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9.2.2006 | Von:
Frank Bösch

Politische Skandale in Deutschland und Großbritannien

Skandale der jüngsten Zeitgeschichte

Um 1960 setzte eine erneute Skandalwelle ein. Diese ging wiederum mit einer Politisierung, Demokratisierung und Polarisierung der Gesellschaft einher. Sie entstand abermals parallel zur Etablierung eines neuen Massenmediums, des Fernsehens, das die Visualität des Politischen verstärkte. Bei diesen Skandalen zeigten sich die unterschiedlichen Skandalkulturen deutlicher als zuvor. In Großbritannien bildeten Sex-Skandale noch ausgeprägter jene Fälle, über die Politiker stürzten. Die Liebesaffäre von Verteidigungsminister John Profumo mit Christine Keeler (1963) und der Homosexuellenskandal um den liberalen Vorsitzenden Jeremy Thorpe (1976) bildeten dabei Prototypen für Skandale, die bis heute die britische Politik bestimmen.[21]

Man kann dies mit der langen moralischen Nachwirkung der puritanischen Prägung und entsprechender Normen und Gesetze erklären. Ebenso dürfte die große Bedeutung von Boulevard-Zeitungen und der frühe Aufbau des kommerziellen Fernsehens diesen Trend verstärkt haben. Zudem wurde argumentiert, die Sex-Skandale würden einen "Ersatz" für die in Großbritannien kaum vorhandenen Korruptionsfälle bilden. Letztere gelten als selten, weil die Ausgaben für Wahlkämpfe generell begrenzt sind, Abgeordnete nur über eine eingeschränkte Macht verfügen und das Londoner Establishment sehr überschaubar ist.[22]

In der Bundesrepublik spielten Sex-Skandale dagegen kaum eine Rolle. Dennoch versuchten auch hier die politischen Kontrahenten mit entsprechenden Enthüllungen Politiker zu stürzen. Während seit 1957 insbesondere über Franz Josef Strauß entsprechende Skandalisierungen "von links" lanciert wurden, gab es nach 1961 mehrfach entsprechende Enthüllungen "von rechts" über das Liebesleben von Willy Brandt. Die breitere Presse griff jedoch beides nicht auf. Gerade nach den Erfahrungen im Nationalsozialismus hatte sich in den deutschen Medien offensichtlich ein gewisser Konsens herausgebildet, dass bestimmte Enthüllungen als inakzeptabel gelten und die Grenzen des Privaten zu respektieren sind.[23]

In Deutschland beruhten die Skandale seit den sechziger Jahren vor allem auf drei Formen des Normbruches: Korruption, Missbrauch von öffentlicher Macht und inadäquater Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Alle drei Formen des Skandals erlebten um 1960 eine erste Hochphase (wie die Spiegel-Affäre 1962 oder der Rücktritt von Theodor Oberländer 1960) und erfuhren seit den 1980er Jahren einen weiteren Bedeutungszuwachs.

Im internationalen Vergleich bilden zum einen die Skandale um den Umgang mit der NS-Vergangenheit eine deutsche Besonderheit.[24] Dass sie seit den 1980er Jahren verstärkt aufkamen, belegt den zunehmend sensibleren Umgang mit der deutschen Geschichte. Die jüngeren Skandale offenbaren zudem die öffentlich akzeptierten Grenzen im Umgang mit der NS- und auch mit der DDR-Vergangenheit. Die verhandelten Normen unterscheiden sich dabei: Während Skandale um die DDR-Geschichte sich vor allem auf frühere Geheimdiensttätigkeiten bezogen, basierten die Skandale zur NS-Vergangenheit auf einem inadäquaten Umgang mit dem Erbe des Holocaust.

Zum anderen waren in Deutschland Skandale um Parteispenden in den letzten beiden Jahrzehnten besonders markant. Sie ergaben sich aus der starken gesellschaftlichen Stellung der deutschen Parteien und stehen zugleich für die Kritik hieran. Obwohl die Formen der Parteienfinanzierung bis in die siebziger Jahre wesentlich problematischer waren, kamen erst seit den achtziger Jahren verstärkt größere Spendenskandale auf. Dies zeigt erneut, dass nicht die Schwere eines Vergehens über das Aufkommen von Skandalen entscheidet. Ausschlaggebend ist vielmehr, ob in der politischen Kultur ein Vergehen als Normbruch aufgefasst wird und dies für Empörung sorgt. Spätestens mit dem Flick-Skandal war in den achtziger Jahren diese Sensibilität erreicht.

Im Unterschied zu früher decken heute fast ausschließlich die Medien Skandale auf. Dennoch muss man weiterhin von einer engen Kooperation zwischen Medien und Parteien ausgehen, da letztere oft Material gegen den politischen Gegner sammeln und lancieren. Skandale lassen sich jedoch weiterhin nicht nach Plan inszenieren. Ihre Wirkung hängt nach wie vor von kaum kalkulierbaren öffentlichen Reaktionen ab.

Der historische Blick macht deutlich, dass Skandale nicht für einen neuartigen moralischen Verfall von Politik und Medien stehen. Im Gegenteil: Sie repräsentieren heute gerade in Deutschland stärker denn je eine demokratische Kontrolle durch die Öffentlichkeit und damit eine pluralisierte Gesellschaft.


Fußnoten

21.
Vgl. Robin Gaster, Sex, Spies and Scandal. The Profumo Affair and British Politics, in: Andrei S. Markovits/Mark Silverstein (Hrsg.), The Politics of Scandal: Power and Process in Liberal Democracies, New York 1988, S. 62 - 88.
22.
Vgl. Anthony King, Sex, Money and Power, in: Richard Hodder-Williams/James Ceaser (Hrsg.), Politics in Britain and the United States. Comparative Perspectives, Durham 1986, S. 173 - 202.
23.
Vgl. Frank Bösch, Öffentliche Geheimnisse. Die verzögerte Renaissance des Medienskandals zwischen Staatsgründung und Ära Brandt, in: Bernd Weisbrod (Hrsg.), Die Politik der Öffentlichkeit - die Öffentlichkeit der Politik. Politische Medialisierung in der Geschichte der Bundesrepublik, Göttingen 2003, S. 225 - 250.
24.
Vgl. Frank Esser/Uwe Hartung, Nazis, Pollution, and No Sex. Political Scandals as a Reflection of Political Culture in Germany, in: American Behavioral Scientist, 47 (2004), S. 1040 - 1071.