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24.9.2007 | Von:
Eckhard Jesse

Die Ursachen des RAF-Terrorismus und sein Scheitern

Die Hintergründe für den terroristischen "Aufstand im Schlaraffenland" sind so vielfältig wie die Ursachen des Scheiterns.

Einleitung

Die Schreckensbilder und Schrecken des so genannten "Deutschen Herbstes"[1] vor 30 Jahren haben sich tief im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik Deutschland festgesetzt. Erschütternde Bilder von Toten stehen den Zeitzeugen vor Augen: die zum Schutz des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer abkommandierten drei Polizeibeamten und dessen Chauffeur; der Kapitän der Lufthansa-Maschine "Landshut" und deren Entführer; die Terroristen in Stammheim; schließlich Schleyer selbst. Kommende Ereignisse, heißt es, werfen ihre Schatten voraus. Dies gilt auch für die Erinnerung an frühere Ereignisse: Die Zahl der jüngst publizierten Bücher zur 30. Wiederkehr des "Deutschen Herbstes" ist nahezu unüberschaubar, von der überbordenden Fülle an Zeitungsartikeln gar nicht zu reden.[2]



Mit dem voluminösen zweibändigen Werk zur Roten Armee Fraktion (RAF), wie sie sich selbst überheblich nannte, um Kombattantenstatus zu beanspruchen, ist unter der Ägide von Wolfgang Kraushaar ein großer Wurf gelungen.[3] Es spart so gut wie keinen Aspekt des deutschen Linksterrorismus aus und dürfte auf unabsehbare Zeit das Standardwerk zum Thema sein. Butz Peters hat seine umfassende, faktenreiche Gesamtdarstellung zur RAF aktualisiert vorgelegt, Willi Winkler eine eher meinungsfreudige.[4] Die Biographien über Andreas Baader und Ulrike Meinhof,[5] nach denen die Gruppe benannt war, können bei allem Bemühen nicht recht erklären, wieso die als sensibel geltende Linksintellektuelle Meinhof von einem nichtsnutzigen Bohème-Typ wie Baader fasziniert war und seinem machohaften Kommando gehorchte. Werfen Martin Knobbe und Stefan Schmitz in kompakter Form einen Blick auf das "Terrorjahr 1977", so will Sven Felix Kellerhoff Legenden entlarven, die sich um die RAF ranken.[6] Angelika Holderberg lässt ehemalige RAF-Terroristen zu Wort kommen, Anne Siemens, das geschieht zu selten, die Angehörigen von (prominenten) Opfern.[7] Hat Kurt Oesterle den wahrlich nicht schikanösen Alltag der Häftlinge in Stammheim geschildert, stellt nun Ulf G. Stuberger, der seinerzeit keinen Verhandlungstag versäumt hatte, den mitunter hitzigen Prozessverlauf zwischen 1975 und 1977 minutiös dar.[8] Während Susanne Kailitz mögliche Verbindungslinien zwischen der Frankfurter Schule, der Studentenbewegung und der RAF prüft, analysiert Mario Petri die Anti-Terrorismus-Strategien auf die Herausforderung durch die RAF.[9]

Wie diese Titel verdeutlichen, ist die Zeit des Terrorismus der RAF einerseits weit entfernt, andererseits bedrückend nah. Weit entfernt mutet die Zeit an, da heute kein Ernstzunehmender mehr auf den Gedanken kommt, das Gewaltmonopol des Staates in Frage zu stellen und fahrlässig oder gar vorsätzlich "Gewalt gegen Sachen" zu propagieren. Revolutionäre Phrasendrescherei ist so gut wie verhallt. Die Bereitschaft, Verständnis für die hehren Motive der Terroristen kund zu tun, ist eine Generation später kaum mehr begreifbar. Manche wollen nicht gerne an das erinnert werden, was sie einst zu Papier gegeben haben. Der terroristische Schrecken reicht in die heutige Zeit hinein, weil die Erinnerung an ihn Wunden aufreißt, wie etwa im Frühjahr des Jahres bei der aufgeregten Diskussion um eine mögliche Begnadigung Christian Klars zum Vorschein kam. Sie bleibt noch aus einem anderen Grund nahe. Vor dem islamistischen Terrorismus, der besonders spektakulär am 11. September 2001 sein gewalttätiges Gesicht gezeigt hat, ist auch Deutschland nicht gefeit, gibt es doch für terroristische Islamisten nicht nur den nahen Feind, den regionalen, sondern auch den fernen Feind, den transnationalen.[10]

Dieser Beitrag spürt den Hintergründen für den "Aufstand im Schlaraffenland"[11] nach. Was waren die Ursachen für die Bildung der RAF? Wieso ging der Terrorismus nach der Festnahme der ersten Generation weiter? Wodurch unterschieden sich die "drei Generationen" der RAF? An welchen inneren und äußeren Konstellationen scheiterte der hiesige, die Tötung von Repräsentanten des "Systems" anstrebende Terrorismus?

Fußnoten

1.
Zur Problematik dieses Begriffs vgl. Eckhard Jesse, "Deutscher Herbst"? Die RAF und der linke Terrorismus, in: Mut, (2007) 9, S. 6 - 13.
2.
Vgl. etwa das Interview von Giovanni di Lorenzo mit Helmut Schmidt, "Ich bin in Schuld verstrickt", in: Die Zeit vom 30.8. 2007, S. 17 - 21.
3.
Vgl. Wolfgang Kraushaar (Hrsg.), Die RAF und der linke Terrorismus, 2 Bde., München 2006.
4.
Vgl. Butz Peters, Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF, Neuausgabe, Frankfurt/M. 2007; Willi Winkler, Die Geschichte der RAF, Berlin 2007.
5.
Vgl. Klaus Stern/Jörg Herrmann, Andreas Baader. Das Leben eines Staatsfeindes, München 2007; Kristin Wesemann, Ulrike Meinhof. Kommunistin, Journalistin, Terroristin - eine politische Biographie, Baden-Baden 2007.
6.
Vgl. Martin Knobbe/Stefan Schmitz, Terrorjahr 1977. Wie die RAF Deutschland veränderte, München 2007; Sven Felix Kellerhoff, Was stimmt? RAF. Die wichtigsten Antworten, Freiburg/Br. 2007.
7.
Vgl. Angelika Holderberg (Hrsg.), Nach dem bewaffneten Kampf. Ehemalige Mitglieder der RAF und Bewegung 2. Juni sprechen mit Therapeuten über ihre Vergangenheit, Gießen 2007; Anne Siemens, Für die RAF war er das System, für mich der Vater. Die andere Geschichte des deutschen Terrorismus, München-Zürich 2007.
8.
Vgl. Kurt Oesterle, Stammheim. Der Vollzugsbeamte Horst Bubeck und die RAF-Häftlinge, Neuauflage, München 2007; Ulf G. Stuberger, Die Tage von Stammheim. Als Augenzeuge beim RAF-Prozess, München 2007.
9.
Vgl. Susanne Kailitz, Von den Worten zu den Waffen? Frankfurter Schule, Studentenbewegung, RAF und die Gewaltfrage, Wiesbaden 2007; Mario Petri, Terrorismus und Staat. Versuch einer Definition des Terrorismusphänomens und Analyse zur Existenz einer strategischen Konzeption staatlicher Gegenmaßnahmen am Beispiel der Roten Armee Fraktion in der Bundesrepublik Deutschland, München 2007.
10.
Vgl. Guido Steinberg, Der nahe und der ferne Feind. Die Netzwerke des islamistischen Terrorismus, München 2005.
11.
So Matthias Horx, Aufstand im Schlaraffenland. Selbsterkenntnisse einer rebellischen Generation, München-Wien 1989. Der Titel meint allerdings die 68er-Generation in toto.