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2.11.2007 | Von:
Michael Klein
Ernst-Theodor Rietschel

Schnittstellen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften

Schnittstellen (oder Überschneidungen) von Geistes- und Naturwissenschaften

Im Rahmen der diesjährigen Nobelpreisträgertagung in Lindau diskutierten die Gelehrten über die Beziehungen von Geistes- und Naturwissenschaften, und der Molekularbiologe und Vorsitzende des Europäischen Forschungsrates, Fotis Kafatos, formulierte: "Wir sind alle Entdecker, wir suchen alle nach der Wahrheit." Genau das ist das Problem, möchte man ihm zurufen!

Die Naturwissenschaften stellen - zumindest im eigenen Verständnis - mit ihrer kritisch-empirisch-rationalen Methode die Erkenntnis der natürlichen (im Sinne von Natur) Lebenswelt des Menschen in den Mittelpunkt - nach Aristoteles der Welt, die nicht von Menschen gemacht wurde. Wer demnach keine anderen Quellen von Erkenntnis im Sinn von Wissenschaft gelten lässt, für den gibt es zu den Naturwissenschaften keine Alternative - wahr ist, was beweisbar ist! Diese Deutung wird von dem Mittelalterphilologen und Vorsitzenden des Wissenschaftsrates, Peter Strohschneider, relativiert, indem er feststellt: "Im Gegensatz zur Natur sind die Naturwissenschaften ein Produkt der Kultur", weshalb auch der Abstand von Geistes- und Naturwissenschaften geringer sei als der von Natur und Naturwissenschaft. Da unbestritten ist, dass menschliches Handeln und Verhalten biologische Grundlagen haben, deren Ausprägung jedoch eine Kulturleistung ist, greifen an dieser Stelle Geistes- und Naturwissenschaften ineinander.

Zwar ist die Einteilung in Fächer bzw. Disziplinen weiterhin sinnvoll, doch muss dabei gesehen werden, dass jeder Gegenstand von wissenschaftlicher Betrachtung dynamisch und offen ist und es gerade an den Rändern (z.B. Soziobiologie, Biochemie, Anthropologie, Ökologie) Bewegung gibt. Grenzen sollten daher nicht als trennendes Ende verstanden werden, sondern als die Notwendigkeit der Fortsetzung, als verbindende Berührungspunkte, eben als Schnittstellen, die sich überall da aufdrängen, wo die Herausforderungen der Zukunft nicht mehr mit einem einzigen Modell bzw. einer einzigen Methode innerhalb einer einzelnen Disziplin zu lösen sind. Im "Gegenstand" Mensch werden die Grenzen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu Überschneidungen, die zwar große Risiken bergen, aber auch enorme Chancen bieten. Einen vorbildlichen Ansatz hat hier das Anfang 2007 an der Universität Tübingen eröffnete Forum Scientiarium, das sich im Rahmen des ersten Studienkollegs mit dem Thema Biologische und kulturelle Grundlagen menschlichen Denkens beschäftigt. Auch die europäische Arbeitsgruppe Philosophische Anthropologie, die in Deutschland an der TU Dresden vertreten ist, leistet hier durch ihre jährlichen Kongresse wertvolle Arbeit.