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30.7.2007 | Von:
Dagmar Richter

Das politische Wissen von Grundschülerinnen und -schülern

Welcher Politikbegriff ist im Unterricht sinnvoll?

Manche Lehrkräfte folgen lieber demokratiepädagogischen Ansätzen, die ein eher unpolitisches soziales Lernen favorisieren: Es werden z.B. Gesprächs- und Diskussionsregeln sowie Formen des Abstimmens geübt. Dabei wird von einem "weiten Politikbegriff" ausgegangen, der alles umfasst, was menschliche Gruppen und Gemeinschaften betrifft. "Gute Beispiele" mit meist eindeutig guten und schlechten Haltungen und moralischen Implikationen werden unterrichtet. Es besteht hier die Gefahr, dass die Lernenden kein systematisierendes Wissen erwerben und sich später enttäuscht von der realen Politik abwenden, die nur selten so überschaubar oder eindeutig zu bewerten ist.

Eine andere Position grenzt politisches vom sozialen Lernen sowie von der Demokratiepädagogik begrifflich und didaktisch ab. Sie bezieht sich auf einen "engen Politikbegriff" und versucht, fachspezifische Kompetenzen zu definieren. Sie lässt sich mehrfach begründen. Zum einen haben Kinder ein Recht auf Aufklärung und auf Hilfestellungen zur Orientierung in der Gesellschaft, in der sie leben. Wissen schützt vor Fehldeutungen und irrationalen Ängsten. So ist es im Zusammenhang mit dem Thema Krieg für Kinder wichtig zu wissen, dass er bei ihnen nicht quasi "über Nacht" ausbrechen wird. Dafür müssen sie ihn jedoch von anderen Konflikten wie Streitigkeiten oder von kriminellen Handlungen unterscheiden können. Des Weiteren haben Kinder als Gesellschaftsmitglieder das Recht, an ihrer Mit- und Umwelt zu partizipieren. Dies kann sich auf Regelungen in der Schule oder Kindertagesstätte, auf Anhörungen von Kindern und ihren Interessen im Gemeinderat oder Mitarbeit an den Themen der Regionalzeitung beziehen.[18] Für die Mitbestimmung und -gestaltung brauchen sie Wissen und Fähigkeiten, die im Unterricht vermittelt zumindest die Chance eröffnen, sie beim Mitgestalten vor Manipulationen von Erwachsenen zu schützen. Die Bedeutung der Wissensvermittlung für die politische Bildung ist empirisch belegt: Das Partizipieren allein führt zwar zu einer aktiven Haltung, nicht aber unbedingt zu politischer Bildung.[19]

Eine weitere Begründung für die Vermittlung eines Politikbegriffs ergibt sich daraus, dass zur Förderung von politischem Lernen die Auseinandersetzung mit realen politischen Ereignissen wichtig ist.[20] Den Kindern wird mit Hilfe authentischer, für sie bedeutsamer Aufgaben einsichtig, dass das Gelernte bei alltäglichen Problemen und Herausforderungen nützlich sein kann und dass sie direkt oder indirekt von politischen Problemen und Herausforderungen betroffen sind. Zwar dürfen sie selbst noch nicht direkt politisch handeln, aber sie können insbesondere im kommunalen Raum mitgestalten und über alternative Politik nachdenken. Ziel ist politische Urteilsfähigkeit: "Kinder sollen ihre affektiven Bindungen an das politisch demokratische System mit der Zeit reduzieren zugunsten einer rational begründeten Loyalität."[21] Wissen ist zwar keine ausreichende Grundlage für Loyalität, aber zumindest eine Quelle für demokratische Einstellungen und Verhaltensweisen, so dass auf die Vermittlung von Wissen nicht verzichtet werden kann. Nicht zuletzt ist zu erwähnen, dass frühes politisches Lernen Vorurteilen vorbeugen kann, wenn diese von der Lehrkraft erkannt und reflektiert und ohne Scheu mit den Kindern besprochen werden. Dabei sind klare Positionierungen gegen Ausgrenzung und Diskriminierung sowie für Gerechtigkeit seitens der Lehrkraft wichtig.

Fußnoten

18.
Vgl. die Beiträge in APuZ, (2001) 44, zur "Partizipation von Kindern und Jugendlichen".
19.
Dies hat insbesondere eine groß angelegte Studie aus der Schweiz gezeigt. Vgl. Horst Biedermann, Junge Menschen an der Schwelle politischer Mündigkeit. Partizipation: Patentrezept politischer Identitätsfindung?, Münster u.a. 2006.
20.
Vgl. Georg Weißeno, Kernkonzepte der Politik und Ökonomik - Lernen als Veränderung mentaler Modelle, in: ders. (Hrsg.), Politik und Wirtschaft unterrichten, Bonn-Wiesbaden 2006, S. 120ff.
21.
P. Massing (Anm. 16), S. 28.