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9.8.2007 | Von:
Christina Klenner

Familienfreundliche Betriebe - Anspruch und Wirklichkeit

Familienfreundliche Betriebe sollten nicht nur einen betrieblichen Kindergarten haben und familienbezogene Zuschüsse zahlen. Wichtiger sind familiengerechte Arbeitszeiten, ein familienfreundliches Betriebsklima und die Gestaltung der Elternzeit.

Einleitung

Dass Betriebe als familienpolitische Akteure auftreten, ist nicht neu. In der Bundesrepublik Deutschland richtete sich ihre familienunterstützende Rolle in den 1950er und 1960er Jahren vorrangig an den männlichen Arbeitnehmer,[1] der seine Familie zu ernähren hat.[2] Noch heute ist die Zahlung von freiwilligen Zulagen an Beschäftigte mit Kindern eine weit verbreitete familienbezogene betriebliche Maßnahme. Ein Drittel der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer profitiert davon.[3] Gleichzeitig waren - und sind teilweise immer noch - Arbeitszeiten, Arbeitsorganisation und viele betriebliche Gegebenheiten am Leitbild des männlichen Familienernährers orientiert. Damit ist die Unterstellung verbunden, dass die Arbeitnehmer ihre Arbeit weitgehend unbelastet von Familienarbeit verrichten können, da ihnen die Ehefrauen den "Rücken freihalten". Doch dies entspricht immer weniger der Realität, denn das Familienernährermodell verliert an Bedeutung. Heute überwiegen die Zweiverdienerpaare. Daneben wächst die Zahl der Alleinerziehenden.






Daher steht gegenwärtig eine andere Grundrichtung für das familienpolitische Engagement von Betrieben im Vordergrund: Es geht darum, Frauen und Männer dabei zu unterstützen, berufliche Arbeit und Familie alltäglich in Einklang zu bringen.

Forderungen nach einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind seit langem erhoben worden. Heute ist es dringender denn je erforderlich, die Situation zu verbessern. Eine wachsende Zahl von Arbeitnehmern ist mit der Frage konfrontiert, ob und wie die betrieblichen Bedingungen ihnen eine Balance von Familie und Beruf erlauben. Denn zum einen ist die Erwerbstätigkeit von Müttern - insbesondere von Müttern kleiner Kinder - immer weiter angestiegen. Zum anderen sind viele Väter heute in die Alltagsarrangements der Familie eingebunden.[4] Auch wenn in quantitativer Hinsicht der Beitrag der meisten Väter zur Familienarbeit bescheiden ist,[5] sind die Veränderungen in den letzten Jahren unverkennbar: Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nicht länger ein nur Frauen betreffendes Anliegen. 71 Prozent der Väter, die im Rahmen einer Onlineumfrage antworteten, empfanden einen Konflikt zwischen dem gewollten beruflichen und gewünschten familiären Engagement.[6]

Nicht nur Mütter und Väter sind mit der Vereinbarkeitsfrage konfrontiert, sondern auch Beschäftigte, die Angehörige pflegen. Mit zunehmender Lebenserwartung wird der Anteil der Pflegebedürftigen steigen. Gleichzeitig wird es weniger nichterwerbstätige Frauen geben, die die Pflege übernehmen können. Die Kombination von beruflicher Arbeit und Pflege ist deshalb ebenfalls von zunehmender Bedeutung. Neben der Verbesserung der infrastrukturellen Rahmenbedingungen für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind auch die Betriebe gefordert, mit familiengerechten Arbeitsbedingungen die Schwierigkeiten einer Balance der Lebensbereiche zu mildern. Familienfreundlichkeit wird immer mehr ein Attribut, das Betriebe benötigen, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Viele Betriebe haben durchaus ein Interesse daran, eingearbeitete Fachkräfte nach einer kurzen familienbedingten Auszeit wieder einzusetzen. Dies gilt umso mehr, wenn Betriebe sich im Wettbewerb um gute Fachkräfte behaupten müssen.[7]

Was halten Mütter, Väter und Pflegende für einen familienfreundlichen Betrieb für besonders wichtig? Darauf will ich im Folgenden eingehen. Grundlage bilden die vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in Kooperation mit dem DGB und EMNID durchgeführte repräsentative Befragung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern,[8] mehrere weitere Erhebungen[9] sowie statistische Analysen der Daten.[10]

Jüngere Erwachsene mit und ohne Kinder, die von Allensbach 2005 gefragt wurden, was ein Betrieb, der familienfreundlich sein will, tun muss, stellten flexiblere Arbeitszeiten an die erste Stelle.[11] Unsere Befragung der konkret Betroffenen ergab ebenfalls, dass familienfreundliche Arbeitszeiten an erster Stelle der Bereiche mit dem größten Handlungsbedarf stehen.[12] Allerdings sind damit nicht vorrangig flexiblere, sondern vor allem kürzere Arbeitszeiten gemeint.[13] Darüber hinaus sehen Mütter und Väter finanzielle Unterstützung, aber auch Freistellungsmöglichkeiten und ein gutes Betriebsklima als wichtig an. Nachfolgend werden als wichtige Elemente und damit Handlungsfelder für mehr Familienfreundlichkeit im Betrieb behandelt:
  • ein betriebliches Klima, das die Bedeutung von Familienaufgaben anerkennt und Müttern, Vätern und Pflegenden erlaubt, ihre Bedürfnisse im Betrieb zu artikulieren und ihre Rechte in Anspruch zu nehmen;
  • eine familiengerechte Arbeitszeitgestaltung, die sich sowohl auf die Arbeitszeitdauer als auch auf die Flexibilität und Lage der Arbeitszeiten bezieht;
  • eine Arbeitsorganisation, die familiäre Bedürfnisse berücksichtigt;
  • die Gestaltung der Bedingungen zu Beginn, während und nach Ablauf der Elternzeit;
  • das Angebot betrieblicher Unterstützungsleistungen für Eltern, beispielsweise finanzielle Zulagen, betriebliche Kindereinrichtungen sowie Service- und Vermittlungsleistungen.[14]
    Abschließend wird der Stand der Bemühungen um familienfreundliche Betriebe skizziert.

  • Fußnoten

    1.
    In der DDR wurde dagegen stärker auch durch betriebliche Maßnahmen die Erwerbstätigkeit der Frau gefördert, z.B. durch Betriebskindergärten und Ferienlager für Schulkinder.
    2.
    Vgl. Irene Gerlach, Einleitung, in: Alexander Dilger/Irene Gerlach/Helmut Schneider (Hrsg.), Betriebliche Familienpolitik. Potenziale und Instrumente aus multidisziplinärer Sicht, Wiesbaden 2007, S. 22.
    3.
    Vgl. BMFSFJ (Hrsg.), Erwartungen an einen familienfreundlichen Betrieb. Erste Auswertung einer repräsentativen Befragung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit Kindern und Pflegeaufgaben, Berlin 2004, S. 29.
    4.
    Vgl. Jan Künzler u.a., Gender division of labour inunified Germany, WORC Report, Tilburg 2001; Christina Klenner/Svenja Pfahl, Stabilität und Flexibilität. Ungleichmäßige Arbeitszeitmuster und familiale Arrangements, in: Hartmut Seifert (Hrsg.), Flexible Zeiten in der Arbeitswelt, Frankfurt/M.-New York 2005, S. 124 - 168.
    5.
    Vgl. Peter Döge/Rainer Volz, Was machen Männer mit ihrer Zeit? - Zeitverwendung deutscher Männer nach der Zeitbudgetstudie 2001/2002, in: Alltag in Deutschland. Analysen zur Zeitverwendung. Forum Bundesstatistik, Band 43, Wiesbaden 2004.
    6.
    Vgl. IGS 2005: Onlineumfrage: Väter zwischen Karriere und Familie, im Auftrag der Wirtschaftswoche.
    7.
    Unternehmen gaben als meistgenannten Grund für die Einführung familienfreundlicher Maßnahmen an: "Qualifizierte Mitarbeiter halten oder gewinnen" (83,4 Prozent), vgl. BMFSFJ und Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln (Hrsg.), Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2006. Wie familienfreundlich ist die deutsche Wirtschaft?, Köln 2006.
    8.
    Die Studie wurde im November/Dezember 2003 im Auftrag des Bundesfamilienministeriums unter Leitung der Autorin durchgeführt. Es wurden 2000 abhängig Beschäftigte mit mindestens einem Kind (unter 18 Jahren), einem behinderten Kind (ohne Altersbegrenzung) oder regelmäßigen Pflegeaufgaben bundesweit befragt. Vgl. BMFSFJ (Anm. 3).
    9.
    Vgl. IGS (Anm. 6); BMFSFJ und IW (Anm. 7); Familienfreundlichkeit im Betrieb. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, durchgeführt vom Institut für Demoskopie Allensbach, hrsg. vom BMFSFJ 2005; BMFSFJ und Familienforschung Baden-Württemberg (Hrsg.), Monitor Familienforschung, Nr. 8: Familienbewusste Personalpolitik als Bestandteil der Unternehmenskultur, Berlin-Stuttgart, Dezember 2006.
    10.
    Vgl. Christina Klenner/Tanja Schmidt, Familienfreundlicher Betrieb: Einflussfaktoren aus Beschäftigtensicht, erscheint in den WSI-Mitteilungen 2007.
    11.
    Vgl. Familienfreundlichkeit im Betrieb (Anm. 9).
    12.
    Vgl. BMFSFJ (Anm. 3).
    13.
    Das zeigte eine multivariate Analyse der Daten: In erster Linie beeinflussen kürzere Arbeitszeiten die Vereinbarkeitsbewertung positiv, wohingegen die viel diskutierte Rolle von flexiblen Arbeitszeitmodellen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kaum ins Gewicht fällt, vgl. Chr. Klenner/T. Schmidt (Anm. 10).
    14.
    Weitere Handlungsfelder beziehen sich auf das Entwickeln von Führungskompetenzen von Führungskräften. Gerade sie haben durch familienbewusstes Verhalten auf die oben genannten Handlungsfelder Einfluss. Auch die Information über die familienbezogenen Maßnahmen ist nicht zu vernachlässigen, damit die Angebote auch genutzt werden können. Vgl. BMFSFJ und Familienforschung (Anm. 9).