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Dimensionen einer Katastrophe


21.3.2006
Die Katastrophe von Tschernobyl zeichnet sich nicht nur durch komplexe radioökologische und medizinische Konsequenzen aus, sondern hatte auch erhebliche politische und sozioökonomische Folgen für die betroffenen Gesellschaften.

Einleitung



Infolge der Reaktorexplosion, die sich am 26. April 1986 um 1.23 Uhr Ortszeit als Folge eines planmäßigen Tests während des Herunterfahrens zu Renovierungsarbeiten im Atomkraftwerk (AKW) Tschernobyl ereignete, wurden weite Teile von Belarus (Weißrussland), der Ukraine und Russland radioaktiv verstrahlt.

Etwa 70 Prozent des Fallouts gingen auf Belarus nieder. Infolgedessen wurden 23 Prozent des belarussischen Territoriums mit über 1 Curie/Quadratkilometer Cäsium-137 kontaminiert.[1] Zum Zeitpunkt der Katastrophe lebten dort etwa 2,2 Millionen Menschen, über ein Fünftel der belarussischen Bevölkerung.

In der Ukraine und in Russland waren fünf bzw. 0,6 Prozent des Territoriums mit einer Bevölkerung von 2,4 Millionen (fünf Prozent der Gesamtbevölkerung) bzw. 2,6 Millionen (ein Prozent) betroffen. Über das Ausmaß der Katastrophe und die gesundheitlichen Risiken erfuhren die Menschen in den betroffenen Regionen erst mehrere Jahre nach der Reaktorexplosion. Denn ungeachtet der von dem 1985 ernannten Generalsekretär der KPdSU Michail Gorbatschow proklamierten neuen politischen Transparenz versuchten die sowjetischen Behörden die Folgen des Unfalls zunächst zu verschweigen.

Dabei forderten belarussische und ukrainische Naturwissenschaftler bereits kurz, nachdem sie von der Reaktorexplosion erfahren hatten, von der politischen Führung ihrer Republiken umfassende Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung. So schlug der damalige Leiter des Instituts für Atomenergie der belarussischen Akademie der Wissenschaften, Wasilij Nesterenko, der belarussischen Parteispitze schon am 29. April 1986, gestützt auf Messergebnisse seines Instituts, die Evakuierung weiter Bevölkerungsteile in einem Umkreis von 100 Kilometern um den Reaktor sowie eine umfassende Jodprophylaxe vor. Zu diesem Zeitpunkt stimmte die Moskauer Zentrale jedoch lediglich der Evakuierung der Stadt Pripjat, in der die Belegschaft des AKW Tschernobyl lebte, zu. Die Evakuierung der Bevölkerung in einem Umkreis von 30 Kilometern um den Reaktor erfolgte erst in den ersten Maitagen, nachdem in den verstrahlten Regionen noch die Paraden zum Tag der Arbeit abgehalten worden waren.

Ende Mai 1986 wurden zudem mehrere hunderttausend Kinder aus den betroffenen Gebieten für die Sommermonate zu Ferienaufenthalten in andere Regionen verschickt.[2] Gleichzeitig versicherten die sowjetischen Behörden den Menschen, dass keinerlei Gefahr für ihre Gesundheit bestehe und sie bald wieder in ihre Heimatorte zurückkehren könnten. Die radioaktive Belastung wurde als ebenso besiegbar dargestellt wie die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Im Bewusstsein vor allem älterer Menschen erschienen die von den Behörden getroffenen Maßnahmen daher tatsächlich wie eine Wiederholung der Ereignisse von 1941.[3] Allerdings gab es dieses Mal keinen Sieg: Die Katastrophe von Tschernobyl wurde zum Totalausfall von "Glasnost" - und leitete die Auflösung der Sowjetunion ein.



Fußnoten

1.
Über 40 Radionuklide wurden durch die Reaktorexplosion in die Atmosphäre geschleudert. Von den kurzlebigen Radionukliden waren insbesondere die Jodisotope für die Gesundheit der Menschen gefährlich. Zu den langlebigen Radionukliden gehören nebenCäsium-137 mit einer Halbwertzeit (die Zeitspanne, in der die Hälfte der Kerne zerfällt) von 30Jahren Strontium-90 (28 Jahre) und vor allem Plutonium (bis 24 400 Jahre). Vgl. OECD Nuclear Energy Agency, Chernobyl. Assessment of Radiological and Health Impacts, Paris 2002, S. 33 ff.; UNDP/UNICEF, The Human Consequences of Chernobyl. A Strategy for Recovery, 25.1. 2002, S. 35ff.
2.
Vgl. Vasilij Nesterenko, Pervye dni posle Cernobyl'skoj katastrofy v Belarusi (1986g.), ee posledstvija i akutal'nost' dlitel'noj radioacionnoj zascity naselenija, Minsk 2006. Deutsche Übersetzung in der April-Ausgabe der Zeitschrift Osteuropa.
3.
Vgl. Astrid Sahm, "Und der dritte Weltkrieg heißt Tschernobyl ...", in: Fred Dorn u.a. (Hrsg.): Erinnerungen gegen den Krieg/Ne ubit' celoveka, Minsk 1995, S. 202 - 227.