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20.4.2006 | Von:
Golz, Hans-Georg

Editorial

Im Februar 1956 rechnete Chruschtschow mit dem Stalinismus ab. Rasch wurde deutlich, dass die Liberalisierung Grenzen haben würde. Die Revolution in Ungarn wurde von sowjetischen Truppen blutig beendet.

Zum Abschluss des XX. Parteitages im Februar 1956 rechnete der Erste Sekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, mit den Verbrechen Josef Stalins ab. Seine "Geheimrede" war ein Schock für die kommunistische Welt. Überall im Ostblock erodierte die uneingeschränkte Macht der stalinistisch geprägten Staatsparteien. Rufe nach Meinungs- und Pressefreiheit wurden laut. Auch in der SED kam es zu heftigen Reformdebatten. Der Volksaufstand in der DDR vom 17. Juni 1953, in dessen Verlauf erst das Eingreifen der Sowjetarmee die SED-Herrschaft gesichert hatte, lag nur drei Jahre zurück.

Die Zeit "kollektiver Führung" im Kreml nach Stalins Tod im Frühjahr 1953 ging zu Ende. Welche Ziele verfolgte Chruschtschow mit der Entstalinisierung "von oben"? Im Mittelpunkt stand die Stärkung der Rolle der Partei und die Sicherung der eigenen Macht. Rasch wurde deutlich, dass die eingeleitete Liberalisierung enge Grenzen haben würde. Polen entging nur knapp einer Militärintervention. Die Revolution in Ungarn wurde im Herbst von sowjetischen Truppen blutig beendet.

Im Schatten der Turbulenzen im Ostblock leisteten sich Frankreich und Großbritannien mit dem Angriff auf Ägypten ein spätes imperialistisches Abenteuer am Suezkanal. Die anschließende diplomatische Demütigung im Krisenjahr 1956 führte den ehemaligen Kolonialmächten vor Augen, dass im Zeitalter der Blockkonfrontation kein Raum mehr für eigene weltpolitische Ambitionen blieb. London wandte sich fortan dem engen Bündnis mit Washington zu, während Paris auf europäische Integration unter seiner Führung setzte und sich aus der militärischen Struktur der NATO löste.