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30.7.2007 | Von:
Dirk Loerwald

Ökonomische Bildung für bildungsferne Milieus

Zielgruppe: das bildungsferne Prekariat

In Deutschland existiert eine sozial abgehängte Unterschicht. In dieser auch als "Prekariat" bezeichneten Schicht ist der Großteil der bildungsfernen Haushalte zu verorten. Aus diesem Grund soll im Folgenden mit Hilfe des Sinus-Ansatzes das deutsche Prekariat näher beschrieben werden.[12] Im Konzept der Sinus-Milieus werden Lebensstile bzw. Grundorientierungen mit der sozialen Lage zusammengebracht. Letztere wird unterteilt in "Oberschicht/Obere Mittelschicht", "Mittelschicht" und "Unterschicht/Untere Mittelschicht". Hinsichtlich der Grundüberzeugungen wird unterschieden zwischen dem Fokus auf "traditionellen Werten", auf "Modernisierung" und auf "Neuorientierung".[13] Bringt man diese Kriterien zusammen, ergibt sich eine Neun-Felder-Matrix, die von Sinus-Sociovision als "Milieulandschaft" bezeichnet wird.

Die der Unterschicht und der unteren Mittelschicht zugeordneten Milieus lassen sich unterteilen in die junge spaßorientierte und/oder materialistisch geprägte Generation auf der einen und die alte, Sicherheit und Ordnung liebende Nachkriegsgeneration auf der anderen Seite. Letztere wird als Milieu der "Traditionsverwurzelten" bezeichnet. Die Bildungsfernen sind eher in den Milieus der "Konsum-Materialisten" und "Hedonisten" zu verorten. Die diesen Milieus zugehörigen Personen haben meist eine einfache Formalbildung genossen (Volks-/Hauptschule, zum Teil ohne Abschluss) und verfügen relativ selten über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Die beruflichen Chancen sind dementsprechend häufig eingeschränkt, und der Anteil der Arbeitslosen ist hoch. Ganz im Gegensatz zu ihren sehr beschränkten finanziellen Mitteln steht das ausgeprägte und oftmals unreflektierte Konsumverhalten: "Konsum-Materialisten" sind vom Wunsch geprägt, "mithalten" zu können; "Hedonisten" werden getrieben durch ein ausgeprägtes Spaß- und Unterhaltungsbedürfnis. Die Gegensätze zwischen einem gemessen an den eigenen Verhältnissen extensiven Konsum einerseits und dem limitierten Budget andererseits führen in vielen Fällen zu Ver- und Überschuldung. Das Interesse an wirtschaftlichen und politischen Fragestellungen ist äußerst gering.

Defiziten im Bildungsbereich kommt in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung zu, da die Probleme des Prekariats in der Regel Folgeerscheinungen eines mangelnden Bildungsniveaus sind. Ein höherer Grad an Allgemeinbildung kann dazu führen, dass die genannten Probleme entschärft werden. Bildung ist ein Mittel zu Wohlstandssteigerung und sozialem Aufstieg.[14]

Fußnoten

12.
An dieser Stelle kann keine ausführliche Sozialstrukturanalyse vorgenommen werden. Gleichwohl soll die bildungsferne Unterschicht mit Hilfe eines analytisch und empirisch gehaltvollen Konzeptes näher gefasst werden. Der Sinus-Ansatz bietet eine angemessene theoretische Grundlage (Anm. der Redaktion: vgl. den Beitrag von Joachim Detjen in diesem Heft).
13.
Gero Neugebauer, Politische Milieus in Deutschland, Bonn 2007, S. 18.
14.
Vgl. K. Klemm (Anm. 4), oder L. Wößmann (Anm. 11).