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Der globale Lauschangriff


25.1.2006
Wenn viel mehr Kommunikation abgehört wird als gesichtet werden kann, gefährdet der globale Lauschangriff nicht nur die bürgerlichen Freiheiten, sondern er verschwendet auch gigantische Ressourcen.

Einleitung



Im Februar 2003 unternahm die New Yorker Polizei hektische Anstrengungen, um die U-Bahn vor einem Terrorangriff zu schützen. Eine 16 000 Mann starke, in der Terrorbekämpfung besonders geschulte Einsatztruppe bezog überall in der Stadt Stellung. Die Behörden verstärkten die Patrouillen und Kontrollpunkte entlang der unzähligen unterirdischen Arterien, über welche die Pendler tagtäglich nach Manhattan hinein und wieder hinaus strömen.

Polizeibeamte postierten sich an jedem einzelnen Eingang der 16 unter Wasser befindlichen U-Bahntunnel innerhalb und außerhalb der Stadtgrenzen und schritten die hunderte Meilen langen Bahnsteige mit Spürhunden, Geigerzählern und Gasmasken ab. Was hatte diese plötzliche Verstärkung der Sicherheitsmaßnahmen ausgelöst? Was hatte das New York Police Department aufgeschreckt? Es war nur ein einziges Wort in einer abgehörten Unterhaltung zwischen Terrorverdächtigen: "Underground".[1]

Ganz harmlos hat sich der Begriff chatter in unseren Wortschatz eingeschlichen, "Geplapper" bzw. "Geschnatter" - ein kleines Wort, belanglos in seinen Assoziationen. Über Nacht erhielt der Begriff jedoch eine neue und beunruhigende Bedeutung. Inzwischen ist das elektronische "Geschnatter" eines bestimmten Tages gleichsam zu einer Art Panikbarometer geworden. Wie aus den meteorologischen Hinweisen, die einer Wettervorhersage zugrunde liegen, leiten wir aus chatter ab, ob sich ein Unheil zusammenbraut, ob wir uns im Alarmzustand oder sogar im höchsten Alarmzustand befinden; chatter vermittelt uns die exakte akustische Nuance für den Bedrohungsindex des nächsten Tages.

Aus welch eigentümlichem Gebräu leiten unsere Regierungen das Gefühl der Bedrohung ab, das wir an einem bestimmten Tag empfinden sollen? Die meisten Menschen machen sich davon keine Vorstellung. Aus aufgefangenem chatter, so hörten wir, gehe hervor, dass der Irak unter Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen herstelle. Zudem sei chatter den Terrorangriffen vom 11. September 2001 vorausgegangen. In den Wochen vor einer Katastrophe, so wird uns gesagt, bilde sich ein bestimmtes Muster heraus. Vor dem 11. September, den Bombenanschlägen in Bali im Oktober 2002 und den Selbstmordattentaten in Riad im November 2003 sei chatter ganz plötzlich zu einem regelrechten Crescendo fremder Stimmen angestiegen. Dann Stille. Dann Desaster. Wir wissen nur sehr wenig über die Terroristen der Al-Qaida, über ihren perversen Fundamentalismus, die tödliche Verbindung einer rückwärts gewandten Philosophie mit einer zukunftsgerichteten Technologie, über ihre schwer fassbare, virusähnliche Organisationsstruktur. Der verräterische, sich verändernde Rhythmus aber ist uns inzwischen bekannt: erst chatter, dann Stille, dann Angriff. Elektronisches Geschnatter ist zum alles überragenden, geisterhaften Phänomen der ersten Jahre des 21. Jahrhunderts geworden. Wer redet da? Wer hört zu? Wie vollzieht sich dieses Zuhören? Und vielleicht am wichtigsten: Wie vertrauenswürdig ist chatter als Vorbote künftigen Unheils?

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Susanne Laux, Königswinter.



Fußnoten

1.
Der Beitrag beruht auf dem Buch des Autors, Chatter. Dispatches from the Secret World of Global Eavesdropping, New York 2005. Dort finden sich auch alle Quellenhinweise.