Das ehemalige Reichs-Kolonialdenkmal "Der Elefant", ein aus Backstein errichtetes zehn Meter hohes Mahnmal im Nelson-Mandela-Park in Bremen, wurde 1987 zu einem Antikolonialdenkmal umgewidmet.

27.9.2019 | Von:
Albert Gouaffo
Richard Tsogang Fossi

Spuren und Erinnerungen hundert Jahre nach der deutschen Kolonialzeit in Kamerun

Literarischer Erinnerungstopos

Die deutsch-kamerunische Erinnerungskultur wird jedoch nicht nur von den topografischen Orten geformt, auch mentale Orte, die eher fiktional oder diskursiv sind, nehmen Einfluss, konkret: die Literatur und Rückgabeforderungen von Kunst- und Kulturgütern.

In der nachkolonialen Zeit entwickelte sich die Literatur zu einem wichtigen Bestandteil der Erinnerung an die "geteilte" Geschichte Kameruns und Deutschlands. Im Folgenden soll besonders auf die Figurenkonstellation als Ankerpunkt der Erinnerungsarbeit in der kamerunischen postkolonialen Literatur eingegangen werden. Für die Literaturwissenschaftler Matías Martínez und Michael Scheffel sind die Figuren Bewohner einer fiktiven Welt, die Autoren in ihren fiktionalen Erzählungen kreieren. Diese Figuren sind von Personen der realen Welt zu unterscheiden, ähneln ihnen aber zugleich, da auch sie Herkunft, Merkmale, sozialen Stand, Geschlecht und dergleichen besitzen. Diese Eigenschaften haben einen tief greifenden Einfluss auf die Handlung in den Werken.[20] Und obwohl es sich bei literarischen Werken um Fiktion handelt, weisen die darin auftretenden Figuren gelegentlich Übereinstimmungen mit historischen Persönlichkeiten auf, nicht nur bei historischen Werken wie Geschichtsromanen oder -dramen. Daher ist die Verarbeitung deutsch-kamerunischer Geschichte durch kamerunische Schriftsteller besonders aufschlussreich. Die nähere Untersuchung dieser Werke zeigt, wie die literarisch-historiografische Konstruktion deutsch-kamerunischer Erinnerung zwischen Konkurrenz, Subversion und Antagonismus pendelt, als Wille einer réécriture der Kolonialgeschichte aus der Perspektive der Besiegten.

Viele der literarischen Figuren sind samt Namen und Eigenschaften der Geschichte entnommen, anderen werden fiktive Namen gegeben, aufgrund ihrer Rolle jedoch bleiben sie erkennbar. Dies gilt zum Beispiel für den Kolonialoffizier Hans Dominik in dem Roman "Der weiße Zauberer von Zangali" von René Philombe, einem bekannten Kameruner Schriftsteller. Dieser erscheint dort als "Mayor Dzomnigi". Dominik war seinerzeit berüchtigt für seine brutalen "Befriedungsfeldzüge", und bis heute assoziieren viele Kameruner mit dessen brutalem Regime eine Epoche reiner Terrorherrschaft. Philombe schreibt, dass "Major Dzomnigi" ein Mann war, "dessen Name allein schon Alpträume auslöst".[21] Einige Figuren und Fakten erfahren aber auch eine Umformung und sind deshalb nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen. Der Priester Heinrich Vieter zum Beispiel tritt in dem Roman von Philombe als Pater Marius auf und wird sogar als zentraler Träger der Handlung vorgestellt, die sich, nach Angaben des auktorialen Erzählers, 1915 abspielt. Vieter, der 1890 in Kamerun an der Spitze der Pallottiner Mission trat und im Roman zum "weißen Zauberer von Zangali" gemacht wird, starb allerdings schon 1914 kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Eine ähnliche Abwandlung erfährt in dem Roman der alte Ombala Nga Dugsa, der eine Prügelstrafe von 25 Stockschlägen erleiden muss,[22] ausgeführt von "Mayor Dzomnigi". Bei dem Opfer handelt es sich um den "Häuptling" Tsonu (oder auch Tsonum),[23] der 1889/90 den Deutschen unter der Führung von Hans Tappenbeck[24] Land für den Bau der Jaunde-Station anbot, wo Major Hans Dominik ab 1894 als Stationsleiter residierte.[25]

In den Theaterstücken "Ach Kamerun! Unsere alte deutsche Kolonie" von Alexandre Kum’a Ndumbe III. von 1970 und "Ngum a Jemea ou la foi inébranlable de Rudolf Dualla Manga Bell" von David Mbanga Eyombwan aus dem Jahr 2007 sind alle Charaktere der deutsch-kamerunischen Geschichte entnommen. Auf kamerunischer Seite sind dies historische Persönlichkeiten, die den Deutsch-Duala-Vertrag von 1884 verhandelten und unterschrieben, wie King Bell und King Akwa, aber auch Figuren, die später der deutschen Kolonialmacht die Stirn boten und heute im Land als Identifikationsfiguren gefeiert werden, allen voran Dualla Manga Bell, Ngoso Din und Madola. Auf deutscher Seite finden sich Charaktere, die Kamerun eroberten und den deutschen Handel mit Feuer und Schwert erschließen wollten und nun als Täter literarisch verarbeitet werden. Kameruner und Deutsche werden zunächst in einer klaren Opfer-Täter-Dichotomie zueinander in Beziehung gesetzt, um die Realitäten der deutschen Kolonialherrschaft zum Ausdruck zu bringen, dann aber werden die Grenzen zwischen beiden Seiten mehrfach durchlässig, und Deutsche treten als Befürworter der Kolonisierten und Kolonisierte als Kollaborateure der Kolonialmacht auf.

Eine weitere Erblast der deutschen Kolonisation sind die entwendeten Kunst- und Kulturgüter aus Kamerun, die heute Gegenstand juristischer und politischer Rückgabeforderungen sind. Die bekanntesten Fälle sind der Tangué von Lock Priso aus Douala und der Thron des König Njoya aus Foumban, die sich in deutschen Museen befinden. Alexandre Kum’a Ndumbe III., Enkel von Lock Priso, fordert den Tangué, den er als koloniales Raubgut betrachtet, seit Jahren von Deutschland beziehungsweise vom Bundesland Bayern zurück, bisher ohne Erfolg. Derweil moniert er, dass die Deutschen zwar ein Gebäckstück Namens "Kameruner" kennen, aber nur wenige um die koloniale Vergangenheit der Deutschen in diesem Lande wissen.

Fußnoten

20.
Vgl. Matías Martínez/Michael Scheffel, Einführung in die Erzähltheorie, München 20129, S. 144; Christoph Bode, Der Roman. Eine Einführung, Tübingen–Basel 20112, S. 132.
21.
René Philombe, Un Sorcier blanc à Zangali, Yaoundé 1969, S. 13. Siehe auch ders., Ach, diese Deutschen!, in: Ilija Trojanow/Peter Ripken (Hrsg.), Afrikanissimo. Ein heiter-sinnliches Lesebuch, München–Zürich 19972, S. 181–187; Albert Gouaffo, Major Dominik comme lieu de mémoire interculturelle au Cameroun wihelminien: analyse interdiscursive d’un personnage historique, in: Questions de Communication, série actes 6/2008, S. 195–207; ders., Se guérir de la violence coloniale? Jean Ikelle-Matiba et Réné Philombe face aux colonialismes français et allemand, in: Isaac Bazié/Hans-Jürgen Lüsebrink (Hrsg.), Violences postcoloniales. Perceptions médiatiques, représentations littéraires, actes du colloque du 17–18 juin 2005 à Saarbrücken, Münster 2011, S. 49–63.
22.
Philombe 1969 (Anm. 21), S. 11.
23.
Vgl. Richard Tsogang Fossi, Les relations entre l’Europe et l’Afrique en zone de contact tri-national: Allemands, Français et Anglais dans la mémoire littéraire camerounaise postcoloniale, Doktorarbeit, Université de Dschang 2013, S. 91.
24.
Vgl. Hoffmann (Anm. 1), S. 55ff.
25.
Vgl. Hans Dominik, Kamerun. Sechs Kriegs- und Friedensjahre in deutschen Tropen, Berlin 1901, S. 64, S. 146f.