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9.8.2007 | Von:
Kerstin Jürgens
G. Günter Voß

Gesellschaftliche Arbeitsteilung als Leistung der Person

Die Trennung von "Arbeit und Leben" im Fordismus

War die vorindustrielle Zeit durch eine für die meisten Menschen weitgehende Vermischung verschiedener Aktivitäten gekennzeichnet, so bildete sich mit der Durchsetzung des Industriekapitalismus eine folgenreiche strukturelle Separierung von Tätigkeitsformen in der Gesellschaft heraus: Große Teile der Arbeit verlagerten sich von der gemeinsamen Produktions- und Reproduktionsstätte des "ganzen Hauses" in separierte Orte wie Manufakturen, Fabriken und Büros. Dort wurden unter organisatorisch-technischer Steuerung spezialisierte Tätigkeiten verrichtet, die einen Gelderwerb ermöglichten. Dieser entwickelte sich zur Grundlage der Existenzsicherung, wodurch die Erwerbsarbeit eine Sonderstellung gegenüber allen anderen Tätigkeitsformen erhielt.

Diese Differenzierung und Hierarchisierung entwickelte sich im 20. Jahrhundert weiter. Das für diese Zeit typische fordistische Modell der Gesellschaft war von einer sozial- und arbeitspolitisch regulierten Arbeitsteilung zwischen zwei Sphären geprägt - der "Arbeit" (Erwerbsarbeit) und dem "Leben" (alle anderen Tätigkeiten).[2] Die mit der Industrialisierung breitflächig durchgesetzte und in der Nachkriegszeit staatlicherseits stabilisierte Trennung von "Arbeit und Leben" prägt den Alltag der meisten Menschen bis heute tiefgreifend: In der Sphäre der erwerbsbezogenen und formell geregelten "Arbeit" ("Produktion") stellen abhängig Beschäftigte in hierarchischen Organisationen vermarktbare Güter und Dienstleistungen her und sichern über bezahlte Erwerbsarbeit ihre Existenz. In der Sphäre des privaten und eher informellen "Lebens" ("Reproduktion") erholen sie sich von den Beanspruchungen; sie "re-produzieren" ihre Arbeitskraft, indem sie Kinder großziehen, Alte und Kranke versorgen und ihre von erwerbsbezogenen Verpflichtungen "freie" Zeit zum Beispiel für soziale Kontakte, individuelle Bedürfnisse oder ehrenamtliches Engagement nutzen.

Diese sachliche und räumliche Trennung von Tätigkeiten in der Gesellschaft führte - zusammen mit der Institutionalisierung von kollektiven, auf Arbeit bezogenen zeitlichen Mustern - nicht nur zu einer spezifischen Strukturierung der Lebensführung der betroffenen Erwerbstätigen, sondern strahlte auch auf die Ordnung der Gesellschaft insgesamt aus. Der private Haushalt und die dort verrichteten vielfältigen Arbeiten blieben zwar hochgradig funktional für die biologische und soziale Reproduktion des Arbeitsvermögens der Erwerbstätigen. Sie wurden jedoch als "privat" deklariert und waren abhängig von einem in der Erwerbsarbeit erzielten Einkommen. Während es in anderen Staaten (etwa der DDR) eine Verstaatlichung von Teilen der Familienarbeit (Kinderkrippen und -horte) gab, blieb diese in der Bundesrepublik Deutschland weitgehend im Privathaushalt angesiedelt: Haus- und Familienarbeit wurden hauptverantwortlich von Frauen geleistet, die über den Familienlohn und die Sozialversicherung des Mannes zwar abgesichert, aber dadurch auch vom ihm abhängig waren.

Das westdeutsche Muster einer strikten Trennung von "Arbeit und Leben" ging auf diese Weise mit der ungleichen Aufteilung von gesellschaftlichen Aufgaben einher; es schrieb fundamentale Ungleichheiten der Geschlechter fest: Männer wurden zum "Ernährer" und Haushaltsvorstand deklariert, Frauen auf ihre Aufgaben als Hausfrauen und Mütter mit begrenzter staatlicher Unterstützung reduziert. Frauenbewegung und Bildungsexpansion lieferten zwar Impulse für eine steigende Erwerbsorientierung von Frauen, aber es blieb - im Vergleich zu anderen Ländern - bis heute bei einer "Teilzeit- Integration" in den Arbeitsmarkt.[3] In der Folge ist der deutsche Arbeitsmarkt bis heute geschlechtlich segregiert: Frauen arbeiten vorwiegend in Branchen und befinden sich in Positionen mit schlechten Einkommens- und Aufstiegschancen und entsprechenden Nachteilen für die Alterssicherung. Das "Normalarbeitsverhältnis", das existenzsichernde Entlohnung und sozialversicherungsrechtliche Absicherung ermöglicht, war und ist ein auf die "männliche", erwerbsfixierte Lebensweise ausgerichtetes Beschäftigungsverhältnis.

Die Auswirkungen der Trennung der beiden sozialen Sphären betrafen jedoch nicht nur das Thema der "Vereinbarkeit" bei Frauen. Die beschriebene Arbeitsteilung beeinflusste das Handeln und die Orientierungen aller Menschen in nahezu jedem Bereich der Gesellschaft. Dies lässt sich an den Dimensionen Zeit und Raum veranschaulichen.

Im Zuge der Industrialisierung bildete sich eine in Tarifverträgen und Gesetzen geregelte Struktur von Arbeitszeiten heraus, die auch auf andere Sphären ausstrahlte. Zwar gab es immer Berufsgruppen, deren Arbeitszeit in Lage und Dauer von den Standards abwich, aber dies waren Ausnahmen. Der Arbeitszeit stand prinzipiell eine eigenständige und faktisch ebenfalls regulierte Sphäre der so genannten Freizeit gegenüber. Dies war zwar keine von (etwa sozialen) Verpflichtungen "freie" Zeitsphäre, aber doch ein Bereich, der sowohl die Erholung von der Erwerbsarbeit sicherte als auch Möglichkeiten des Konsums und der gesellschaftlichen Integration über nicht erwerbsförmige Aktivitäten gewährleistete. Durch die Regulierung der Arbeitszeiten hatten sich auch hinsichtlich der Lebensläufe standardisierte Muster etabliert: Für Frauen mit Kindern war die wiederholte Unterbrechung des Erwerbsverlaufs typisch, für Männer die erwerbslebenslange Vollzeitbeschäftigung bis zum "Ruhestand". Große Teile vor allem der männlichen Bevölkerung konnten nach einer Ausbildung direkt in eine Vollerwerbstätigkeit im erlernten Beruf übertreten und meist über lange Zeiträume beim gleichen Arbeitgeber bleiben. Charakteristisch war eine hohe Bindung nicht nur an Betriebe, sondern auch an den erlernten Beruf mit vergleichsweise verlässlicher "Karriere".

Auch in räumlicher Hinsicht dominierte das Prinzip der Trennung: Es gab einerseits Orte, an denen erwerbsbezogen in betrieblichem Rahmen gearbeitet wurde und andererseits vielfältige Räume, die anderen, nicht explizit zweckrationalen Tätigkeiten dienten. Auf der persönlichen Ebene fand dies in der Trennung eines konkreten Raums der Berufstätigkeit von einem engeren privaten Raum seinen Niederschlag, der fast nur noch der individuellen Rekreation, dem Konsum, den familialen Sozialbeziehungen und der Intimität diente. Auf raumstruktureller Ebene spiegelte sich dies wider in einer Trennung der speziell für Erwerbsarbeit ausgewiesenen Areale von Wohn- und Freizeitquartieren sowie Bereichen, die speziell dem Erwerb von Konsumgütern oder kommerzieller Vergnügung dienten ("Einkaufszonen", "Shopping-Malls", "Freizeitparks").

Über die Dimensionen Zeit und Raum waren im Fordismus Grenzen zwischen den Sphären identifizierbar, die sich - aus heutiger Sicht - auch als rigide Beschränkungen des in den jeweiligen Bereichen Möglichen und ihres Austauschs interpretieren lassen: limitierende, zugleich aber genau dadurch auch ermöglichende und schützende Strukturen. Diese boten einen verlässlichen und somit entlastenden Rahmen für berufliches wie privates Handeln und hierauf bezogene alltägliche und biographische Entscheidungen.

Dieses Grundmuster der Verteilung von Tätigkeiten der Menschen auf zwei verschiedenartige und getrennte soziale Sphären erreichte einen solchen Grad kultureller "Normalität", dass es als quasi "natürlich" erschien oder immer noch erscheint. Es umfasste jedoch eine historisch vergleichsweise "kurze" Zeitspanne und existierte in anderen Ländern nicht in dieser Form. So markant und irreversibel diese Form gesellschaftlicher Arbeitsteilung sich bei uns bisher auch darstellte - es zeichnet sich ein grundlegender Wandel dieses gewohnten Verhältnisses von "Arbeit und Leben" ab.

Fußnoten

2.
Die Unterschiede von Arbeitsbereichen in der Gesellschaft werden meist mit Begriffspaaren ausgedrückt: "Öffentlich-Privat", "Arbeitszeit-Freizeit", "Arbeit-Leben" oder auch "Familie-Beruf". Zu beachten ist, dass in beiden Lebensbereichen (aber in unterschiedlichen Formen) "gearbeitet" und "gelebt"wird. Um den ökonomischen Vermittlungszusammenhang der Bereiche zu betonen, beziehen wir uns vor allem auf die Unterscheidung "Produktion-Reproduktion".
3.
Zwar waren in der DDR Frauen stark in die Erwerbssphäre integriert und konnten sich auf eine gute Infrastruktur der öffentlichen Kinderbetreuung verlassen, aber auch hier war die verbleibende Haus- und Familienarbeit zu ihren Lasten verteilt.