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16.5.2007 | Von:
Christoph Schroeder

Integration und Sprache

Konzeptionelle Schriftlichkeit

Wenn Menschen in den intimen und informellen Registern nicht die Verkehrssprache sprechen, ist das per se kein Integrationshindernis.[6] Das wird es erst dann, wenn sie nicht anders können und ihnen dadurch der Zugang zu den gesellschaftlichen Institutionen der Bundesrepublik Deutschland verwehrt bleibt. Aber was bedeutet eine Sprache zu können in diesem Zusammenhang? Die oben eingeführte Register- und Varietätendifferenzierung hilft uns bei der Antwort: Oberstes Ziel integrativer sprachlicher Bildung kann nur sein, dass die Sprachenschüler zu derjenigen Varietät einen Zugang finden, die es ihnen erlaubt, an den symbolischen Praktiken der schriftkulturell geprägten Gesellschaft teilzunehmen: zur Schriftsprache.

Schriftsprache tritt nicht allein in der medialen Form der schriftlichen Fixierung auf. In dem weiteren Verständnis der konzeptionellen Schriftlichkeit (gegenüber konzeptioneller Mündlichkeit) bedeutet sie eine spezifische Form der Sprachpraxis: Schriftsprache ist
  • kognitiv dadurch gekennzeichnet, dass der Sprecher/Schreiber sich der Sprache bedient, um seine Gedanken nicht nur auszusprechen, sondern auch, um sie zu bearbeiten und weiter zu entwickeln: Schrift ist ein externer Speicher, den man monologisch redigieren kann.
  • kommunikativ durch dezentrierte Kommunikation gekennzeichnet; diese ist nicht durch die Äußerungssituation selbst, sondern wiederum symbolisch, durch Textnormen kontrolliert;
  • strukturell durch eine verlangsamte Sprachproduktion und einen Fokus auf die sprachliche Form gekennzeichnet; eine höhere Komplexität, Elaboriertheit und Differenziertheit der sprachlichen Formen ist die Folge.[7]

    Die Sprache der gesellschaftlichen Institutionen ist konzeptionell schriftlich, was beinhaltet, dass sie medial auch mündlich sein kann.[8] Kinder lernen Schriftlichkeit in der Schule. Dabei hilft ihnen ein soziales Umfeld (nicht nur, aber in der Regel das Elternhaus), in dem eine kategoriale Haltung zur Schriftlichkeit gelebt wird, das heißt ein analytischer Zugang, in dem die Annäherung an die Schriftsprache als eine Ausbauform der mündlichen Sprache möglich ist.

    Das Problem der Schriftsprachvermittlung Deutsch für Kinder und Erwachsene mit Migrationshintergrund besteht einerseits darin, dass die Varietät des formellen Registers eben keine Ausbauform der Varietäten der informellen und der intimen Register ist: Sie ist einer anderen Sprache zuzuordnen. Die größte Herausforderung scheint aber dort zu bestehen, wo im Elternhaus keine kategoriale Haltung zur Schriftlichkeit allgemein (also auch nicht zur Schriftlichkeit in der Herkunftssprache) gelebt wird, etwa wenn eine generelle "Bildungsferne" besteht, oder/und wenn die Herkunftssprache keine schriftsprachliche Varietät hat, weil im Herkunftsland eine andere Sprache oder eine strukturell stark unterschiedliche Varietät als Schriftsprache durchgesetzt ist, die aber in der Migration nicht beibehalten wird, oder/und wenn die Schriftsprache in der Herkunftskultur einen quasi sakralen Status hat, der den analytischen Zugang verwehrt.

  • Fußnoten

    6.
    Es ist im internationalen Vergleich allemal der Normalfall.
    7.
    Vgl. Utz Maas, Sprache und Sprachen in der Migration, IMIS-Beiträge, 26 (2005), S. 89 - 133.
    8.
    Ebenso kann konzeptuelle Mündlichkeit auch medial schriftlich sein und wird dann zum Sprachproblem (außer im Internet in Chatforen und informellen E-Mails).