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24.7.2007 | Von:
Armin Pfahl-Traughber

Ideologische Erscheinungsformen des Antisemitismus

Schlussfolgerung

Auch bei der aktuellen deutschen und internationalen Diskussion über die Existenz und den Stellenwert eines "Neuen Antisemitismus" wäre eine stärkere Beachtung der erwähnten Definitionen und Typen von Interesse. Er unterscheide sich von älteren Formen dadurch - so die in diesem Zusammenhang vertretene Auffassung -, dass die Judenfeindschaft auf die Rolle des Staates Israel im Nahostkonflikt bezogen sei. Kritiker des Begriffs "Neuer Antisemitismus" sehen darin ein Instrument, das die israelische Politik gegen Kritik immunisieren solle.[42] Allzu sehr ist die Debatte durch Pauschalisierungen und weniger durch Differenzierungsvermögen geprägt.

Dies gilt für beide Seiten, die durchaus berechtigt Belege für ihre Auffassungen vorbringen können, aber zu deren nicht begründeter Verallgemeinerung neigen. So lässt sich an zahlreichen Beispielen belegen, dass hinter mancher Israelkritik antisemitische Motive stehen. Es gibt aber auch eine von antisemitischen Motiven freie Israelkritik, die nicht als Judenfeindschaft angesehen werden kann. Daher stellt sich die Frage, welche Kriterien beide Auffassungen voneinander unterscheidbar machen.[43] Um hier eine klare Einschätzung vornehmen zu können, bedarf es einer trennscharfen Definition von Antisemitismus und seiner ideengeschichtlichen Hintergründe.

Versteht man darunter Auffassungen, die eine pauschale Herabwürdigung von Juden aufgrund eben dieser religiösen Zugehörigkeit beabsichtigen, so lässt sich das Kriterium auch für die nähere Interpretation der jeweiligen Aussagen nutzen. Darüber hinaus können antisemitische Meinungen in den inhaltlichen Kontext des Agitationsarsenals einer jahrhundertealten Judenfeindschaft gestellt und damit klarer hinsichtlich ihrer eigentlichen Motive und Prägungen analysiert werden. Insofern bedarf es auch eines Verständnisses von Antisemitismus als Sammelbezeichnung, das religiöse, soziale, politische, rassistische, sekundäre und antizionistische Ideologieformen erfasst.

Fußnoten

42.
Vgl. Doron Rabinovici/Ulrich Speck/Natan Sznaider (Hrsg.), Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte, Frankfurt/M. 2004.
43.
Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Antisemitische und nicht-antisemitische Israel-Kritik. Eine Auseinandersetzung mit den Kriterien zur Unterscheidung, in: Aufklärung und Kritik, 14 (2007), H. 1, S. 49 - 58.