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24.7.2007 | Von:
Rainer Erb

Organisierte Antisemiten

"Gib der Wahrheit deine Stimme!"

Dem Anführer einer solchen Gruppierung kommt eine besondere Rolle zu, weil er seinem Willen durch Übertragung auf andere Wirksamkeit verleihen muss. Diese Übertragung geschieht ausschließlich auf dem Wege der ideologischen Indoktrination, denn über andere Machtmittel - etwa Gratifikationen oder Sanktionsmittel - verfügt er nicht. Dazu muss der Demagoge ständig bekenntnishaft reden, Schriftsätze produzieren und diese publizieren. Er ist strukturell zur Mitteilung verpflichtet. Ein Individuum kann reden oder schweigen, hetzen oder - wenn es opportun erscheint - sein Wort unterdrücken. Demgegenüber ist eine Organisation zur Generalisierung ihrer Zwecke zur Kommunikation verpflichtet. Verpflichtung und Führungsanspruch werden z.B. mit einem Vers Ulrich von Huttens zum Ausdruck gebracht: "Eine gute Sache wird nicht gefördert durch stille Verehrer, sondern durch lautes Bekennen. Drum heraus, wer etwas zu bekennen hat! Die Gasse ist gemacht, aber die Masse muss folgen."[4]

Kommunikation wiederum benötigt innerhalb von Organisationen gemeinsam akzeptierte Bedingungen des Handelns. Dementsprechend werden Personen in erster Linie danach beurteilt, wie sie in konkreten Situationen womöglich entscheiden werden. Für diese Beurteilung sind die Intensität und die Dauer der Mitgliedschaft entscheidend, d.h. der Grad der Übereinstimmung mit der Organisationsstruktur und den Organisationszielen. Ideologisch festgefügte Organisationen weisen bereits an der Peripherie die Vielfalt ab und lassen nur diejenigen Kandidaten passieren, die sich zur Assimilation eignen oder die hegemonialen Deutungen nicht infrage stellen. In diesen Organisationen verfestigen sich einseitige Welt- und Menschenbilder militant. Viele bleiben ausgeschlossen; das begrenzt das Mengenwachstum, fördert aber das Eigenbild von einer auserwählten und zur Führung berufenen Elite.

Im Gegensatz zu den Neonazis, die nach der Serie von Organisationsverboten der 1990er Jahre neue, informelle und strukturarme Formen des Zusammenschlusses entwickelt haben, blieben die "alten" Rechtsextremisten organisationsbesessen. Nur in Zusammenschlüssen sind die kollektiv geteilten irrationalen Überzeugungen dem Fluch der Isolierung entzogen - deshalb die Gruppenbildung, deshalb das stützende Dauergerede. Kaum war etwa der ehemalige NPD-Vorsitzende Günter Deckert von seiner Partei ausgeschlossen, übernahm er in Mannheim die Prozessberichterstattung zu den Verhandlungen der Auschwitzleugner Ernst Zündel und Germar Rudolf im Internet, versuchte eine neue Sammlungsbewegung (die "Deutsche Liste") zu vitalisieren, deren erster öffentlicher Auftritt im Februar 2007 eine Plakataktion zugunsten des Angeklagten Zündel in Mannheim war. Finanziell und personell unterstützt wurden sie dabei vom " Collegium Humanum" aus Vlotho und von der "Ernst-Zündel-Truppe" aus Berlin. Während das Collegium Mahler kritiklos unterstützt, seinen Thesen und seiner Strategie uneingeschränkt anhängt, handelt es sich bei der "Zündel-Truppe" um einen kleinen Kreis von Personen, der sich mittlerweile von Mahler und seinen Anhängern im wüsten Streit getrennt hat.

Wenn sich eine politische Partei einem veränderten gesellschaftlichen Umfeld sinnvoll anpassen will, dann tut sie dies am besten dadurch, dass sie die entsprechenden Veränderungen implementiert. Eine Grunderkenntnis der Organisationssoziologie lautet: Organisationen müssen auf eine Differenzierung in ihrer Umwelt mit interner Differenzierung antworten. Daher spricht einiges dafür, dass die Auslagerung bestimmter weltanschaulicher Themen und strafrechtlich relevanter Aktivitäten in spezialisierte Unterorganisationen die Akzeptanz rechtsextremer Parteien erhöhen und gleichzeitig die Identifikation der Wähler mit dem sozialpolitisch angereicherten Programmangebot steigern kann. Sinn dieser Mimikry ist es, sich selbst als Wahrer der Meinungsfreiheit darzustellen und den "BRD-Gesinnungsstaat wegen der Einschränkung der Meinungsfreiheit in geschichtspolitischen Fragen zu delegitimieren".[5] Diese Umwegstrategie ist nicht glaubwürdig und leicht zu durchschauen, mobilisierte doch die NPD maßgeblich den Protest gegen den Bau von Synagogen in Dresden, Bochum oder München.

Um Schaden von der NPD abzuwenden, entlastete Horst Mahler die Partei vom offenen Revisionismus - der Leugnung des Holocaust - und gründete dazu seinen eigenen Verein. Nach dem gescheiterten NPD-Verbotsverfahren im März 2003 legte er seine Parteimitgliedschaft nieder und begann seinen "Feldzug gegen die Offenkundigkeit des Holocaust". In seinen "Kampf gegen das den Deutschen von den Siegermächten aufgezwungene Geschichtsbild und den damit verübten Seelenmord am deutschen Volk" wolle er die Partei nicht mit hineinziehen. Ziel des Feldzuges ist es, zahlreiche Mitstreiter zu gewinnen und durch die öffentliche und tausendfach wiederholte Leugnung des Holocaust deren straffreie Behauptung durchzusetzen.[6] Zur Koordination, zur Herstellung von Öffentlichkeit und zur Finanzierung der Kampagne gründete er im November 2003 mit der Unterstützung bekannter Auschwitzleugner aus dem In- und Ausland einen "Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten" (VRBHV).

Fußnoten

4.
Als weiteres Beispiel dient Horst Mahler, der dies seinen Anhängern zur Pflicht macht: "Gib der Wahrheit deine Stimme, wo immer du bist! Die Wahrheit siegt, indem wir sie unerschrocken aussprechen.", in: Ehre, Wahrheit, Heimat, Programmschrift von Horst Mahler vom November 2006.
5.
NPD-Parteivorstand, Eine Handreichung für die öffentliche Auseinandersetzung für Kandidaten und Funktionäre, Berlin 2006, S. 34.
6.
Vgl. Rainer Erb/Andreas Klärner, Antisemitismus zur weltgeschichtlichen Sinnstiftung - Horst Mahler vor Gericht, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 14 (2005), S. 111 - 134.