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30.7.2007 | Von:
Dagmar Richter

Das politische Wissen von Grundschülerinnen und -schülern

Politische Bildung in der Grundschule

In Deutschland wurde politisches Lernen in der Grundschule lange Zeit eher abgelehnt - außer in den reformfreudigen 1970er Jahren.[9] Hierfür lassen sich verschiedene Gründe anführen. Didaktische Konzeptionen folgten bis zu Beginn der 1990er Jahre häufig stufentheoretischen Entwicklungsmodellen, die den Kindern das für politisches Lernen nötige Abstraktionsvermögen absprachen. Zudem wurde befürchtet, dass die explizite Beschäftigung mit dem Politischen die Kinder emotional, vor allem aber kognitiv überfordere. Entwicklungspsychologisch sind diese Argumente mittlerweile widerlegt.[10] Gegen die Vermutung, dass politisches Lernen in der Grundschule "verfrüht" oder gar nicht möglich sei, stehen empirische Untersuchungen. So stellt Berti fest, dass Veränderungen der Konzeptualisierungen von Kindern sogar durch zeitlich recht kurze Lehrinterventionen möglich sind. Danach zeigten Neunjährige in Follow-up-Tests Wissen, das sonst erst bei 13- und 14-jährigen Kindern festgestellt wird.[11] Zwar hängen allgemeine Gedächtnisleistungen, insbesondere des Arbeitsgedächtnisses, sowie diskursive Fähigkeiten mit dem Alter der Kinder zusammen; es gibt Zusammenhänge mit der physiologischen Entwicklung des Gehirns. Aber auch die Studie von Gary L. Allen, Kathleen C. Kirasic und George J. Spilich belegt, dass sich diese Fähigkeiten in nicht unbedeutendem Maße fördern lassen.[12] Bereits erworbenes domänenspezifisches Wissen erweitert die Leistungen des Gedächtnisses und ermöglicht es den Kindern, in entsprechenden Berichten (z.B. Nachrichten) die bedeutenden Informationen zu erkennen und eigene Folgerungen zu ziehen.

Ein weiteres Hindernis für politisches Lernen in der Grundschule liegt darin, dass Lehrkräfte des Sachunterrichts nur selten in politischer Bildung ausgebildet sind.[13] Sie haben es oftmals nicht gelernt, das Politische in Themen zu entdecken und es den Kindern altersgemäß zugänglich zu machen. Zudem finden sich in aktuellen Schulbüchern nur selten gute oder gar erprobte Materialien.[14] Es mangelt an guten Unterrichtsmaterialien, die zur Hilfestellung auch durchaus die mancherorts verpönten Kopiervorlagen präsentieren sollten.[15] Viele Ansätze politischen Lernens in der Grundschule sind aus politikdidaktischer Sicht nicht zufriedenstellend.[16] Manchen Lehrkräften erscheint Politik noch immer als zu "konfliktreich" und politisches Lernen als zu schwierig für Kinder. Es ist jedoch nicht nur ein deutsches Phänomen, dass Lehrkräfte die Kompetenzen ihrer Grundschülerinnen und -schüler unterschätzen und Konflikte als negativ ansehen.[17] Dabei bremst gerade das Nicht-Thematisieren von Konflikten und kritischen Themen die soziale Entwicklung der Kinder.

Fußnoten

9.
Vgl. Paul Ackermann, Politik in der Primarstufe, in: Hans Süssmuth (Hrsg.), Soziale Studien in der Grundschule. Fragen an die Sozialwissenschaften, Düsseldorf 1980, S. 69ff.; Gertrud Beck, Politische Sozialisation und politische Bildung in der Grundschule, Frankfurt/M. 1974; Klaus Giel/Gotthilf Hiller/Hermann Krämer, Stücke zu einem mehrperspektivischen Unterricht, Aufsätze zur Konzeption I, Stuttgart 1974. Vgl. auch Dagmar Richter, Sachunterricht - Ziele und Inhalte, Baltmannsweiler 20052.
10.
Vgl. z.B. Elsbeth Stern, Wie abstrakt lernt das Grundschulkind?, in: Hanns Petillon (Hrsg.), Individuelles und soziales Lernen in der Grundschule, Opladen 2002, S. 27ff.
11.
Vgl. A. Berti (Anm. 7), S. 103.
12.
Vgl. Gary L. Allen/Kathleen C. Kirasic/George J. Spilich, Children's Political Knowledge and Memory for Political News Stories, in: Child Study Journal, 27 (1997) 3, S. 163 - 176.
13.
Die Lehrerbildung sieht an verschiedenen Hochschulstandorten sehr unterschiedlich aus. Im Fach Sachunterricht sollen verschiedene "Perspektiven" auf die Welt integriert unterrichtet werden: die sozial- und kulturwissenschaftliche (hierhin gehört das politische Lernen schwerpunktmäßig), die historische, die naturbezogene, die raumbezogene und die technische Perspektive; vgl. den "Perspektivrahmen" der Gesellschaft für die Didaktik des Sachunterrichts (GDSU), zu beziehen über www.gdsu.de. In der Ausbildung wird meist nur eine Perspektive studiert.
14.
Vgl. Georg Weißeno, Lernen über politische Institutionen - Kritik und Alternativen dargestellt an Beispielen in Schulbüchern, in: Dagmar Richter (Hrsg.), Gesellschaftliches und politisches Lernen im Sachunterricht, Baltmannsweiler 2004, S. 211ff.
15.
Vgl. als Ausnahme z.B. "Was ist Arbeit?", Themenschwerpunkt der Zeitschrift "Weltwissen Sachunterricht", (2007) 1.
16.
Vgl. Peter Massing, Politische Bildung in der Grundschule - Überblick, Kritik, Perspektiven, in: D. Richter (Anm. 1), S. 18ff.
17.
Vgl. Keith C. Barton/Alan W. McCully/Melissa J. Marks, Reflecting on elementary children's understanding of history and social studies, in: Journal of Teacher Education, 55 (2004) 1, S. 70 - 90.