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Demokratie und islamische Staatlichkeit

21.6.2007

Die Notwendigkeit eines islamischen Staates



Die meisten zeitgenössischen Islamisten argumentieren, dass ein islamischer Staat erforderlich ist, um den Muslimen jenes Instrument an die Hand zu geben, das zur gesellschaftlichen Steuerung und moralischen und kulturellen Reform erforderlich ist. Sie versprechen sich vom islamischen Staat eine politische Einheit, die den Muslimen Unabhängigkeit von der westlichen Dominanz und die Freiheit verleiht, den Islam zu praktizieren und islamische Normen zu institutionalisieren. Für viele Muslime ist der islamische Staat ein Vehikel zur muslimischen Selbstbestimmung.

Ich bin der Überzeugung, dass Muslime eine rechtschaffene Republik entweder auf der Grundlage universeller Normen oder mittels eines auf dem Glauben und islamischen Werten beruhenden Musterbeispiels entwerfen und schaffen können. Das mir vorschwebende Endergebnis ist das gleiche, da es kaum Unterschiede zwischen universellen Normen und islamischen Werten gibt - den Unterschied macht die Politik. Würden Muslime in ihrem Streben nach Selbstbestimmung und guter Regierungsführung eine zeitgenössische Sprache sprechen, dann würde ihr politischer Aktivismus vom Rest der Welt vielleicht weniger ablehnend aufgenommen, in ihren eigenen Ländern aber möglicherweise als weniger legitim gelten. Dort ist Muslimen eine prompte Legitimität sicher, wenn sie eine islamische Sprache sprechen - ebenso sicher jedoch wie die Unsicherheit und sogar der Widerstand im Ausland, da Nicht-Muslime in aller Welt Furcht vor und Abneigung gegen islamistische(n) Regierungen entwickelt haben (vor allem aufgrund der Erfahrungen mit den Taliban in Afghanistan, den Mullahs in Iran und Saudi-Arabien).[8]

Muslimische Staatstheoretiker argumentieren, das im Koran beschriebene Prinzip Amr bil marouf wa nahy anil munkar ("Gebiete das Gute und verbiete das Böse") sei die islamische Rechtfertigung zur Schaffung eines ideologischen Staates, der darauf zielt, die islamische Scharia einzuführen. Dieser Leitsatz ist im Grunde dem Koran entnommen: "Es sollte aus euch eine Gemeinschaft werden, die zum Guten aufruft und das Rechte gebietet und das Verwerfliche verbietet ..." (Koran, Sure 3, Vers 104). "Ihr seid das beste Volk, hervorgebracht zum Wohl der Menschheit; ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche ..." (Koran, Sure 3, Vers 110). "Die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind einer des anderen Beschützer. Sie gebieten das Rechte und verbieten das Böse ..." (Koran, Sure 9, Vers 71).

Da aber in der Scharia beschrieben wird, was Gut und Böse ist und damit Muslime Menschen zum Rechten auffordern und Böses verwehren, müssen Muslime "die islamische Scharia zur Geltung bringen". Dies ist die allgemeine Rechtfertigung für den islamischen Staat und wurde im Grunde bereits vonIbn Taymiyyah (661 - 728 n. Chr.) formuliert.[9] Es lässt sich trefflich darüber streiten, ob der Text des Koran die Schaffung eines Staates vorschreibt, doch können wir uns der Tatsache nicht verschließen, dass soziale Normen heutzutage dermaßen mit der Politik des modernen Staates verflochten sind, dass sie sich nicht vom Politischen trennen lassen.

Die Frage, die für muslimische Politiktheoretiker zur wichtigsten wird, betrifft das Wesen und die Konsequenzen des islamischen Staates. Wird dieser Staat, geschaffen, um das Gute zur Geltung zu bringen und das Böse zu bestrafen, zu einer Tyrannei derer werden, die das Recht zur Auslegung der Scharia für sich beanspruchen? Oder wird er zu einem gemeinschaftlichen Vorhaben der Menschen werden, die nach einer rechtschaffenen Republik streben, die ein tugendhaftes Leben erleichtert? Ich bin davon überzeugt, dass muslimische Politiktheoretiker in der Lage sind, ein eben solches Regierungssystem zu entwerfen, welches das Gute fördern und das Böse verbieten würde und zudem eine Kultur der Toleranz und des Mitgefühls für unterschiedliche und sogar vielfältige Auffassungen hervorbringen könnte, was dieses Gute sein mag.


Fußnoten

8.
Ein herausragendes klassisches Beispiel für einen universellen Ansatz ist das Werk "Muqaddima" des im 14. Jahrhunderts lebenden Rechtsgelehrten Ibn Khaldun. Beispielhaft für den islamischen Ansatz steht das Werk "Ahkam Alsultaniyah" von Abu al-Hassan al-Mawardi (972 - 1058 n. Chr.). In unserer Zeit sind die Arbeiten des iranischen Philosophen Abdolkarim Soroush ein gutes Beispiel für den universellen Ansatz bzw. die Arbeiten des verstorbenen Maulana Maududi aus Pakistan für den islamischen Ansatz.
9.
Vgl. Muqtedar Khan, The Islamic States, in: M.Hawkesworth/M. Kogan (Eds.), Routledge Encyclopedia of Political Science, London 2003.