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11.5.2007 | Von:
Jan Helmig

Geopolitik - Annäherung an ein schwieriges Konzept

Hintergründe der klassischen Geopolitik

Geopolitische Denkansätze haben eine lange Tradition. Territoriale Raster waren in der internationalen Politik bereits vor dem Westfälischen Frieden bedeutend. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges wurden sie zu einem Kernpunkt internationaler Politik.[2] Doch obwohl Geopolitik avant la lettre existierte, kann in keiner Weise von einer bewussten und expliziten geopolitischen Tradition gesprochen werden.[3] Erst die Übernahme biologistischer Erklärungsmuster auch für gesellschaftliche Phänomene und die auf evolutionstheoretischen Grundlagen basierende Annahme von Staaten als organischen Lebewesen rechtfertigte nicht nur eine territoriale Expansion, sondern auch die Unterdrückung und Ausbeutung schwächerer Staaten als "natürliche Selektion". Deterministischen Argumentationen wurde Vorrang eingeräumt; soziale Phänomene wurden als notwendige Folge externer Bedingungen' aufgefasst.

Einer der wichtigsten Vertreter dieser Denkweise in Deutschland war Friedrich Ratzel (1844 - 1904). Mit seinen Werken suchte er die Synthese von Politik und Geographie und argumentierte, dass Expansion und Migration der Schlüssel zum langfristigen Erfolg und Überleben einer Nation seien.[4] Seine positivistische Auffassung mündete in der Annahme, dass sich Staaten in einem ständigen Existenzkampf um essenziellen Lebensraum befänden. Die Annexion schwächerer Staaten wurde als natürlicher Vorgang im Entwicklungszyklus eines Staates aufgefasst, während gesellschaftliche, politische oder kulturelle Konstellationen lediglich eine nachgeordnete Rolle spielten.[5] Damit lieferte Ratzel der politischen Rechten das nötige wissenschaftliche Vokabular, um den nationalistischen Expansionsdrang des deutschen Reiches zu legitimieren. Die geopolitische Prädisposition ließ den Imperialismus als zwangsläufige Folge erscheinen. Wenngleich die Polysemie der Ratzel'schen Begriffe viele (Be-)Deutungen von Raum und Politik denkbar gemacht hat, war in ihr bereits die Basis für die Lebensraumideologie des Dritten Reiches angelegt.[6] Zwar wurde dem 'Rassendenken' schließlich Vorrang vor dem 'Raumdenken' eingeräumt, der Kampf um Lebensraum als legitimatorische Grundlage deutscher Expansionsbestrebungen blieb jedoch bestehen.[7]

Verwendet wurde der Begriff Geopolitik erstmalig 1899 vom schwedischen Wissenschaftler Rudolf Kjellén (1864 - 1922). Er verstand den Staat zwar als Lebensform - so auch der Titel seines bekanntesten Werkes -, allerdings war für Kjellén die Geographie letztendlich der Politik untergeordnet. Die territoriale Überlebensfähigkeit war zwar entscheidend, konnte aber durch politisches Handeln maßgeblich beeinflusst werden. Sowohl Rudolf Kjellén als auch Friedrich Ratzel legten die Grundsteine für eine weitere Entwicklung der Geopolitik im deutschen Sprachraum.[8]

Im angloamerikanischen Sprachraum hat neben Alfred Thayer Mahan (1840 - 1917) vor allem Halford Mackinder (1861 - 1947) geopolitisches Denken beeinflusst.[9] Obwohl Mackinder in seiner Rede The Geographical Pivot of History am 25. Januar 1904 den Begriff Geopolitik nicht ausdrücklich erwähnte, wird sein Vortrag dennoch als Meilenstein in der Geschichte der Geopolitik gesehen;[10] dies unter anderem deshalb, da Mackinder in seiner Grundsatzrede eine Neuorientierung der Geographie forderte, nämlich den Wandel von einer entdeckenden zu einer erklärenden Wissenschaft einschließlich dezidierter Politikberatung. Zudem verknüpfte er ausdrücklich Geographie und Politik, was nicht zuletzt seiner Position als Dozent für Geographie und als Abgeordneter im Parlament geschuldet war. Der Gegensatz von Land und Meer wurde von Mackinder jedoch grundsätzlich anders bewertet als vom Navalisten Mahan, der Seemächten größere Bedeutung zusprach. Mackinders Ideen hatten einen großen Einfluss auf politische Entscheidungsträger und schürten 35 Jahre später die Furcht der Alliierten vor einer deutsch-sowjetischen Allianz.

Die Versuche von Ratzel, Kjellén, Mackinder und ihren zeitgenössischen Kollegen, Kausalität zwischen geographischer Lage und einem als Raumorganismus bezeichneten Staat herzustellen, wurden zusammen mit der verwendeten Terminologie nach dem Ende des Ersten Weltkrieges von einer Vielzahl von Wissenschaftlern aufgegriffen und erweitert. In Deutschland waren dies vor allem Karl Haushofer, Erich Obst, Hermann Lautersach und Otto Maull. Insbesondere Karl Haushofer (1869 - 1946), Professor für Geographie in München, griff die organisch-geopolitischen Konzepte auf und übertrug sie auf die vermeintliche Sonderstellung des deutschen Reiches.[11] Die daraus resultierenden normativen Handlungsanweisungen machte die Geopolitik im Dritten Reich zur wissenschaftlichen Erfüllungsgehilfin einer nationalsozialistischen Ideologie, die in den blutigen Expansionskriegen um Macht und Raum ihren Höhepunkt fand. Scheinbar räumliche Zwänge wurden mit gesellschaftlichen Faktoren eingängig verknüpft. Die Legitimation dieser aggressiven Politik fand in den Slogans Blut und Boden oder Kampf um Lebensraum ihre polemischen und plakativen Aussprüche.[12]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Geopolitik in Deutschland mit dem Nationalsozialismus und vor allem mit der Person Karl Haushofers in Verbindung gebracht und weitestgehend diskreditiert. Wesentlich dazu beigetragen hat neben der verfehlten Lebensraumideologie die enge persönliche Verbindung Haushofers zum Nazi-Regime. Haushofer versteckte nach dem missglückten Putsch 1923 Rudolf Hess nicht nur bei sich in München, er wurde auch zu seinem wissenschaftlichen Mentor. Über Hess flossen auf diese Weise Haushofers geopolitische Ideen in Hitlers Vorstellungen ein.[13] Der Umfang des Einflusses bleibt jedoch umstritten.

Die Verstrickung mit nationalsozialistischen Ideologien bedeutete für die Nachkriegsgeographie, sich von alten Ansätzen radikal zu distanzieren und verfemte Konzepte zu negieren. Die Politische Geographie, als neutraler Gegenentwurf zur normativen Geopolitik konzipiert, führte bis in die 1990er Jahre ein Schattendasein in der deutschen Hochschullandschaft.[14] Mit wenigen Ausnahmen endete mit der Stigmatisierung und Tabuisierung des Begriffs in Deutschland auch die kritische Auseinandersetzung mit der Geopolitik; die Polysemie des Begriffes hat sicherlich dazu beigetragen.[15] Eine kritische Aufarbeitung bzw. Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte wurde so lange Zeit vernachlässigt. Dabei ist Geopolitik dezidiert und qua nomen kein ausschließliches Themengebiet der Geographie.

Auch in anderen Ländern führte das Ende des Zweiten Weltkrieges zu einem Bruch mit geopolitischen Denkweisen. In Russland wurde die mit dem Nationalsozialismus assoziierte Geopolitik als faschistisch gebrandmarkt und vom wissenschaftlichen Diskurs weitgehend ausgeschlossen.[16] Gegenwärtig ist aber auch hier eine Wiederbelebung klassischer geopolitischer Argumentationen zu beobachten.[17] In Frankreich hingegen wurde u.a. mit der Zeitschrift Hérodote nach dem Zweiten Weltkrieg die offensive Auseinandersetzung mit dem Begriff gesucht.[18]

Als grundlegendes Element der Politik hat ein positivistischer Raumbegriff im westlichen Denken eine weit zurückreichende Tradition. Auch im Wettlauf um Kolonien und die Implementierung des internationalen Staatensystems erfuhren deterministische Konzepte ihren Höhepunkt.[19] Diese Ansätze sind jedoch nicht nur aufgrund ihrer teilweisen Verknüpfung mit nationalsozialistischem Gedankengut in die Kritik geraten, sondern auch aufgrund ihrer erkenntnistheoretischen Grundannahmen. Alternative Ansätze verstehen sich daher als Gegenvorschlag zu traditionellen Konzepten und brechen mit einem realistischen Raumverständnis.[20]

Fußnoten

2.
Vgl. John Agnew/Stuart Corbridge, Mastering Space: Hegemony, Territory and International Political Economy, London 1994, S. 14ff.
3.
Vgl. John Agnew, Geopolitics: Re-Visioning World Politics, London 1998, S. 86 - 124.
4.
Vgl. Friedrich Ratzel, Anthropogeograpie, Stuttgart 1899(2), ders., Politische Geographie, München 1897.
5.
Vgl. Brian W. Blouet, Geopolitics and Globalization in the Twentieth Century, London 2001, S. 29.
6.
Vgl. Klaus Kost, Die Einflüsse der Geopolitik auf Forschung und Theorie der Politischen Geographie von ihren Anfängen bis 1945, Bonn 1988, S. 22ff., 47ff.
7.
Vgl. Gerhard Sandner, Deterministische Wurzeln und funktionaler Einsatz des "Geo" in Geopolitik, in: WeltTrends, 2 (1994) 4, S. 11.
8.
In Frankreich waren dies u.a. Paul Vidal de la Blache, in kritischer Abgrenzung Émile Durkheim und Lucien Febvre. Vgl. dazu auch die Einführungen und Grundlagentexte in: Jörg Dünne/Stephan Günzel, Raumtheorie, Frankfurt/M. 2006.
9.
Vgl. Brian W. Blouet, Global Geostrategy: Mackinder and the Defence of the West, New York 2005.
10.
Vgl. Geraóid Ó Tuathail, Critical Geopolitics: The Politics of Writing Space, Minneapolis 1996, S. 25.
11.
Vgl. Michel Korinman, Quand l'Allemagne pensait le monde, Paris 1990.
12.
Vgl. Hans Grimm, Volk ohne Raum, München 1926.
13.
Vgl. dazu bspw. Bruno Hipler, Hitlers Lehrmeister: Karl Haushofer als Vater der NS-Ideologie, St. Ottilien 1996; Frank Ebeling, Geopolitik. Karl Haushofer und seine Raumwissenschaft, Berlin 1994; Hans Adolf Jacobsen, Karl Haushofer. Leben und Werk, Boppard am Rhein 1979.
14.
Vgl. Mathias Albert/Paul Reuber/Günter Wolkersdorfer, Kritische Geopolitik, in: Siegfried Schieder/Manuela Spindler, Theorien der Internationalen Beziehungen, Opladen 2003, S. 514.
15.
Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde in Deutschland der Begriff der Geopolitik wieder verstärkt geführt. Vgl. dazu u.a. Heinz Brill, Geopolitik heute. Deutschlands Chance?, Frankfurt/M. 1994; ders., Geopolitische Analysen. Beiträge zur deutschen und internationalen Sicherheitspolitik (1974 - 2004), Beissendorf 2005; Felix Buck, Weltordnung im Wandel - Geopolitik 2000. Deutschland in der Welt am Vorabend des 3. Jahrtausend, Frankfurt/M. 1996; Karl Schlögel, Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, München 2003.
16.
Vgl. Stefan Fröhlich, Amerikanische Geopolitik. Von den Anfängen bis zum Zweiten Weltkrieg, Landsberg 1998, S. 39 - 54.
17.
Vgl. Dirk Kretzschmar, Region oder Imperium? Zur Semantik von Geopolitik, Raum und Kultur in Russland, in: Rudolf Maresch/Nils Werber, Raum, Wissen, Macht, Frankfurt/M. 2002.
18.
Vgl. Yves Lacoste, Geographie und politisches Handeln. Perspektiven einer neuen Geopolitik, Berlin 1990.
19.
Vgl. Ulrich Ante, Politische Geographie, Braunschweig 1981.
20.
Vgl. Klaus Dodds, Geopolitics and Foreign Policy: Recent Developments in Anglo-American Political Geography and International Relations, in: Progress in Human Geography, 18 (1994) 2, S. 193.