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9.8.2007 | Von:
Kerstin Jürgens
G. Günter Voß

Gesellschaftliche Arbeitsteilung als Leistung der Person

"Arbeit und Leben" als Leistung der Person

Während die Auslagerung privater Belange aus der Erwerbssphäre über Jahrzehnte hinweg als zentrales Instrument der Effizienzsteigerung im Betrieb galt, wird diese Trennung nun tendenziell wieder aufgehoben. Die Sphäre der "Reproduktion" als ein zeitlich und räumlich von der Sphäre der Arbeit getrennter Bereich, der den Menschen einen annähernd verlässlichen Rückzugsraum gegenüber den Anforderungen der Erwerbssphäre bot, droht in diesem Prozess seine bisherige Schutzfunktion zu verlieren. Die diagnostizierte "Entgrenzung von Arbeit und Leben" bringt daher keineswegs nur neue Chancen für die Gestaltung eines "offeneren" eigenen Lebens mit sich, sondern sie geht mit der Öffnung einer Grenze einher, die bislang den Bereich des Privaten schützte. Entgegen manchen Verlautbarungen kommen Entgrenzungen meist einseitig der Erwerbssphäre und damit wirtschaftlichen Anforderungen zugute, während Vorteile für das private Leben oder die Familie eher spärlich ausfallen bzw. sich auf bestimmte privilegierte Gruppen reduzieren. Die bisherige Hierarchie der Lebensbereiche spiegelt sich somit auch in den nun anzutreffenden neuen Überschneidungen wider: Es handelt sich nicht um "neutrale" Vermischungen oder Wechselwirkungen, sondern es zeigt sich erneut (und sogar verstärkt) eine Dominanz wirtschaftlicher Anforderungen über die privaten Lebenserfordernisse und -zusammenhänge der Menschen. Die Veränderungen innerhalb der Erwerbssphäre strahlen massiv in den privaten Bereich aus und erfordern dort vielfältige Anpassungen. Die Unternehmen greifen in diesem Prozess in ganz neuer Qualität auch auf private Potenziale und persönliche Ressourcen der Beschäftigten zurück wie etwa auf die private Freizeit, den häuslichen Wohnraum, persönliche Netzwerke oder Unterstützungsleistungen von Partnern.

Die sich in der Gesellschaft mehr denn je durchsetzende Logik von Effizienzsteigerung und Ökonomisierung hält auf diese Weise auch in wachsendem Maße Einzug in die private Lebenssphäre. Zwar ist der Bereich der "Produktion" nach wie vor auf reproduktive Leistungen angewiesen, doch büßt das "Private" zusehends den Charakter einer eigenlogischen Sphäre ein, eines Handlungskontextes, der in vielfältiger Weise gegenüber den Erwerbsanforderungen abgegrenzt und durch den Wohlfahrtsstaat geschützt ist. Privatheit muss daher zunehmend durch die Person und in der Person selbst konstituiert und gegen "fremde" Einflüsse geschützt werden. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung von "Arbeit und Leben" wird dadurch aber nicht aufgehoben und ermöglicht keineswegs (oder nur in seltenen Fällen) eine neue ganzheitliche und selbstbestimmte Lebensweise; sie wirkt im Gegenteil vielmehr auf paradoxe neue und verstärkte Weise strukturell als Handlungsbedingung fort: Sie öffnet sich für Ein- und Übergriffe des Ökonomischen ins Private, um in der Erwerbssphäre mehr Flexibilität zu ermöglichen, und verliert dabei ihre bisherige Schutzfunktion für das Private der Person. Die persönliche und gesellschaftliche Dominanz der erwerbsförmigen Arbeit über den "Rest des Lebens" wird also nicht verringert, sondern erweitert. Das Verhältnis und die Vermittlung von "Arbeit und Leben" sind in der Folge nicht mehr primär über eine stabile Differenzierung von deutlich von einander abgegrenzten Sphären der Gesellschaft wirksam, sondern sie wird zur komplexen Anforderung an individuelles Handeln, dessen Möglichkeiten aber nach wie vor begrenzt sind.

Die Erosion des Fordismus als Wirtschafts- und Politikmodell geht also mit der Erosion des fordistischen Modus der Vermittlung von "Arbeit und Leben" einher. Die bisher strukturell vorgegebene Form des Verhältnisses der Bereiche wird dabei zu einer unausweichbaren Leistung der einzelnen Person. Dazu nur einige Beispiele:

  • Entgrenzungen von "Arbeit und Leben" erfordern eine zunehmend systematische Organisation des gesamten alltäglichen Lebenszusammenhangs. Stehen weder für Erwerbsarbeit noch für die Vereinbarkeit von "Arbeit und Leben" orientierende Handlungsmuster und unterstützende institutionelle Rahmungen zur Verfügung, müssen Betroffene wesentlich stärker als bisher eigene Verfahren und Strukturen schaffen, die eine Bewältigung der komplexen Anforderungen aus beiden Bereichen (und deren Koordination) erlauben. Die alltägliche Lebensführung wird dadurch zu einer eigenen Form von Arbeit: zur "Arbeit des Alltags". Fähigkeiten zum effizienten (und zugleich flexiblen) Management des Alltags werden entsprechend zu einer Ressource der Person, ohne die Erwerbstätigkeit wie auch privates Leben kaum mehr zu bewältigen sind.

  • Ein wichtiges Handlungsfeld ist die zeitliche Organisation von Erwerbstätigkeit und Privatleben und deren Zusammenspiel. Die schon seit Jahren anhaltende Konjunktur von Zeitratgebern ist dafür ebenso Indiz wie der Siebte Familienbericht, der die Flexibilisierung von Arbeitszeit auch in ihren negativen Folgewirkungen für familiale Lebenszusammenhänge reflektiert.[7] Die Deregulierung bisheriger kollektiver Arbeitszeiten erfordert nicht nur eine nun individuelle Gestaltung von Lage, Dauer, Verteilung und "Dichte" der Arbeitszeit, sondern eine umfassende Kompetenz des "Zeithandelns": In Alltag und Lebenslauf müssen Tätigkeiten in den Lebensbereichen und deren Vermittlung zeitlich so organisiert werden, dass trotz restriktiver struktureller Anforderungen Zeit für Für- und Selbstsorge bleibt - etwa für regenerative Bedürfnisse, soziale Einbindung oder ehrenamtliches Engagement.[8]


  • Komplementär dazu erhöht sich die Notwendigkeit einer kompetenten räumlichen Organisation des Alltags. Die Anforderungen an die nahräumliche wie zunehmend aber auch an eine überregionale (und sogar globale) Beweglichkeit steigen massiv - nicht nur für "Global Players". In immer mehr Berufen werden die Bereitschaft und Fähigkeit zur Mobilität, eine regelrecht "mobile" Lebensform, zur Einstellungsvoraussetzung. Vereinbarkeit von "Arbeit und Leben" bedeutet daher nicht mehr nur die Vereinbarkeit von getrennten Orten für Erwerbstätigkeit und Privates, sondern die Auswahl und Gestaltung mehrerer Arbeits- und Lebensorte und die Bewältigung der aufwändigen Mobilität zwischen diesen. Noch hat sich eine solche "Raumkompetenz" nicht als ein neues Feld von Qualifikationen etabliert. Der Bedeutungsgewinn dieser Bereitschaft ist jedoch bereits heute mit Blick auf die Mobilitätsanforderungen in Stellenanzeigen oder die Verordnungen der Arbeitsagenturen absehbar.

  • Als Folge der Entgrenzung der Lebenssphären wird auch die soziale Gestaltung des Alltags aufwändiger. Soziale Beziehungen sind immer weniger dauerhaft und zuverlässig, sondern werden zu einer individuell zu regelnden Anforderung. Sind es im Erwerbsleben Personalfluktuation oder steigender Leistungs- und Konkurrenzdruck, die den Aufbau von Kontakten konterkarieren, erweisen sich im Privaten räumliche Mobilität und flexible Arbeitszeit als Hindernisse der Vergemeinschaftung. Soziale Einbindung ist insofern voraussetzungsvoll: Sie entsteht weniger zufällig (über einen gemeinsamen Lebensort oder kollektive Freizeiten), sondern muss durch die Person selbst aufwändig hergestellt werden. Zwar ist die Vermischung privater und beruflicher Kontakte für viele Menschen durchaus wünschenswert, doch handelt es sich hierbei nicht mehr ausschließlich um Entscheidungen nach persönlicher Sympathie: Zahlreiche Unternehmen fordern die Bereitschaft zu strategischem beruflichen "Networking" ein und bedienen sich sozialer Beziehungen und privater Unterstützungsleistungen als unbezahlt nutzbare Ressourcen der Person.

    Der Wandel der Erwerbsarbeit hat das "alte" Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familie überholt. Nach wie vor stellt sich Fürsorge, das heißt das Sorgen für Kinder, Kranke oder pflegebedürftige ältere Menschen als ein Problem dar, das in unserer Gesellschaft überwiegend individuell, in der privaten Sphäre zu lösen ist. Und es sind vor allem Frauen, die diese Arbeit leisten und die entsprechenden Belastungen sowie eine Schlechterstellung am Arbeitsmarkt in Kauf nehmen müssen. Soziale Ungleichheit generiert sich nach wie vor primär über die unterschiedliche Einbindung von Personen in die jeweiligen Arbeitsbereiche der Gesellschaft.

    Zugleich rücken jedoch neue Polarisierungen ins Blickfeld, die alle Erwerbstätigen betreffen. Der Wandel von Erwerbsarbeit setzt - in Verbindung mit einem Rückbau sozialer Sicherungssysteme und einem Einflussverlust kollektiver Interessenvertretung - neue individuelle Kompetenzen voraus: allgemeine "Lebens-" und "Selbst-Kompetenzen". Wird "Re-Produktion" weniger strukturell denn individuell abgesichert, müssen Menschen nun selbst Grenzen gegenüber Anforderungen aus der Sphäre der Produktion setzen. Nur so können sie den Erhalt ihrer einmaligen Ressource "Arbeits- und Lebenskraft"[9] absichern: ihre physische und psychische Stabilität erhalten sowie ihre soziale Einbindung aktiv betreiben. Die "Fähigkeit zur Sorge um sich selbst" (Foucault) wird dadurch zu einer neuen Dimension sozialer Ungleichheit.

  • Fußnoten

    7.
    Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit, Siebter Familienbericht, Berlin 2006.
    8.
    Vgl. Karin Jurczyk/G. Günter Voß, Flexible Arbeitszeit - Entgrenzte Lebenszeit. Die Zeiten des Arbeitskraftunternehmers, in:Eckart Hildebrandt, Reflexive Lebensführung, Berlin 2000, S. 151 - 206.
    9.
    Vgl. Kerstin Jürgens, Arbeits- und Lebenskraft. Reproduktion als eigensinnige Grenzziehung, Wiesbaden 2006.