APUZ Dossier Bild

9.2.2006 | Von:
Bernhard Linke

Politik und Inszenierung in der Römischen Republik

Inszenierungen von Politik sind kein ausschließliches Phänomen der Moderne. Bereits in der römischen Antike waren gezielte Strategien und politische Rituale weit verbreitet. Die gesellschaftliche Ordnung der res publica wurde dadurch nachhaltig geprägt.

Einleitung

Die Menschen lassen sich eher durch ein freundliches Gesicht und schöne Reden gewinnen, als durch konkrete Maßnahmen und Gefälligkeiten." Man dürfe deshalb im Wahlkampf nicht allzu zimperlich sein, sondern müsse allen alles versprechen. Man könne ja dezent dazusetzen, dass man es erfüllen werde, wenn es einem irgendwie möglich ist. Nach der Wahl hätten sich oft schon viele Angelegenheiten von selbst erledigt. Wird es dennoch unumgänglich, die Unmöglichkeit einzugestehen, sei der Betreffende zwar wütend, aber das wäre er auch, wenn man es vor der Wahl gesagt hätte. Der wichtigste Grundsatz sei jedoch, bloß keine konkrete Stellung zu einem Sachproblem zu beziehen. Man könnte ja potenzielle Wähler verschrecken, die darüber anders denken.

Diese tiefsinnigen Einblicke in die geeignete Präsentation im Wahlkampf stammen von einem Politikinsider, der seinem Kandidaten unbedingt zum Erfolg verhelfen wollte. Allerdings handelt es sich nicht um die Hilfestellungen eines "Spindoktors" aus dem letzten Bundestagswahlkampf, sondern die betreffende Wahl liegt nun schon mehr als 2 000 Jahre zurück. Für die Bewerbung des berühmten Redners Marcus Tullius Cicero um das Amt des Konsuls für das Jahr 63 v. Chr. verfasste dessen Bruder, Quintus Tullius Cicero, ein kurzes Handbuch mit Tipps für den Wahlkampf, das commentariolum petitionis. Viele der dort zusammengestellten Hinweise muten so aktuell an, dass man sich nicht wunderte, wenn sie so oder so ähnlich vom CDU-Berater Michael Spreng an Edmund Stoiber oder Angela Merkel weitergegeben worden wären.

In der gegenwärtigen öffentlichen Meinung herrscht es die weit verbreitete Überzeugung, dass die steigende Bedeutung der Medien in immer stärkerem Maße dazu führt, politische Inhalte durch Inszenierung von persönlichen Auftritten zu ersetzen. Früher hätten sich kernige Politiker vom Schlage eines Herbert Wehner oder Franz-Josef Strauß derartigen Verbiegungen bei öffentlichen Auftritten erfolgreich widersetzt. Heute aber bekäme man nur immer dieselben Typen zu sehen, weil die einflussreichen Berater im Hintergrund die individuellen Züge zugunsten einer demoskopieerprobten Sympathiefassade abschliffen.

Umso überraschender ist die Erkenntnis, dass schon in der Antike wohlwollende Ratgeber die persönliche Konturenlosigkeit als eine vielversprechende Wahlkampfstrategie propagierten. Wie kommt es zu dieser Parallelität zwischen postmoderner Kommunikationsgesellschaft und antikem Stadtstaat? Die Antwort liegt in der zunehmenden Durchdringung der Gesellschaft durch visuelle Medien, vor allem durch das Fernsehen. Hierdurch entsteht eine Kommunikationssituation in der Gesellschaft, die derjenigen in übersichtlichen Gemeinschaften nicht unähnlich ist. Den Fleck auf der Krawatte eines Kandidaten sieht jeder Zuschauer beim großen TV-Duell genauso deutlich, wie ein Römer auf dem forum Romanum die peinliche Verschmutzung auf der extra geweißten Toga, der toga candida, wahrgenommen hat. Sie kennzeichnete einen Politiker als Bewerber (candidatus) für ein hohes Amt. Face-to-face-Gesellschaften, in denen jeder jeden sieht, haben ihre eigenen Gesetze, egal wie groß oder "modern" sie sein bzw. sich fühlen mögen.[1] Dass die direkte Kommunikation dabei im Fernsehen nur simuliert und nicht real ist, macht dabei wenig Unterschied.

Der Druck der permanenten Außenwahrnehmung und die Angst vor spontanen Fehlern oder situativen Ungeschicklichkeiten lasten schwer auf allen politisch exponierten Persönlichkeiten. Einen wichtigen Schutz vor diesen Ausrutschern, die zum Teil schwere Imageschäden nach sich ziehen können, bietet die gezielte Inszenierung des eigenen öffentlichen Auftritts.[2] Das gezielte Rollenverhalten kann lange erprobt werden und erfüllt bei überzeugender Umsetzung die Erwartungshaltung des Publikums.


Fußnoten

1.
Vgl. Peter A. Berger, Anwesenheit und Abwesenheit. Raumbezüge sozialen Handelns, in: Berliner Journal für Soziologie, 5 (1995), S. 99 - 111 und Rudolf Schlögl, Vergesellschaftung unter Anwesenden. Zur kommunikativen Form des Politischen in der vormodernen Stadt, in: ders. (Hrsg.), Interaktion und Herrschaft. Die Politik der frühneuzeitlichen Stadt, Konstanz 2004, S. 9 - 60.
2.
Vgl. Erving Goffman, Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation, Frankfurt/M. 1996.