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16.5.2007 | Von:
Christoph Schroeder

Integration und Sprache

Mehrsprachige Förderung und Förderung der Mehrsprachigkeit

Die Ausführungen zur Mehrsprachigkeit sollten gezeigt haben, dass bei der Beantwortung der Frage nach dem, was ein mehrsprachiges Kind sprachlich "kann", eine Differenzierung von Registern, Varietäten und ihren Bezügen zu Fragen der kategoriellen Schriftlichkeit an die Stelle einer dichotomen Vorstellung von Zweisprachigkeit versus Einsprachigkeit treten muss. "Kompetent" sind die mehrsprachigen Sprecher in ihrer "Gesamtsprachlichkeit", also in der Gesamtheit ihrer sprachlichen Mittel - das bedeutet jedoch in der Regel nicht die Verdopplung aller einzelsprachlichen Varietäten- und Registerdifferenzierungen.

Zentrale Bedeutung erlangt dann die Frage, wie die Schule dieses differenzierte sprachliche Wissen (die "Ressourcen") der mehrsprachigen Schüler für den Schriftspracherwerb des Deutschen nutzen kann. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Erst- und die Zweitsprache zweisprachiger Kinder und Jugendlicher sich im Entwicklungsprozess wechselseitig im Sinne von Transfereffekten beeinflussen.[26] "Transfer" bedeutet dabei nicht ein quasi mechanisches Übertragen von Strukturen, sondern ist eher als eine Übertragung von sprachlichen Strategien zu fassen. Hierzu gehört auch kategorielle Schriftlichkeit, verstanden als ein Wissen um den Aufbau von Schriftlichkeit, das nicht primär an eine bestimmte Schriftsprache gebunden ist. Dort, wo dieses Wissen vorhanden ist, bedarf es mehrsprachiger Unterrichtskonzeptionen, die den Transfer erkennen und gegebenenfalls auch fördern. So ist der Mutter- oder Herkunftssprachenunterricht in der Grundschule berechtigterweise Ziel von Kritik, solange er abgekoppelt vom Deutschunterricht lediglich mit einer standardsprachlichen Sprachvermittlung beschäftigt ist. Wenn er aber in enger Zusammenarbeit mit dem Deutschunterricht die Entwicklung des mehrsprachigen Sprachbewusstseins in den Vordergrund stellt und die Kinder beispielsweise mit experimentellen Verschriftungen ihrer Herkunftssprache darin unterstützt, sich die literaten Potenziale von Schriftlichkeit zu erschließen, wird der Unterricht Teil des Programms der mehrsprachigen Förderung, welche die "Ressourcen" der Mehrsprachigkeit nutzt.[27]

Mehrsprachige Förderung in diesem Sinne hat nichts mit der Diskussion darüber zu tun, ob Mehrsprachigkeit integrationshemmend oder -fördernd ist bzw. wie volkswirtschaftlich sinnvoll der "Erhalt" der Erstsprachen ist. Es geht darum, die Transfermöglichkeiten zum Zweitspracherwerb zu öffnen.

Förderung der Mehrsprachigkeit wird dann zum willkommenen Nebeneffekt mehrsprachiger Förderung. Wenn beispielsweise in höheren Schulstufen eine Erweiterung des Angebots an Fremdsprachen (nach Englisch) um auch in der Schule als Erstsprachen gesprochene Sprachen stattfindet,[28] so ist das durchaus im Sinne der europäischen Fremdsprachenpolitik, die erklärtermaßen eine Diversifizierung des Angebots über das Englische hinaus anstrebt.

Fußnoten

26.
Vgl. die Zusammenfassungen entsprechender Forschungsergebnisse in: Hans H. Reich/Hans-Joachim Roth, Zum Stand der nationalen und internationalen Forschung zum Spracherwerb zweisprachig aufwachsender Kinder und Jugendlicher, Hamburg 2003; Janina Söhn, Zweisprachiger Schulunterricht für Migrantenkinder. Ergebnisse der Evaluationsforschung zu seinen Auswirkungen auf Zweitspracherwerb und Schulerfolg (AKI Forschungsbilanz 2), Berlin 2005; H.Esser (Anm. 21). Die Studien weisen zu Recht darauf hin, dass die soziolinguistischen Bedingungen des Transfers und die Möglichkeiten seiner Einbindung in Schulprogramme vor allem in der spezifischen Situation der migrantensprachlichen Mehrsprachigkeit in der Bundesrepublik Deutschland völlig unzureichend erforscht sind.
27.
Vgl. Utz Maas/Ulrich Mehlem/Christoph Schroeder, Mehrsprachigkeit und Mehrschriftigkeit bei Einwanderern in Deutschland, in: Klaus J. Bade/Michael Bommes/Rainer Münz (Hrsg.), Migrationsreport 2004. Fakten - Analysen - Perspektiven, Frankfurt/M. 2004, S. 117 - 149.
28.
Und zwar als ein für alle Schüler offenes Angebot.