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13.1.2006 | Von:
Eberhard Esche

Beiblättchen. Oder: Der Umgang mit Dichtern - Essay

Die Bedürfnisse des Publikums werden in Zeiten geistiger Anspruchslosigkeit nicht befriedigt oder gar gefördert. Das kündigte sich in der DDR an, das offenbart sich nun in der Bundesrepublik.

Einleitung

A: Sag mir, warum dich keine Zeitung freut?
B: Ich liebe sie nicht, sie dienen der Zeit.
(Johann Wolfgang von Goethe)

Irgendwann reifen für jeden die Jahre heran, sich der "Apotheken Umschau" zu nähern. Und sei es nur, um beim Blättern in selbiger die Bestätigung zu finden, daß ihm nichts fehle. Doch ist des Menschen Beschaffenheit von jener Art, daß ihm, in welcher Befriedigung auch immer er sich aufhält, ihm immer etwas fehlt - und sei es nur ein Lob.



Denn Lob stärkt die Abwehrkräfte. Und nahm einst der junge Mensch das Lob für selbstverständlich, weiß nun der alte es zu schätzen. Und sucht es. Und gibt man's ihm nicht freiwillig, hilft er nach. Und so stellt er die folgende Frage: "Na, was glauben Sie wohl, wie alt ich bin?" Da fühlt sich der Aufgeforderte in die Nötigung genommen und nennt nach scheinbarem Zögern, welches aufrichtige Nachdenklichkeit signalisieren soll, eine niedrigere Zahl als die, die er annimmt, daß es die zutreffende wäre. Und wenn ihm nach vollbrachtem Akt der Höflichkeit stolz das wahre Alter mitgeteilt wird, tut er lieb erstaunt.

Das ist das kokette Spiel, welches allen wohltut. Aber vor allem dem Fragenden selbst, denn, wie gesagt, Lob stärkt die Abwehrkräfte.

So der allgemeine Hergang, aus dem mich fernzuhalten es mir an Stärke fehlt. Und ich kann ihn nur umgehen, indem ich statt der Frage "Na, was glauben Sie wohl, wie alt ich bin?" die Frage stelle "Na, was glauben Sie wohl, wie lange schon das Wintermärchen läuft?" Die Rede ist von Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen.

II

Jag fort das Komödiantenpack,Und schließe die Schauspielhäuser,Wo man die Vorzeit parodiert -Komme du bald, o Kaiser!
(Caput XVII.)

Dem von den Medien großgelobt Regietheater genannten Pfusch zum Trotze behaupte ich mich am Deutschen Theater in Berlin seit 23 Jahren mit Goethes Reineke Fuchs und seit 32 Jahren mit Heines Deutschland. Ein Wintermärchen. Beides auch zu meinem Erstaunen. Denn die geistigen Bedürfnisse des Publikums werden in Zeiten geistiger Anspruchslosigkeit zwar großen Drangsalierungen ausgesetzt, aber bestimmt nicht befriedigt oder gar gefördert. Das kündigte sich in der DDR in ihren Verfallszeiten an, das offenbart sich nun in der BRD. Und folglich denke ich von Vorstellung zu Vorstellung: Ob sie noch kommen werden - die Leute? Denn ohne Zuschauer im Saal wären Dichter wie Schauspieler, Intendanten wie Geschäftsführer geleimt. Aber noch kommen sie!

Den beiden großen Epen der beiden deutschen Klassiker ist eigen, daß sie mit der Wetterlage beginnen und der politischen enden. Und da das Ganze voller Humor ist, in bestem Deutsch verfaßt ist, und bestes Deutsch auch große Musik ist, gefällt das jenem Teil des Publikums, welcher sich weigert, sich vollends den allseits angebotenen Verblödungen auszusetzen.

So holte und holt sich jeder aus dem von Goethe und Heine Gebotenen das, was er gerade braucht. Das, was sein lebendiger Verstand, sein erworbener Geschmack und sein angeborener Überlebenswille, rücksichtslos gegenüber dem herrschenden Zeitgeist, ihn denken und fühlen lehrt. Und während einst zu den Vorstellungen in Ost-Berlin mehr die periodisch auftretenden Engpässe und die nicht vollends universellen Reisemöglichkeiten sich als Aktualitäten in den Dichtungen zu finden schienen, ist nun, in der Einheit Deutschlands angekommen, die Zukunft Deutschlands die Wahrnehmung. Und die liegt, so Heine, was man sich bei Deutschlands einst existierender Zweistaatlichkeit nicht vorstellen konnte: im Kackstuhl von Karl dem Großen.

Die Zukunft Deutschlands erblickst du hier,Gleich wogenden Phantasmen,Doch schaudre nicht, wenn aus dem WustAufsteigen die Miasmen!
(Caput XXVI.)

III

Der Umgang mit Großen ist immerdem vorteilhaft, der ihrer mit Maßzu brauchen weiß.(Goethe)
Der vorteilhafteste Umgang für Schauspieler ist - so viele Vorteile sie ihm auch bringen mögen - nicht der Umgang mit Intendanten, ist nicht der Umgang mit Regisseuren, es ist der Umgang mit Dichtern. Spät, recht spät begriff ich das, doch als ich es begriff, änderte sich, selbstverständlich nicht auf einmal, doch immerhin allmählich, mein Verhältnis zum Theater und damit zur Gesellschaft. Hier das zutreffende Beispiel:

1989 fiel die Mauer. Ich weiß seit diesem Jahr, dem Jahr, als mein sozialistischer Fernseher implodierte, daß das beste Netz bei tiefem Fall für den Herunterfliegenden die guten Bücher sind. Zu lesen, daß es nichts Neues unter der Sonne gibt, kann, wenn gar nichts mehr hilft, ein Trost sein. Und seit mir dieser teilhaftig geworden, weiß ich, von wem ich das meiste in meinem Leben gelernt habe: von Heinrich Heine. Durch ihn fand ich zu Goethe und von Goethe fand ich zu Peter Hacks. Akzeptiert man diese Reihenfolge, kann man sie auch umgekehrt lesen. Denn versucht ein neugieriger Mensch, jenen Teil der Zeit, die die Zeiten und die Geschäfte ihm lassen, in guter Gesellschaft zu verbringen, ist es überflüssig zu fragen, von welchem der guten Gesellschafter er das meiste gelernt hat.

IV

Als ich das Wintermärchen am 13. Dezember 1997 zum 200. offiziellen Geburtstag von Heinrich Heine im Deutschen Theater gab, war das Haus bis auf den letzten Platz besetzt. Nach dem Vortrag des Gedichts und einer gebührenden Anzahl von Zugaben hielt ich eine kleine Rede. Ich hielt sie aus dem Hut. Ich gebe sie auch so wieder.

"Sehr verehrtes Publikum, ich kann mich leider nicht für Ihr Kommen bedanken, da nicht der Schauspieler der zu Feiernde ist, sondern der Dichter. Und der ist tot. Und das ist sein Glück. Denn wäre er das nicht, wäre es nicht auszuschließen, daß ihn die Medien gar nicht bemerken würden. Lebende Dichter, wenn sie den Namen Dichter verdienen, werden (bis auf ein paar Festtagsannoncen in den Journalen) nicht wirklich geehrt. Wir aber, meine Damen und Herren, wir sind uns darin einig: Ob das ein Jahrestag ist oder nicht, ein Dichter, wenn er den Namen verdient, ist immer zu feiern. Oder sagen wir es tätiger, er ist täglich zu bemerken.

Niemand weiß es, ob der heutige Tag wirklich der 200. Geburtstag des Dichters ist. Da es keinen Taufschein gibt, weiß niemand den Tag, ja, noch nicht einmal das Jahr seiner Geburt genau. Man nimmt das nur an. Und Heine selbst hat uns, bis zum heutigen Tag und wahrscheinlich für alle Ewigkeit, da im Ungenauen gelassen. Vielleicht mochte der Mann keine Geburtstage. Von Brecht ist nun wirklich bekannt, daß der wirklich keine mochte, und darum hält sich keiner daran. Es gibt eben die administrative Gewohnheit, Leute, die durch einen mehr oder weniger natürlichen Tod unschädlich gemacht sind, durch die Erfindung der Gedenktage noch unschädlicher zu machen. Man also gedenken muß, aus welchem Grund auch immer man gedenkt. Und wenn man den Stichtag, wie in unserem Falle, nicht weiß, wird einer erstellt. Verwaltungstechnisch gesehen, geht das nur willkürlich; vergleichsweise so wie bei der 750-Jahrfeier von Berlin.

Es weiß doch bis heute keiner, wie lange es die beiden Dörfer Kölln und Berlin, unweit des S-Bahnhofes Jannowitzbrücke an der Biegung des Flusses gelegen, den wir die Spree nennen, schon gibt. Die Festsetzung der 750sten fußte auf der 700-Jahrfeier von Berlin. Und diese Festlegung stammt nicht von einem Eingeborenen, sie stammt von einem Zugewanderten, dem Dr. Joseph Goebbels aus einem Dorf beim Rhein. Man kann, im großen und ganzen, davon ausgehen, daß das Geburtsjahr von Heinrich Heine nicht der Doktor vom Rhein festgelegt hat; und so hätte durchaus auch im nächsten Jahr Heines Geburtstag gefeiert werden können. Wie gesagt, Heine läßt uns da im Dunkel. Für mein Dafürhalten wäre das nächste Jahr sogar günstiger. Denn da wir mit Deutschland. Ein Wintermärchen 1997 im 24. Jahr der Aufführung im Deutschen Theater stehen, wäre das Jahr 1998 dann sogar schon das 25. Noch besser wäre es natürlich, wenn wir den 200. Geburtstag von Heinrich Heine erst 1999 feiern würden, denn dann stünde ich hier oben nicht im 25. Jahr, sondern es wäre schon das 25. Jahr. Das würde sich dann merkwürdigerweise wieder mit dem Entstehungsjahr decken, ich meine, mit der Premiere vom Wintermärchen, die auf dieser Bühne stattfand. Und hätte man uns seinerzeit nicht um eine kleine Verschiebung gebeten, so hätten wir (wir, das sind der unbestechliche Regisseur Adolf Dresen und ich) die Premiere am 7. Oktober 1974 stattfinden lassen. Der 7. Oktober aber war der 25. Geburtstag der Deutschen Demokratischen Republik. Doch findet dieser Jahrestag heuer nicht mehr das allgemeine Interesse. Unverständlicherweise.

Verzeihen Sie den Ausflug, ich kehre zur Realität zurück. Es wird Sie überraschen, daß ich in diesen 23 Jahren niemals an Jahrestage gedacht habe, sondern nur an drei Dinge: Erstens: Kann ich meinen Text. Zweitens: Bin ich heute gut. Und drittens: Kommen - und das denke ich, seit die Mauer fiel, in zunehmendem Maße - Leute?

Und bis heute kommen sie! Das Wintermärchen läuft und läuft und wird an Laufzeit nur von der Mausefalle in London übertroffen. Und Sie, verehrtes Publikum, sind es, für die ich es am Deutschen Theater laufen lasse! Dabei darf ich nicht verschweigen, daß es bisher noch stets dem Verwenden wechselnder Intendanten zu danken ist, daß der Heine im Spielplan des Hauses geblieben.[1] Bei dieser Erwähnung ist als lustiges Nebenspiel zu entdecken, daß der Heine, dieses natürlich nur in diesem Zusammenhange gedacht, schon eine gehörige Reihe von Intendanten überleben konnte.

Herr Sommer, der Inspizient, der dort in der Gasse steht, hat mir in der Pause die Zuschauerzahl des heutigen Abends genannt, es sind 540 Besucher. Sie, meine Damen und Herren, sind stellvertretend für die doch nahezu 150 000 Besucher, welche in diesen 24 Jahren hier und bei Gastspielen an anderen Orten Heine und sein Wintermärchen gesehen haben. Das ist, wenn man Theaterbesucher zur Elite eines Volkes rechnet, und ich tue das, doch keine ganz so kleine Zahl. Es sind Menschen, die sich, in einer Zeit, in welcher das Individuum als Quotenfutter betrachtet wird, das Recht auf Besseres nicht nehmen lassen. Und so betrachte ich den heutigen Abend, den man als Geburtstag des großen deutschen Dichters der Weltklasse feiert, als Danksagung an das Publikum Berlins und seiner Gäste. Ich danke Ihnen."

Diese kleine Rede hielt ich im Jahre 1997. Diesen kleinen Artikel schreibe ich im Jahr 2005. Und (noch) hat das Deutschen Theater in Berlin Heines Wintermärchen in seinem Spielplan. Und so also spielt das Wintermärchen seit zweiunddreißig Jahren. Mir ist kein anderes deutsches Theater bekannt, welches in seinem Repertoire eine Abendvorstellung mit dieser schönen langen Spielzeit aufweisen kann.

V

Doch nun am Ende dieses arglosen Artikelchens bin ich dem verehrten Leser eine Erklärung schuldig. Der Leser wird sich fragen, warum ich das ihm Vorliegende Beiblättchen genannt habe. Nun, der Titel hat, wie kann es anders sein, einen Hintersinn. Der Hintersinn ist dünn und mündet in einer dünnen Pointe. Für beide Dünnheiten kann ich nichts. Vor der Pointe beginne ich mit dem Hintersinn:

Wir benutzen zu unserem täglichen Gebrauch Wörter, deren Ursprung uns piepe ist. (So gebrauchen wir, uns in das nordamerikanische Kulturgut einfühlend, beispielsweise den Begriff Event und vergessen das Herkommen aus dem Französischen, wo es évènement heißt, was zu deutsch Ereignis bedeutet. Wie nebenbei, erfährt so der geneigte Leser, was ein Event nicht ist.) So ist uns piepe, wie das heißt, was wir täglich vor der Nase haben; ich spreche vom deutschen Feuilleton. Der Begriff Feuilleton kommt aus dem Französischen und das deutsche Wort dafür lautet Beiblättchen. Soweit der Hintersinn. Und nun die Pointe.

Die hauptstädtischen Beiblättchen haben, ob in der DDR oder nun in der BRD, bis zum heutigen Tage niemals von der Aufführung Deutschland. Ein Wintermärchen Notiz genommen. Alle Berliner Feuilletonisten, oder auf deutsch, alle Berliner Beiblattler, gleichviel welcher Couleur, gleichviel unter welchem Regime, nahmen sich die Freiheit.

Fin

Doch auch das Publikum kann rücksichtslos sein, die jahrzehntelang vollen Säle beweisen es: Nicht unwesentliche Teile des Publikums ignorieren die Freiheit der Presse.

So liefere ich mit Hilfe der großen deutschen Dichter und der Unterstützung des Publikums des Deutschen Theaters den Beweis, daß man auch ohne die Medien die Massen ergreifen kann.

Wenn Hermann nicht die Schlacht gewann,
Mit seinen blonden Horden,
So gäb es deutsche Freiheit nicht mehr,
Wir wären römisch geworden!

Die Wahrheitsfreunde würden jetzt
Mit Löwen, Hyänen, Schakalen
Sich raufen in der Arena, anstatt
Mit Hunden in kleinen Journalen.

Heinrich Heine. Deutschland. Ein Wintermärchen. Caput XI.


Fußnoten

1.
Nachtrag von 2005: Natürlich gab es Intendanten, denen es nicht leichtfiel, diese schöne Vorstellung im Spielplan zu halten. War es mal der Neid, der von innen her knabberte, waren es mal politische Ruminationen, die von außen her kollerten, gleichviel, am Ende siegte bei den Herren immer die Vernunft. Wofür ich sie, betreffs des Goethes und des Heines, in Reminiszenz behalte.