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Demokratie und islamische Staatlichkeit

21.6.2007

Der Mythos des Säkularismus



In der von der europäischen Aufklärung inspirierten und beeinflussten Politischen Theorie ist der Säkularismus als notwendige und unwidersprochene Bedingung für eine gute Regierungsführung betrachtet worden. Dies mag empirisch zutreffend sein oder nicht, jedenfalls beteuern die meisten westlichen Vertreter den säkularen Charakter westlicher Gemeinwesen und halten die Vorteile des Säkularismus für selbstverständlich. Als muslimischer Intellektueller, der im Westen lebt, forscht, Politische Theorie und Politische Philosophie lehrt, hat mich immer erstaunt, wie hartnäckig sich die Idee des Säkularismus hält. Für eine Zivilisation, die sich eines beträchtlichen Entwicklungsstandes in den meisten ihrer Bereiche rühmt, ist die Annahme, Politik und Religion seien zwei unterschiedliche Sphären oder die beiden könnten voneinander getrennt werden, uncharakteristisch naiv. Dieser Glaube an die Trennbarkeit von Kirche und Staat gehört meiner Meinung nach zu den langlebigen Mythen der Moderne und gründet auf der falschen Annahme einer rein politischen und rein religiösen Sphäre, die es im wirklichen Leben nicht gibt.[5]

Alle zentralen Fragen sind nicht nur normativer Natur, sondern sie wirken auch auf die individuelle und kollektive Identität ein. Weder die Vorstellung vom eigenen Ich noch die Entwicklung einer kollektiven Identität sind frei von politischen oder religiösen Überlegungen. Das Christentum spielte eine wichtige Rolle beim Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa, in der streng säkularen Türkei haben Islamisten einen Weg zur Machtausübung gefunden. Die Zurschaustellung religiöser Symbole im öffentlichen Raum - egal, ob es sich um das muslimische Kopftuch (Hijaab) in den Schulen Frankreichs oder um die Zehn Gebote in amerikanischen Gerichtssälen handelt - bleibt vor allem deshalb umstritten, weil sich kein Konsens darüber findet, die Religion ganz aus dem öffentlichen Raum zu verbannen.

Nicht nur, dass die Religion in die Politik hineinwirkt - allenthalben ist auch eine Politisierung der Religion zu beobachten. Dass die Republikaner die Frage der Eheschließung zwischen Homosexuellen im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2004 zum Thema machten, unterstreicht, dass Religion im modernen Westen immer wieder auch politisch relevant wird. Mir ist aufgefallen, dass amerikanische Politiker oft versuchen, ihre religiösen Beweggründe bei der Befürwortung einer bestimmten Politik in säkulare Begriffe zu kleiden. Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist die unerschütterliche Unterstützung Israels und der israelischen Besetzung der Westbank und des Gazastreifens bei bestimmten Republikanern, die christlich-evangelikale Bindungen haben. Sie unterstützen Israel aus biblischen Motiven, rechtfertigen dies jedoch damit, dass Israel "die einzige Demokratie im Nahen Osten" sei.

In der muslimischen Welt wiederum speist sich Rechtmäßigkeit aus dem Islam, weshalb viele Politiker materielle Motive mit einem islamischen Deckmantel rechtfertigen. Während religiöse Politiker im Westen häufig einen säkularen Diskurs zur Legitimation ihrer Anliegen nutzen, betreiben muslimische Politiker aus dem gleichen Grund ganz bewusst eine "Islamisierung" weltlicher Fragen. Im Westen mangelt es der Religion im öffentlichen Raum an Legitimität, und sie muss deshalb verschleiert werden; in der muslimischen Welt leitet sich jegliche Legitimität aus dem Islam ab, und deshalb wird der Islam zur Rechtfertigung von Politik herangezogen.

Aus zwei Gründen sind Religion und Politik eng miteinander verwoben.[6] Erstens werden immer häufiger komplexe Erörterungen geführt, um die Legitimität bestimmter Anliegen zu stärken. Heutzutage scheinen alle Politiker das Diktum Machiavellis zu befolgen, wonach es nicht wichtig ist, gerecht zu sein, sondern gerecht zu erscheinen. Deshalb bringen Politiker, politische Parteien und Herrschaftssysteme einen Diskurs in Gang, mit dem sie ihre Ziele und Strategien rechtfertigen. Abhängig vom kulturellen Kontext ist es dabei entweder die Religion, welche die politische Logik untermauern soll, oder es sind politische Beweggründe, die religiös verbrämt werden.

Der zweite und wohl wichtigste Grund, weshalb Religion in entscheidenden Fragen immer eine Rolle spielen wird, liegt in ihrer identitätsstiftenden Eigenschaft. Alle wichtigen politischen Fragen tangieren letztlich auch das individuelle und kollektive Bewusstsein und lösen dabei religiöse Empfindungen aus. Solange Religion auf die Identität von Menschen einwirkt, solange wird sie auch in der Politik von Bedeutung sein. Die zeitgenössische europäische Erfahrung mit dem Säkularismus - und die Besessenheit davon - stellt nur eine kleine Abweichung vom Lauf der Menschheitsgeschichte dar. Zudem leitet sich die europäische Abneigung gegen die Verbindung von Religion und Politik nicht aus der Religion sui generis ab, sondern aus den Erfahrungen mit einer ganz bestimmten Manifestation von Religion - der Katholischen Kirche.

Im Gegensatz dazu hat der Islam nach Meinung von Muslimen und vielen nicht-muslimischen Chronisten zur Entstehung von Pluralismus, religiöser Toleranz und eines harmonischen Miteinanders beigetragen. Das Goldene Zeitalter der Mauren in Andalusien und das Mogul-Reich in Indien sind zwei immer wieder zitierte Beispiele dafür, dass der Islam potenziell dazu in der Lage ist, die Infrastruktur für eine Gesellschaft zu schaffen, in der Pluralismus und Toleranz obsiegen. Selbst in der Debatte um den "Anti-Terror-Krieg" wird dem liberalen Islam zugestanden, dass er mit seiner Betonung der Aufklärung, des Friedens und der Toleranz das Gegenmittel zum Erstarken des Terrorismus und der sektiererischen Gewalt in einigen heutigen muslimischen Gesellschaften darstellt.[7]

Folgernd, dass erstens der Säkularismus als notwendige Bedingung für gute Regierungsführung ein eurozentristischer Mythos ist und zweitens der historische Islam seine Fähigkeit zur Stärkung der gesellschaftlichen Harmonie und des Pluralismus unter Beweis gestellt hat, werde ich nun Argumente für den islamischen Staat ins Feld führen.


Fußnoten

5.
Dieses Phänomen wurde in größerer Ausführlichkeit diskutiert: Muqtedar Khan, The Myth of Secularism, in: E. J. Dionne Jr./Jean Bethke Elshtain/Kayla M. Drogosz (Eds.), One Electorate under God? A Dialogue on Religion and American Politics, Washington, D.C. 2004, S. 134 - 139.
6.
Eine ähnliche Argumentation findet sich bei Dwitt B. Billings/Shaunna L. Scott, Religion and Political Legitimation, in: Annual Review of Sociology, 20 (1994), S. 173 - 202.
7.
Vgl. Muqtedar Khan, Radical Islam, Liberal Islam, in: Current History, 102 (2003) 668, S. 417 - 421.