 1987 zu einem Antikolonialdenkmal umgewidmet.

27.9.2019 | Von:
Albert Gouaffo
Richard Tsogang Fossi

Spuren und Erinnerungen hundert Jahre nach der deutschen Kolonialzeit in Kamerun

Deutsche Kolonialherrschaft im Spiegel der Architektur

Betrachtet werden im Folgenden Bauwerke aus der deutschen Kolonialzeit, die heute noch ihre Bedeutung im kollektiven Gedächtnis der Kameruner haben, darunter das Schloss des Kolonialgouverneurs von Kamerun, Jesko von Puttkamer, in Buea, der Sitz der deutschen Seemannsmission in Douala, die deutschen Friedhöfe, der Leuchtturm in Kribi oder die Brücke über den Sanaga-Fluss in Edea. Dabei wird der Fokus nicht nur auf die Bauwerke und Monumente selbst, sondern auch auf die sich damit verbindenden Erinnerungsnarrative gerichtet – und zwar aus kamerunischer wie deutscher Perspektive.[7]

Das Schloss von Jesko von Puttkamer wurde am Fuß des Kamerunbergs in Buea erbaut. Bis zur Verlegung der Hauptstadt der Kolonie nach Yaoundé im Jahr 1909 fungierte es als Wohnhaus der deutschen Gouverneure. Die Geschichte des Schlosses ist insofern aufschlussreich, als es die Beziehungen zwischen Kamerun und Deutschland sogar in der nachkolonialen Zeit prägte und Eingang in die Literatur-[8] und Filmgeschichte[9] gefunden hat. Jesko von Puttkamer, der sein Amt von allen deutschen Gouverneuren am längsten ausübte – von 1895 bis 1907 –, ließ das Schloss um 1901 errichten. Nach Ansicht einiger Historiker wollte er sich gegenüber den immer lauter werdenden Protesten der Duala wegen der schlechten Behandlung der Bevölkerung durch die Kolonialherren abgrenzen. Außerdem hatte sich King Bell, Manga Douala, kurz zuvor in Douala ein repräsentatives Gebäude – die Pagode – errichten lassen. Der Gouverneur, Vertreter eines kolonialen Herrenmenschentums, wollte dies nicht hinnehmen und hatte deshalb den Bau eines noch größeren und prächtigeren Schlosses veranlasst.[10] Später, nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft in Kamerun, soll die deutsche Bundesregierung versucht haben, das Gebäude weiter in ihrem Besitz zu halten.[11]

Etwas anders gelagert ist der Fall des Seemannsheims in Douala. Die Idee für den Bau von Seemannsheimen stammte aus Großbritannien und wurde 1848 vom Pastor der Evangelischen Mission in Deutschland, Johann Heinrich Wichern, aufgegriffen. Seemannsheime boten deutschen und ausländischen Seeleuten Unterstützung gegen die Allmacht der Reeder wie auch Gemeinschaft in der Fremde. Schon 1854 wurde das erste Seemannsheim durch das Handelshaus Friedrich M. Vitor in Bremen eingeweiht. Seemannsmissionen in Kiel und Bremerhaven folgten, und am 15. Juni 1891 wurde die Seemannsmission in Hamburg als Komitee für Deutsche Seemannsmission gegründet. Die deutsche Seemannsmission in Douala weihte 1966 Bundespräsident Heinrich Lübke ein. Die Baukosten trug das deutsche Auswärtige Amt.

Dass auch in Douala eine Seemannsmission gegründet wurde, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Doch die Tatsache der Eröffnung so kurz nach der Unabhängigkeitserklärung Kameruns lässt darauf schließen, dass die deutsche Bundesregierung so schnell wie möglich in der ehemaligen deutschen Kolonie Fuß fassen wollte. Auch die Wahl des Grundstücks war kein Zufall. Der Gebäudekomplex wurde an dem Ort errichtet, an dem auch die erste deutsche Kolonialregierung und die Mission 1884/85 in Douala gebaut hatten. Ein Schild im Hof des Heims informiert darüber, dass es sich bei dem Gelände um einen Erinnerungsort der deutschen Kolonialherrschaft handelt. So stellt das Seemannsheim, das heute auch vom Goethe-Institut genutzt wird und als Wohnraum für (wohl meist deutsche) Touristen in Kamerun dient, eine enge Verbindung zu der deutschen Kolonialzeit her, wenn nicht in seiner Architektur, so doch in der Geschichte seiner Topografie.

Ein weiterer Erinnerungsort deutsch-kamerunischer Geschichte ist die Sanaga-Brücke in Edea, die 1911 fertiggestellt wurde. Als 2011 das 50-jährige Jubiläum des Goethe-Instituts in Kamerun – nach Angabe der Organisatoren "im Zeichen der Reflexion des Brückenschlags zwischen den Kulturen Kameruns und Deutschlands"[12] – bevorstand, wurde die imposante Eisenbahnbrücke als materieller Bezugspunkt eines konzeptuellen Dialogs zwischen Deutschland und Kamerun umgedeutet. Offenbar schrieb man der Brücke eine große Symbolkraft zu, wenngleich sie 220 Kilometer vom Sitz des Goethe-Instituts entfernt liegt. Zur Einweihungsfeier erschienen denn auch Vertreter aller deutschen Organisationen im Land. "Was bedeuten 50 Jahre Austausch und Kulturdialog angesichts der durch den Kolonialismus geprägten Geschichte für die älteren und jüngeren Generationen beider Länder? Inwieweit kann die ‚Brücke‘ als Symbol des Dialogs stehen?", so die Frage der Organisatoren des Projekts "Kulturbrücke".[13] Man wies dem Symbol einer vergangenen, mit vielen Leiden und Träumen verbundenen Realität angesichts der neuen Herausforderungen der Gegenwart und einer gemeinsamen Zukunft neue Bedeutung zu: "Unter der Schirmherrschaft Seiner Exzellenz des Premierministers und in Zusammenarbeit des Goethe-Instituts Kamerun mit dem Kulturministerium, dem Ministerium Travaux Publics [öffentliches Bauwesen], der Deutschen Botschaft in Yaoundé, der Stadtverwaltung von Edea, dem Zentrum für zeitgenössische Kunst Doual’art sowie der Deutschen Kooperation (GIZ, KfW) wird die alte Eisenbahnbrücke von Edea im Jubiläumsjahr zum Gegenstand einer künstlerischen Intervention im öffentlichen Raum. Mittels der ästhetischen Aktion sollen Geschichte und Erinnerung sichtbar (re)konstruiert und zum Dialog zwischen den Kulturen angeregt werden."[14]

Die Brücke, obgleich ein Bau der Kolonialarchitektur, wird unter Kamerunern auch als Ausdruck des technischen Knowhows der Deutschen bewundert. Vom Goethe-Institut in ein neues Erinnerungsnarrativ eingeschrieben, erhält die Brücke in Edea nun ihre neue Bedeutung als deutsch-kamerunisches Freundschaftssymbol. Die Opfer, die der Bau der Brücke damals forderte, treten in den Hintergrund zugunsten eines interkulturellen Dialogs. In diesem Sinne wurden an der Brücke acht auf Säulen stehende Figuren errichtet. Sie stammen von dem renommierten Kameruner Künstler Pascale Marthine Tayou. Die Kombination von historischem Bauwerk und künstlerischer Arbeit interpretierten die Organisatoren des Projekts "Kulturbrücke" folgendermaßen: "Diese künstlerischen Aktivitäten sollen weitere kreative Dialogformen und ‚Brücken‘ schaffen zwischen den vielfältigen und reichen Kulturen des Landes und ihrem jeweiligen Kulturerbe, zwischen den Sprachen und Literaturen Kameruns und Deutschlands, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsentwurf."[15] Nach ihren Hüten und Jacken zu schließen, scheinen einige der Figuren die ehemaligen Kolonialherren zu symbolisieren. Die anderen Figuren stellen mit ihren bunten Kleidern wohl die heute lebende jüngere Generation dar. Ins Auge fällt aber, dass diese Figuren nicht in dieselbe Richtung blicken und nicht auf Säulen gleicher Höhe stehen. Haben die hier Dargestellten, so mag sich der Betrachter fragen, eine gemeinsame Zukunft und dasselbe Ziel im Blick?

Ein – auf deutscher Seite – nach wie vor relevanter Aspekt postkolonialer Erinnerungskultur ist das, was man die "Ahnenforschung" nennen könnte. Sie will die Spuren jener Deutschen erkunden, die während der "Erschließung" Kameruns ihr Leben gelassen haben. Es waren Soldaten oder Zivilisten, die im Dienste der "Schutztruppe" oder der Kolonialverwaltung standen. Mit der Spurensuche verbunden ist die Restaurierung von deutschen Friedhöfen. Im November 2012 veröffentlichte die deutsche Botschaft in Kamerun eine Liste von insgesamt 254 gefallenen Deutschen, deren Gräber sich im Land befinden.[16] Die Initiatoren dieses weltweiten Projekts sprechen von "Gefallenendenkmälern" und suchen nach Wegen, ihrer in (Kolonial-)Kriegen umgekommenen Vorfahren zu gedenken. Wie es der Website des Projekts zu entnehmen ist, distanziert man sich "entschieden von jeder Form der Heldenverehrung und/oder Kriegsverherrlichung".[17] Kritisch anmerken ließe sich allerdings, dass die in der Kolonialzeit getöteten Kameruner bisher nicht mit in diese Gedenkkultur einbezogen wurden.

Wie sieht es mit der Erinnerungskultur aufseiten der Kameruner aus? Mit dem Leuchtturm in Kribi – 1906 zu einer Zeit errichtet, als sich die Stadt zum Hauptausfuhrhafen von Kautschuk und Elfenbein entwickelte – ist heute für die Batanga (Banaho, Bapuku, Nyassa) die Geschichte der "Deportation" verbunden. Involviert waren vor allem die Banoho und die Bapuku, die im Ersten Weltkrieg durch die deutschen Truppen viele Opfer zu beklagen hatten. Kurz zuvor hatten die Spannungen zwischen deutscher Kolonialmacht und verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Kamerun ihren Höhepunkt erreicht. Einige lokale Herrscher wurden in der Folge von den Deutschen verhaftet und bei Ausbruch des Krieges hingerichtet.[18] Die Deutschen glaubten, einen Zweifrontenkrieg führen zu müssen, zum einen gegen die Alliierten und zum anderen gegen die einheimische Bevölkerung, weil die Deutschen Rache und Verrat befürchteten. Es heißt, die Alliierten hätten Teile der Bevölkerung am Leuchtturm versammelt, von wo aus sie nach Buea verschifft werden sollten. Dabei starben viele Banoho und Bapuku durch Ertrinken. Die nach Buea Verschleppten mussten unter elenden Bedingungen bis zum Ende des Krieges auf Plantagen arbeiten, was sie als Sklavenarbeit empfanden. So verbinden sich mit dem Leuchtturm im kollektiven Gedächtnis der Kameruner Exil, Deportation, Trauer und Tod. Die Mayi- und die February-Feiern, die jährlich am 9. Mai und am 14. Februar abgehalten werden, gehören zu den zentralen postkolonialen Gedenkfeiern bei den Batanga. Sie haben die Funktion, die dunkle Seite ihrer Geschichte zu erinnern und sie an die junge Generation zu übermitteln.[19]

Fußnoten

7.
Siehe auch Marc Pabois, Architecture au Cameroun sous le protectorat allemand (1884–1916), in: Institut national du patrimoine (Hrsg.), Architecture coloniale et patrimoine: Expérience européennes, Paris 2006, S. 112–121; Michael Hofmann, Deutsche Kolonialarchitektur und Siedlungen in Afrika, Petersberg 2013.
8.
Siehe z.B. den Roman "Cette Afrique-là!" (1963) von Jean Ikelle-Matibas ("Adler und Lilie in Afrika. Lebensbericht eines Afrikaners").
9.
Vgl. Pascale Obolo (Interview), Occupy Schloss von Puttkamer/Decolonize Architecture Now, in: AfricAvenir International e.V., No Humboldt 21! Dekoloniale Einwände gegen das Humboldt-Forum, Berlin 2017, S. 176–186.
10.
Vgl. Valère Epee in einem Interview mit den Schüler/innen des Lycée Français Dominique Savio Douala, Mai 2014, http://pedagogie.lyceesaviodouala.org/histoire-geographie/app_grande-guerre/pages/page_7c.htm«.
11.
So die Auskunft von Manfred Kühle, Hafenpastor und Direktor des Seemannsheims in Douala, in einem Interview mit den Autoren am 10.10.2012.
12.
Das Projekt "Kulturbrücke – Die Spaziergänger von Edea", o.D., http://www.goethe.de/resources/files/pdf12/pk8651220.pdf«.
13.
Ebd.
14.
Ebd.
15.
Ebd.
16.
Für Douala siehe http://www.denkmalprojekt.org/2012/douala_region-littoral_republik_kamerun.html«.
17.
Onlineprojekt Gefallenendenkmäler, Willkommen, o.D., http://www.denkmalprojekt.org«.
18.
In Douala sind am 8.8.1914 Rudolf Dualla, Manga Bell und Ngosso Din erhängt worden, während Martin Paul Samba in Ebolowa erschossen wurde. Am gleichen Tag sind in Kribi die beiden Könige der Batanga, Wilhelm Madola und Endande Mbita, zum Tode verurteilt und erhängt worden. Siehe u.a. Christian Bommarius, Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914, Berlin 2015; Jean-Pierre Félix Eyoum/Stefanie Michels/Joachim Zeller (Hrsg.), Duala und Deutschland – verflochtene Geschichte. Die Familie Manga Bell und koloniale Beutekunst: Der Tangué der Bele Bele/Douala et l’Allemagne: une histoire croisée. La famille Manga Bell et l’œuvre d’art colonial pillé: Le "Tangué" des Bele Bele, Köln 2011; Stefanie Michels/Joachim Zeller, "Ihr werdet Kamerun niemals haben!" – Mebenga m’Ebono alias Martin Paul Samba, 2012, http://www.berlin-postkolonial.de/cms/index.php/personen2/19-orte/spandau/33-kladow-martin-paul-samba«.
19.
Vgl. Mayi. Magazine Traditionnel Batanga, 2011.