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9.8.2007 | Von:
Michaela Schier
Karin Jurczyk

"Familie als Herstellungsleistung" in Zeiten der Entgrenzung

Neue Gestaltungsleistungen und Anforderungen der Herstellung von Familie

Am Beispiel raum-zeitlicher Entgrenzungsprozesse wird konkretisiert, welche neuen Leistungen familiale Akteure zur Herstellung von Familie alltäglich erbringen müssen.[24] Auf den ersten Blick erscheint in der folgenden Darstellung die Entgrenzung von Arbeit dominant. Denn Prozesse der Entgrenzung von Familie sind subtiler und damit weniger offensichtlich. Die Entgrenzung von Familie - in den Dimensionen Geschlecht, Zeit, Raum oder der strukturell-morphologischen Dimension - liegt zudem häufig quer zu Prozessen der Entgrenzung von Arbeit. So verknüpfen sich in den einzelnen Familien Prozesse der Entgrenzung von Familie mit denen des Erwerbsbereichs über die Erwerbskonstellationen der Familienmitglieder und die spezifischen Familienkonstellationen auf ganz bestimmte Art und Weise. Damit bilden sich - blicken wir auf den Alltag einzelner Familien - sehr komplexe, jeweils spezifische familiale "Gemengelagen" der doppelten Entgrenzung.

Wenn feste und vor allem verlässliche Zeitgrenzen des Arbeitstages und der Arbeitswoche fehlen, ergibt sich die Notwendigkeit, aktiv eigene Zeitordnungen zu entwickeln und zu etablieren. Die Möglichkeit, Erwerbsarbeit durch neue Informationstechnologien unabhängig vom Arbeitsort auszuführen sowie die Hinwendung zu ergebnisorientierten Kriterien bei der Beurteilung von Arbeitsleistungen machen es erforderlich, die Lebensbereiche Erwerbsarbeit, Familie, Freizeit verstärkt selbst zu gewichten. Den "überschwappenden" Ansprüchen der Erwerbsarbeit müssen somit nicht nur aktiv zeitliche, sondern auch räumliche Grenzen gesetzt werden. Dieses "boundary management" kann jedoch auch durch explizite Praktiken der raumzeitlichen Vermischung von Lebensbereichen bewältigt werden. Damit stellt sich aber beständig die Frage, welche Tätigkeiten wann Vorrang haben, an welchem Ort sie ausgeführt werden können und wann und wo es in Ordnung ist, Tätigkeiten zu vermischen: Soll beispielsweise im Familienurlaub am Laptop gearbeitet werden oder das Kind seine Hausaufgaben beim Vater im Büro erledigen? Der Feierabend, das Wochenende, ja der Urlaub als Zeit für Kinder (und für die Eltern als Paar), müssen somit gegen die wechselhaften und überbordenden Ansprüche des Berufs verteidigt werden. Während diese Entwicklungen durchaus von manchen als Chancen zu einer erhöhten Zeit-Raumsouveränität - auch für die Familie - positiv bewertet werden, erscheinen sie für andere als schwierige An- und oftmals Überforderung. Denn um die eigene zeitliche und räumliche Verfügbarkeit für die Erwerbsarbeit aktiv einschränken zu können bzw. gute Praktiken der Vermischung zu etablieren, braucht es persönliche Fähigkeiten und Ressourcen, u.a. ein gefestigtes Selbstkonzept.

Die zunehmende Flexibilisierung, Atypik und Entrhythmisierung von Arbeitszeiten in Verbindung mit der vielfältigen Eingebundenheit aller Familienmitglieder auch in andere gesellschaftliche Institutionen mit je eigenen zeitlichen und räumlichen Logiken - wie Freundschaftsnetzwerke, Schulen, Behörden, Freizeitinstitutionen, Verkehrssysteme und andere mehr - machen die Koordination der unterschiedlichen Raumzeitpfade sowie die Synchronisierung von freien Zeiten der Familienmitglieder zu anspruchsvollen Gestaltungsleistungen. Die Wochenenden, insbesondere die Samstage, verlieren zudem als verlässliche Familienzeit ihre Bedeutung, sie werden für immer mehr Erwerbstätige zu normalen Arbeitstagen. Inzwischen geht der Trend eindeutig in Richtung Sonntagsfamilie. Die Nutzung von arbeitsfreien Tagen unter der Woche als Familienzeit stößt aufgrund der Eingebundenheit der anderen Familienmitglieder in andere Zeit-Raum-Ordnungen an Grenzen. Gemeinsame Zeit muss deshalb heutzutage oft erst gefunden, ja geplant werden. Die spezifische Zeitlogik familialer Fürsorgearbeit verträgt sich jedoch nur bedingt mit vorab eingeplanten Zeitquanten.

Sind der eigene Arbeitseinsatz, der Dienstschluss oder freie Tage nur schwer voraussehbar und Veränderungen des Dienstplans üblich, so erfordert dies eine hohe Flexibilität und Spontaneität aller Familienmitglieder bei der Gestaltung und Organisation ihres Alltags. Die Planung von gemeinsamen Aktivitäten, das gemeinsame Abendessen oder das Vorlesen der Gute-Nacht-Geschichte steht häufig unter der Prämisse "falls nichts dazwischenkommt".

Raum-zeitliche Entgrenzungsprozesse des Erwerbsbereichs bedingen, dass Familie heute zunehmend in den Zeitlücken der Erwerbsarbeit gelebt werden muss. Allerdings haben die Zeitlücken und damit die familialen Zeitnöte je nach Berufsfeld und Art des Beschäftigungsverhältnisses verschiedene Gesichter und bieten unterschiedliche Möglichkeiten für die familiale Lebensführung. Von Zeitknappheit aufgrund langer Arbeitszeiten sind in Deutschland vor allem Paarhaushalte betroffen, in denen beide Eltern vollzeiterwerbstätig sind. Besonders lange Arbeitszeiten von insgesamt bis zu 80 bis 90 Wochenstunden haben zum Beispiel Eltern in Führungspositionen.[25]

Ganz andere Zeitnöte entstehen jedoch aufgrund der zunehmenden Flexibilisierung von Arbeitszeiten, z.B. bei Teilzeitarbeit, die in Lage und Dauer stark variiert, wie es im Einzelhandel üblich ist. Die Beschäftigten haben wenig Einfluss auf ihre Arbeitzeitpläne, ihre Arbeitseinsätze sind häufig sehr kurzfristig, ohne feste Rhythmen und sind damit wenig planbar. Die Arbeitszeiten unterscheiden sich manchmal von Tag zu Tag. Dies führt zu einer Zerstückelung des familialen Alltags. Familienleben muss oft gleichsam "auf Knopfdruck" stattfinden, wenn gerade Zeit dafür ist. Die häufig spontan entstehende freie Zeit kann jedoch nicht immer für eigene oder familiale Belange genutzt werden, Synchronisationsprobleme der Zeiten und Bedürfnisse in Familien sind keine Seltenheit.

Eine dritte Form von Zeitlücken ergibt sich bei projektförmig organisierter Arbeit, wie sie zum Beispiel für Filmschaffende üblich ist, die für die Dauer einer Filmproduktion befristet beschäftigt sind. Aufgrund des permanenten Wechsels von Phasen der starken Eingebundenheit in Arbeit, in denen keine oder kaum Zeit für Familie bleibt, mit längeren Phasen, in denen nicht gearbeitet wird, findet hier Familienleben in Phasen statt. Durch besonders intensives Leben von Familie in den arbeitsfreien Phasen wird hier häufig versucht, die vorangegangenen "familialen Durststrecken" zu kompensieren. Die Wochen und Monate dauernden Nichtarbeitsphasen werden insbesondere von Vätern als positiv erlebt, weil sie ihnen ermöglichen, Zeit mit ihrer Familie zu verbringen, die sie in einem Normalarbeitsverhältnis nicht hätten. Allerdings birgt das Aufschieben von Familie auch Enttäuschungspotenzial, denn Familienleben lässt sich nicht uneingeschränkt nachholen.

Zeitprobleme in Familien verschärfen sich, wenn beide Elternteile entgrenzt erwerbstätig sind. Betrachtet man Erwerbskonstellationen von Eltern, so findet sich ein typisches Arrangement, bei dem ein hoch entgrenzt arbeitender Partner einen mit plan- und gestaltbareren Arbeitszeiten und räumlichen Bedingungen an seiner Seite hat. In einer solchen Mischung von Stabilität und Flexibilität scheint eine funktionierende Balance möglich zu sein, ansonsten nimmt der alltägliche Abstimmungs- und Organisationsbedarf subjektiv zuviel Zeit und Energie in Anspruch,[26] oder der familiale Alltag lässt sich nicht mehr ohne die Hilfe weiterer Personen organisieren.

Besondere zeiträumliche Anforderungen an die Herstellung von Familie ergeben sich auch in Nachtrennungsfamilien. Die familial bedingte Multilokalität führt für getrennt lebende Elternteile und ihre Kinder zu einer Verknappung der vorher selbstverständlich gemeinsam verbrachten Zeit. Mit der Neuordnung der familialen Beziehungen nach einer Trennung müssen Eltern und Kinder auch neue raumzeitliche Praktiken zur Aufrechterhaltung von Familie unter nun dauerhaft multilokalen Bedingungen etablieren.

Ebenso haben die steigenden Anforderungen an die räumliche Mobilität von Erwerbstätigen zur Folge, dass Familienleben aufgrund der häufigen Abwesenheiten von Familienmitgliedern zunehmend multilokal und "virtuell" stattfindet. Zeitlich begrenzte Abwesenheiten von Familienmitgliedern bergen zwar auch positive Aspekte für die Gestaltung von Familie. Im Unterschied zur Herstellung von Familie im Rahmen von face-to-face Kontakten und räumlicher Kopräsenz der Eltern und Kinder müssen aber unter multilokalen Bedingungen spezifische Praktiken entwickelt werden, die Sorgeleistungen, Erziehung und die Herstellung von sozialen Beziehungen über die räumliche Entfernung möglich machen. Die Entwicklungen im Bereich des Telekommunikationswesens sind hierbei von großer Bedeutung, denn Internet, E-Mail und Mobiltelefone ermöglichen es, Beziehungen zu Familienangehörigen auch über große Entfernung hinweg intensiver zu gestalten.[27] Müttern und Vätern ist es auf diese Weise möglich, auch über große Distanzen und längere Zeiträume der Trennung emotionale Bezugspersonen für ihre Kinder und als Paar in engem Kontakt mit ihrer Partnerin bzw. ihrem Partner zu bleiben. Allerdings hat das direkte und unmittelbare Miteinander der Familienmitglieder eine besondere Qualität, die durch virtuelle Formen der Interaktion nur begrenzt ersetzt werden kann. So hilfreich Handys und E-Mails sein mögen - auf Dauer ist die ausschließlich über technologische Hilfsmittel kommunizierende Familie nicht lebensfähig, weil die Beziehungen verarmen - ganz abgesehen davon, dass Fürsorgearbeit in der Regel körperliche Anwesenheit erfordert. Unsere empirischen Beobachtungen legen zudem nahe, dass es zeitliche Limits dafür gibt, bis zu welcher Dauer die Abwesenheit eines Familienmitglieds positiv genutzt werden kann, sowie dafür, wie viel Anwesenheit es als Kompensation für die Abwesenheiten braucht. Gefühle der Entfremdung und Schwierigkeiten des Zurückfindens in die Familie nach Phasen der räumlichen Trennung sind nur einige der Probleme, die sich aufgrund von "subjektiv" zu langen Abwesenheiten von der Familie ergeben.[28]

Die angesprochenen raum-zeitlichen Entgrenzungsprozesse in der Familie und dem Erwerbsbereich führen in ihrer Gesamtheit dazu, dass Zeiten der räumlichen Kopräsenz der Familienmitglieder in immer weniger Familien verlässlich und in regelmäßigen Rhythmen gegeben sind. Doch nicht nur die Quantität der räumlich kopräsenten Zeiten in Familien verändert sich, sondern auch ihre Qualität - wobei sich sowohl negative als positive Wirkungen erkennen lassen. Die Herstellung von Zeiten in räumlicher Kopräsenz, die "sinnvolle" Nutzung von knapper und häufig sehr spontan entstehender gemeinsamer Zeit sowie die Entwicklung von Praktiken zur Aufrechterhaltung von Familie trotz räumlicher Trennung sind anspruchsvolle Gestaltungsaufgaben, die Familien heute zu bewältigen haben. Regelmäßige Familientelefonkonferenzen, das Nachreisen an den Arbeitsort eines Familienmitglieds oder mobiles Familienwohnen sind Beispiele für neue Praktiken im Umgang mit den beruflichen Anforderungen, mobil zu sein. In Familien sind Reflexionsprozesse darüber zu erkennen, wie die verbleibende knappe gemeinsame Zeit als Familie am besten gestaltet werden kann. Die wenige Familienzeit wird möglichst qualitativ hochwertig sowie sehr gezielt genutzt. Knappe Familienzeit führt so zu einer reflektierteren und planenderen Gestaltung des gemeinsamen Alltags und geht durchaus manchmal mit einem subjektiv intensiveren Erleben von Elternschaft einher.

Daneben ist jedoch eine paradoxe Entwicklung zu erkennen: Eltern suchen sehr bewusst im familialen Alltag nach Gelegenheiten für beiläufige Interaktionen bzw. sie versuchen, solche aktiv zu schaffen. Sie tun das durch die Initiierung von gemeinsamen Freizeitaktivitäten, die Umdeutung von Fahrten oder Begleitgängen zu Terminen der Kinder als wertvolle Zeit des Austauschs sowie die Ritualisierung von bestimmten Aktivitäten und Zeitpunkten, wie z.B. das Sonntagsfrühstück, das Morgenkuscheln oder das gemeinsame Abendessen.

Fußnoten

24.
Die folgenden Überlegungen basieren auf theoretischen Diskussionen innerhalb der Abteilung Familie und Familienpolitik des Deutschen Jugendinstitutes, eigenen empirischen Vorarbeiten sowie den empirischen Arbeiten des derzeit laufenden Projekts "Entgrenzte Arbeit - entgrenzte Familie. Neue Formen der praktischen Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld Arbeit und Familie", das das Deutsche Jugendinstitut in Kooperation mit der TU Chemnitz durchführt (siehe: www.dji.de/5_entgrenzung).
25.
Vgl. BMFSFJ (Anm. 1), S. 224; Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von Ruth Stock-Homburg und Eva-Maria Bauer in diesem Heft.
26.
Vgl. Luise Behringer/Karin Jurczyk, Umgang mit Offenheit. Methoden und Orientierungen in der Lebensführung von JournalistInnen, in: Projektgruppe Alltägliche Lebensführung (Anm. 22), S. 71 - 120.
27.
Vgl. Raelene Wilding, Virtual Intimacies? Families Communicating Across Transnational Contexts, in: Global Networks, 6 (2006) 2, S. 125 - 142.
28.
Vgl. N. Schneider (Anm. 14).