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30.7.2007 | Von:
Benedikt Sturzenhecker

"Politikferne" Jugendliche in der Kinder- und Jugendarbeit

"Politikferne" Kinder und Jugendliche

In der Offenen Kinder- und Jugendarbeit finden sich vielfach die hier in Rede stehenden "politikfernen" Kinder und Jugendlichen. Ihre Erfahrungen des und Haltungen zum Politischen sollen hier kurz geschildert werden, obwohl jede solcher vergröbernden Beschreibungen angesichts der Differenziertheit von "Jugenden" auch falsch ist.

Viele der Nutzerinnen und Nutzer Offener Kinder- und Jugendarbeit gehören nicht nur zur Gruppe der "Politikfernen", sondern auch zu ökonomisch und sozial Benachteiligten und haben häufiger ein Bildungsrisiko. Wer unter solchen Bedingungen lebt, hat oft Distanz zur Politik, zum "offiziellen" politischen Handeln. Die Persönlichkeit solcher Mädchen und Jungen ist oft instabil. Von Eltern, Lehrenden und anderen Erwachsenen erfahren sie häufig Unfähigkeitsunterstellungen, Leistungskritik, Abwertung und Misstrauen, nur selten Selbstwirksamkeit und erst recht nicht öffentlich-politische Wirksamkeit. "Politikferne" Kinder und Jugendliche fühlen sich als Objekte institutioneller und gesellschaftlich-politischer Prozesse und Entscheidungen; sie zeigen Distanz zum offiziell-politischen Stil und zum politischen System. Es fällt ihnen schwer, eigene Interessen zu spüren, zu versprachlichen, sie als legitim anzusehen, öffentlich einzubringen und - gar gegen Widerstände - zu vertreten. Sie haben kaum Erfahrung/Kompetenz in kooperativer Aushandlung von Interessenkonflikten. Sie erfahren Defizitunterstellungen, Respektlosigkeit, Ignoranz und vielfache pädagogische Versuche, sie zu erziehen, zu domestizieren, zu verregeln oder zu kontrollieren.

Ihre Stärken liegen in ihrer körperlichen Präsenz und häufig expressivem Selbstausdruck; in Kompetenzen kreativer hybrider Spracherfindungen; in Sensibilität für Missachtung und Ungerechtigkeit; in Spontaneität und schnellen Reaktionen; in Risikobereitschaft; in sich und den Gegenüber herausfordernden Interaktionen; in vorsichtiger, scharfer Beobachtung der Umwelt; in Selbsttarnung und taktischem Rückzug; in Lebensbewältigungsmanagement; im Überlegen; in der Kenntnis von Jugendkulturen; in optimiertem Umgang mit knappen Ressourcen; in Konfliktbereitschaft; im Zusammenhalten; im Erfinden von sozialen Inszenierungen; in Direktheit und Energie; in Lebensfreude trotz widriger Bedingungen.