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16.5.2007 | Von:
Christoph Schroeder

Integration und Sprache

Die Integrationskurse

Die Einrichtung der Integrationskurse, die 600 Stunden Deutschunterricht sowie 30 Stunden Orientierungskurs vorsehen, beendete den bisherigen Zustand unübersichtlicher Heterogenität der Sprachkursangebote für Zuwanderer. Die vereinheitlichte Konzeption der Integrationskurse übernimmt in Bezug auf die Zielvorstellungen der erwarteten sprachlichen Kompetenzen bei erfolgreichem Kursabschluss das sechsstufige Raster des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für (Fremd-)Sprachen.[13] Hiermit verbinden sich die Erwartungen, die bisherigen unklaren Beschreibungskategorien der Verwaltungspraxis ("kann sich auf ausreichende Art mündlich verständigen", "hat ausreichende Kenntnisse" ...) durch präzisere und vor allem auch einheitlich kontrollier- und testbare Kategorien zu ersetzen. Als Bedingung für den erfolgreichen Abschluss des Integrationskurses wurde die Niveaustufe B1 festgelegt. Diese Zielsetzung erfolgte mit Blick auf niederländische Erfahrungen, wo zunächst bei gleicher Stundenzahl B2 angesetzt worden war, jedoch nur 13 Prozent der Teilnehmer dieses Niveau erreicht hatten.[14]

Zwei Gutachten liegen mittlerweile vor, welche die bisherigen Erfahrungen mit den Integrationskursen bewerten und Vorschläge für das weitere Vorgehen entwickeln.[15] Auch wenn beide Gutachten darin übereinstimmen, dass eine Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Kenntnisse in der Zweitsprache verbessert, so wird doch deutlich, dass die Erwartungen, die sich mit den Integrationskursen verbinden, gedämpft werden müssen: Nur etwa die Hälfte der Kursteilnehmer erreicht innerhalb von 600 Stunden die Niveaustufe B1.[16] In erster Linie korrelieren ein höheres Bildungsniveau und in zweiter Linie auch bereits vorhandene Deutschkenntnisse mit einer erfolgreichen Teilnahme.[17] Dies kann man so deuten, dass genau diejenigen Zuwanderer, welche die Kurse am nötigsten haben - also die Bildungsfernen, zum Teil auch die nicht Alphabetisierten - am wenigsten von ihnen profitieren (und als "Integrationsunwillige" demnächst entsprechend sanktioniert werden), während diejenigen, die aufgrund ihrer Bildung und/oder Vorkenntnisse vielleicht ohnehin erfolgreich Deutsch gelernt hätten, eben auch hier erfolgreich sind. Die sich öffnende Schere erfordert vor allem zielgruppenorienterte Kurse für Teilnehmer mit spezifischem Förderbedarf. Diese machen bisher erst 10 % der Gesamtzahl der Kurse aus - nicht, weil nicht mehr Bedarf bestanden hätte oder nicht geäußert worden wäre, sondern weil sich die Kursträger mit dem erhöhten Organisations-, Konzeptions- und Kostenaufwand schwer taten.[18]

Ähnlich ambivalent erscheinen die Ergebnisse in Bezug auf den Beitrag, den die verbesserten Deutschkenntnisse für die berufliche und soziale Integration leisten. Schon das erste Gutachten unterstreicht, dass über die Ergebnisse des Integrationsprogramms im Hinblick auf seine eigentlichen Ziele, nämlich die Verbesserung der Teilhabechancen am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Leben, bisher in keinem der untersuchten Länder systematische Studien unternommen wurden.[19] In dem aktuellen Gutachten geben rund 40 % der Teilnehmer an, dass sie sich infolge des Kurses eher trauen, Deutsch zu sprechen, und dass dies ihnen im Alltag zugute kommt. Nur knapp 15 % aber sagen, dass ihnen die verbesserten Deutschkenntnisse bei der Suche nach einem Ausbildungs-, Studien- oder Arbeitsplatz geholfen hätten.[20]

Fußnoten

13.
Vgl. Europarat - Rat für kulturelle Zusammenarbeit, Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen, Berlin u.a. 2001.
14.
Der Sprachstand auf der Niveaustufe B1 ist in der Globalskala des Referenzrahmens u.a. beschrieben mit "Kann sich einfach und zusammenhängend über vertraute Themen und persönliche Interessengebiete äußern ...". Siehe dagegen die entsprechende Beschreibung von B2: "Kann sich so spontan und fließend verständigen, dass ein normales Gespräch mit Muttersprachlern ohne größere Anstrengung auf beiden Seiten gut möglich ist ...", vgl. Europarat (Anm. 13), S. 35.
15.
Vgl. Karen Schönwälder/Janina Söhn/Ines Michalowski, Sprach- und Integrationskurse für MigrantInnen. Erkenntnisse über ihre Wirkungen aus den Niederlanden, Schweden und Deutschland. AKI Forschungsbilanz 3, Berlin 2005; Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Evaluation der Integrationskurse nach dem Zuwanderungsgesetz. Abschlussbericht und Gutachten über Verbesserungspotenziale bei der Umsetzung der Integrationskurse, Berlin 2006.
16.
Vgl. Bundesministerium des Inneren (Anm. 15), S. 54 - 55.
17.
Vgl. ebd., S. 57.
18.
Vgl. ebd., S. 31 - 33.
19.
Vgl. K. Schönwalder u.a. (Anm. 15), S. iii.
20.
Vgl. Bundesministerium des Innern (Anm. 15), S. 59.