Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Reiner Grundmann

Die Wissenschaften in der Klimadebatte

Wenn man etwas über die Rolle der Klimawissenschaften in der Klimadebatte sagen will, sind zunächst einige begriffliche Klärungen vorzunehmen. Es sollen drei Dimensionen der Wissenschaft unterschieden werden: erstens Wissenschaft als Corpus des gesammelten Fachwissens, zweitens Wissenschaft als Kollektivunternehmen, verkörpert durch Institutionen und Organisationen, sowie drittens Wissenschaft als durch Wissenschaftler verkörperte Lehrmeinung.[1] Ich werde im Folgenden auf alle drei Aspekte eingehen, mit einem Schwerpunkt auf den ersten und den dritten Aspekt, da es oft Wissenschaftler sind, die als Akteure in der öffentlichen Debatte auftreten und dabei wissenschaftliche Argumente vorbringen.

Stand des Wissens

Im öffentlichen Diskurs werden die wissenschaftlichen Aspekte des Klimawandels häufig als geklärt angesehen, und es wird von einem Konsens unter den Klimawissenschaftlern gesprochen.[2] Dies bezieht sich auf die Frage, ob der beobachtete Temperaturanstieg menschengemacht ist, sowie auf die Tatsache, dass die globale Durchschnittstemperatur um etwa ein Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter gestiegen ist. Dem kann ein relevanter Klimaeffekt, der Anstieg des Meeresspiegels, hinzugefügt werden. Dieser hat sich in den vergangenen Jahren beschleunigt und wird bis zum Jahrhundertende auf bis zu 1,1 Meter geschätzt.[3] Andere Klimawandelfolgen sind die Belastungen der Ökosysteme und die Zunahme extremer Wetterereignisse wie Starkregen, Hitzewellen oder tropische Stürme.

Zugleich werden in der öffentlichen Debatte oft alle Auswirkungen zusammengenommen und unter Berufung auf "die" Wissenschaft behauptet, der Klimawandel bedeute die Klimakatastrophe.[4] Es kursieren sehr viel höhere Zahlen etwa in Bezug auf den wahrscheinlichen Meeresspiegelanstieg (über zehn Meter) oder die Häufigkeit beziehungsweise Stärke von Wirbelstürmen. Diese dramatischen Aussagen werden vom Weltklimarat (IPCC) allerdings nicht gedeckt.[5]

Tatsächlich gibt es nach wie vor große wissenschaftliche Unsicherheiten. Dies gilt vor allem in Bezug auf die Klimasensitivität, eine Messgröße der durchschnittlichen Temperaturerhöhung infolge einer Verdopplung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Dieser Wert wird seit 1979 in einer Bandbreite von 1,5 bis 4,5 Grad Celsius angegeben.[6] Dabei macht es einen großen Unterschied, ob die Mitteltemperaturen um 1,5 oder 4,5 Grad steigen werden, denn dieser Parameter hat einen direkten Einfluss auf alle weiteren Auswirkungen des Klimawandels: Höhere Temperaturen führen zu höheren Meeresspiegeln, größerem Druck auf ökologische Systeme und die Landwirtschaft, zu höheren ökonomischen Kosten und sozialen Herausforderungen. Die Größenordnung der Veränderung ist also von entscheidender Bedeutung. Zu dieser Frage hat die Klimawissenschaft jedoch keinen Fortschritt gemacht.

Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema Klimawandel haben in jüngster Zeit zugenommen, der Umfang der IPCC-Berichte ebenfalls.[7] Dennoch ist keine Reduktion der CO2-Konzentration in der Atmosphäre zu beobachten, nicht einmal ein Rückgang der jährlichen globalen Emissionen. In dieser Hinsicht wird die Wirkmächtigkeit von Forschungsergebnissen überschätzt. Der viel zitierte wissenschaftliche Konsens, der über die Jahre gewachsen sein und mittlerweile bei 97 Prozent liegen soll, hat also bislang den Erfolg von Klimapolitik nicht sichtbar beeinflusst.[8] Wissenschaftliche Erkenntnisse, politische Maßnahmen und Auswirkungen in der Realität sind im besten Fall lose gekoppelt. Gerade Klimawissenschaftler sperren sich zuweilen dieser grundlegenden Einsicht, wenn sie beklagen, dass Regierungen zu wenige Wissenschaftler als Berater hätten, dass es nicht genug Regierungschefs mit wissenschaftlicher Ausbildung gebe oder dass der Mangel an Fortschritt der Desinformation von Klimaskeptikern geschuldet sei.[9]

Die USA waren mit Blick auf die Genese der modernen Klimaforschung und ihren Bezug zur Politik Vorreiter.[10] Den dortigen wissenschaftlichen Eliten gelang es frühzeitig, Gelegenheitsfenster zu nutzen, um das Thema auf die Tagesordnung zu setzen, Forschungsförderung einzuwerben und Netzwerke aufzubauen, auch zu politischen Entscheidungsträgern. Dabei wurde wissenschaftliche Forschung als grundlegend für politisches Handeln angesehen. Anfangs herrschte großer Optimismus mit Blick auf den Zeitrahmen: 1973 wurde davon ausgegangen, dass die wissenschaftliche Basis bis 1980 komplettiert werden könne.[11] Tatsächlich ist sie heute immer noch unvollkommen, und politische Initiativen haben sich unabhängig von Erkenntnisfortschritten entwickelt. Die Hoffnung, dass mehr und besseres Wissen zu effektiver Klimapolitik führen werde, hat sich als verfehlt erwiesen.

Dennoch wurde die politische Brisanz des Themas immer wieder angesprochen. Außergewöhnliche Wetterereignisse wie der Hitzesommer in der Sowjetunion oder der Kälteeinbruch in den USA Anfang der 1970er Jahre spielten dabei eine wichtige Rolle. Der damalige US-Außenminister Henry Kissinger forderte eine bessere internationale Forschung zu Klimadesastern und deutete an, dass die USA bereit seien, hier voranzugehen. Mit etwas "Hilfe von Mutter Natur" erreichte die Klimaforschung also die Aufmerksamkeit führender US-Politiker. Dieses Muster hat sich in den folgenden Jahrzehnten wiederholt, vor allem durch das Anführen von Wetteranomalien als Beleg für den Klimawandel und die Dringlichkeit zu handeln.

Fußnoten

1.
Siehe auch Sheila Jasanoff, Science and Society. Testing Time for Climate Science, in: Science 5979/2010, S. 695f.
2.
Vgl. John Cook et al., Quantifying the Consensus on Anthropogenic Global Warming in the Scientific Literature, in: Environmental Research Letters 2/2013.
3.
Vgl. Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), Special Report: The Ocean and Cryosphere in a Changing Climate, Genf 2019.
4.
Vgl. Peter Weingart/Anita Engels/Petra Pansegrau, Risks of Communication: Discourses on Climate Change in Science, Politics, and the Mass Media, in: Public Understanding of Science 3/2000, S. 261–283.
5.
Vgl. IPCC, Climate Change 2013: The Physical Science Basis, Cambridge 2013.
6.
Vgl. Ad Hoc Study Group on Carbon Dioxide and Climate, Carbon Dioxide and Climate, Washington, D.C. 1979; Jeroen van der Sluijs et al., Anchoring Devices in Science for Policy: The Case of Consensus around Climate Sensitivity, in: Social Studies of Science 2/1998, S. 291–323.
7.
Die Zahl der klimawissenschaftlichen Publikationen ist im Zeitraum von 1980 bis 2012 exponentiell gewachsen und verdoppelt sich jeweils innerhalb von fünf bis sechs Jahren. Vgl. Robin Haunschild/Lutz Bornmann/Werner Marx, Climate Change Research in View of Bibliometrics, 29.7.2016, https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0160393«.
8.
Vgl. Warren Pearce et al., Beyond Counting Climate Consensus, in: Environmental Communication 6/2017, S. 723–730.
9.
Daniel Sarewitz, Does Climate Change Knowledge really Matter?, in: Wiley Interdisciplinary Reviews: Climate Change 4/2011, S. 475–481.
10.
Spencer R. Weart, The Discovery of Global Warming, Cambridge MA 2003; David M. Hart/David G. Victor, Scientific Elites and the Making of US Policy for Climate Change Research, 1957–74, in: Social Studies of Science 4/1993, S. 643–680.
11.
Vgl. National Research Council, Weather & Climate Modification: Problems and Progress, Washington, D.C. 1973.
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