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30.7.2007 | Von:
Benedikt Sturzenhecker

"Politikferne" Jugendliche in der Kinder- und Jugendarbeit

Sehen und Anerkennen

Bildungsassistenz und politische Bildung beginnen mit der Wahrnehmung Jugendlicher durch die politischen Bildnerinnen und Bildner. Sie sollten nicht sofort zu viel "verstehen" (im Sinne von Einordnung in gewohnte Deutungsmuster wie: die sind faul, unmotiviert, gegen mich) und von vornherein wissen wollen, wie sich der Bildungsprozess entwickeln soll. "Sehen" öffnet für eine anerkennende Wahrnehmung des jugendlichen Gegenübers. Es geht um respektvolles Beobachten, nicht (sofort) um Interpretation. Ein solcher Blick kann Neues erkunden und wird von den Gesehenen als Anerkennung gespürt. Für viele (hier in Rede stehende) Jugendliche ist ein skeptisch-diagnostischer Blick bedrohlich. Nicht von ungefähr lautet der klassische Spruch, mit dem solche Blicke abgewehrt werden: "Was guckst du?" Ein abschätziges Beobachtet-Werden kennen die Jugendlichen von Erwachsenen (zum Beispiel in der Schule) zur Genüge. Ein respektvolles Gesehen-Werden hingegen wird oft als positives Angebot wahrgenommen.

Vorschlag: Schau hin und beschreibe! Beobachten Sie die Interaktionen von Jugendlichen (z.B. im offenen Bereich eines Jugendhauses, auf der Straße, auf dem Schulhof). Schreiben Sie auf, was Sie gesehen haben. Versuchen Sie, so wenig interpretativ wie möglich Ihre Beobachtungen zu notieren. Registrieren Sie, inwieweit Sie Ihre Wahrnehmungen durch vorgefasste Deutungen eingrenzen. Notieren Sie auch Ihre schnellen Interpretationen. In einem zweiten Schritt versuchen Sie, diese zu öffnen: "Marcel kommandiert wieder seine Untergebenen" wird zu: "Marcel hat eine laute Stimme, alle können ihn hören, und viele tun, was er sagt." Aus: "Aische ist total verschüchtert" wird: "Aische sagt nichts, beobachtet aber viel." Aus "Adem redet wieder dauernd über aufgemotzte Autos" wird: "Adem spricht lange über seine Bewunderung für schnelle Sportwagen und für Tuning".

Vorschlag: Was beschäftigt die Jugendlichen? Nach einer Phase wiederholter Beobachtungen kann man diese auswerten: Was beschäftigt die Jugendlichen am meisten? Was beschäftigt die meisten Jugendlichen? Was beschäftigt mich? Mit welchen Themen habe ich welche Probleme? Welche Themen sehe ich als Ansatzpunkt gemeinsamer (politischer) Bildungsprozesse? Wieder ist darauf zu achten, dass die Themenformulierungen offen und nicht abwertend sind, also: "Reden über Frauenkörper" statt "sexistisches Machogequatsche". Eine zweite Auswertungsperspektive richtet sich darauf, wie sich die Jugendlichen mit Themen beschäftigen. Sie zeigen ihren kulturellen Umgangsstil, an den man anknüpfen kann. Fragt man sie (etwa in Kursen "Politische Bildung"), nennen sie immer wieder folgende Themen: Gewalt (auch untereinander), Ausländerfeindlichkeit, Konflikte/Mobbing, Liebe/Sex/Partnerschaft, Sucht/Drogennutzung. Weniger abstrahiert werden (Teil-)Themen etwa so formuliert: Was ist eine "Schlampe"? Was ist "schwul"? Wie verteidigen wir uns gegen eine "feindliche" Clique? Ist "Drogendealer" ein Beruf? Welche Strafen bekommt man, wenn man beim Sprayen erwischt wurde? Welches Handeln kennzeichnet Mädchen als "Nutten"? Sind Hartz-IV-Empfänger "Schmarotzer"? Wie kann man einen Puff kennen lernen? War es unter Hitler besser als heute? Sind Deutsche Nazis? Gegen welche Beleidigungen muss man die "Ehre" mit Gewalt verteidigen?

Vorschlag: Ihre Themen gelten, nicht die der Pädagoginnen und Pädagogen! Die Interessen der Kinder und Jugendlichen sind die Grundlage ihres Subjektstatus und des politischen Handelns in der Jugendarbeit. Deshalb sollten keine noch so gut gemeinten Inhalte und Themen vorgegeben werden. Politische Bildung, die es besser weiß als ihre Adressaten, bricht mit dem angestrebten Mündigkeitsstatus. Deshalb ist bei den Themen anzusetzen, die die Jungen und Mädchen anbieten. Diese mögen auf Anhieb völlig unpolitisch erscheinen (oder erschreckend, oder abstoßend), das Politische steckt jedoch nicht (nur) in ihrem Inhalt, sondern zunächst im Umgang mit artikulierten Interessen. Nur wenn die Themen der Jugendlichen ernst genommen werden, können sie erfahren, dass sie ein Recht auf eigene Interessen und ihre Artikulation haben und dass sie ernstzunehmende Beteiligte beim Ausstreiten dieser Interessen sind. Die Regel "Ihre Themen gelten!" bedeutet nicht, dass alles, was sie vorbringen, sklavisch umgesetzt werden muss. Über das, was sie wollen, und darüber, wie sie ihre Interessen umsetzen wollen, kann und muss gelegentlich gestritten werden, jedoch anerkennend davon ausgehend, dass es politisch legitim ist, Interessen einzubringen und sich für ihre Umsetzung einzusetzen.

Erst nach ausführlicher Beobachtung empfiehlt sich ein vorsichtiger fachlicher Verstehensversuch, in dem Ergebnisse Hypothesen bleiben müssen. Welche Themen sind für die Jugendlichen wichtig? Welche Interessen und Bedürfnisse könnten dahinter liegen? Was bewältigen sie damit wie? Welche Chancen und Risiken hat das Thema? Welche Beziehungskonstruktionen sind enthalten? Welche Angebote an mich kann ich im Handeln zum Thema erschließen? Welche Potenziale könnten im Handeln und im Thema stecken? Ohne Vertrauen lassen sich "politikferne" Jugendliche kaum auf einen gemeinsamen Arbeits- und Auseinandersetzungsprozess ein. Ohne dass in einem solchen Prozess durch die Erfahrung von Zutrauen auch Selbstvertrauen entstehen kann, bleiben die Subjekte zu "schwach", um sich eigenständiger Entwicklung und eigensinnigem politischen Handeln stellen zu können. Axel Honneth betont "Liebe" als Anerkennungserfahrung, die auf der Basis gegenseitiger vertrauter Beziehung Selbstvertrauen ermöglichen kann: "Weil diese Erfahrung im Verhältnis der Liebe wechselseitig sein muss, bezeichnet Anerkennung hier den doppelten Vorgang einer gleichzeitigen Freigabe und emotionalen Bindung der anderen Person; nicht eine kognitive Respektierung, sondern eine durch Zuwendung begleitete, ja unterstützte Bejahung von Selbstständigkeit ist also gemeint (...)."[4]

Durch diese Bindung, die wechselseitig Abgrenzung/Ablösung ermöglicht, entsteht Selbstvertrauen, das die Basis für alle Einstellungen der Selbstachtung und damit auch der autonomen Teilnahme am demokratisch-öffentlichen Leben ist. Der Anerkennungsmodus der Liebe ist in Honneths Konzept auf wenige Primärbeziehungen begrenzt. Dennoch gibt es in der Jugendarbeit immer häufiger die Erfahrung, dass viele Kinder und Jugendliche diese grundsätzliche, bedingungslose Zuwendung nie erfahren haben und ihr Selbstvertrauen entsprechend schwach ausgebildet ist. Um ihnen soziale und politische Beteiligung zu ermöglichen, muss das Selbstvertrauen entwickelt werden. In Bildungssettings geht es möglicherweise nicht um "Liebe", aber doch um das Angebot vertrauensvoller, sicherer Beziehungen. Dafür scheint wichtig, dass sich die pädagogischen Gegenüber den Jugendlichen als authentische Personen zeigen, mit Lebensweisen, Werten, Widersprüchen, Unsicherheiten. "Politikferne" Jugendliche kennen (zu) oft distanzierte, sich nur absichernde "Lohnerziehende", die Gegenseitigkeit in der Beziehung fürchten und die sich durch eine "Rühr-mich-nicht-an-Fassade" zu schützen versuchen.

Fußnoten

4.
Axel Honneth, Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, Frankfurt/M. 1992, S. 173.