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11.5.2007 | Von:
Jan Helmig

Geopolitik - Annäherung an ein schwieriges Konzept

Kritische Geopolitik

Während im deutschsprachigen Raum geo-politische Fragestellungen vom wissenschaftlichen und populären Diskurs weitestgehend ausgeschlossen wurden, war dies während des Kalten Krieges im angloamerikanischen Sprachraum keineswegs der Fall. Führende Vertreter waren hier Nicholas J. Spykman, später auch Kenneth Waltz, Henry Kissinger und Zbigniew Brzezinski, deren (neo-)realistische theoretische Ansätze als Fortsetzung der klassischen Geopolitik gesehen werden können. Neben dieser herkömmlichen Geopolitik entwickelten sich ab den 1970er Jahren vor allem im angelsächsischen Raum sowie in Frankreich alternative Verständnisse von Geopolitik, die sich mit traditionellen Herangehensweisen kritisch auseinander setzten.

Neue Theorien und Ansätze wurden gesucht, um das Ende des Kolonialismus ebenso zu erklären wie die neuen Geographien der Macht.[21] Bestehende Konzepte griffen zu kurz, um den geänderten Rahmenbedingungen nach dem Ende des ideologisch-politischen Dualismus vor dem Hintergrund der postmodernen Heterogenität gerecht zu werden. Dem klassischen geopolitischen Denken wurden alternative Ansätze zur Seite gestellt, nach deren Selbstverständnis geographische Repräsentationen in den Internationalen Beziehungen analysiert werden müssen. Demnach wird Geographie nicht als endgültige Wahrheit gefasst, sondern als eine Form sozial produzierten Wissens.[22] Die Konzepte zielten auf den Transfer gesellschaftskritischer Ideen aus den Sozialwissenschaften und der Philosophie in die Geographie.[23] Im Gefolge des linguistic turns, der Anerkennung der untrennbaren Verknüpfung von Sprache mit gesellschaftlichen Faktoren, setzte sich die Theorie durch, dass Sprache als konstituierendes und auf keiner äußeren objektiven Wahrheit basierendes Element zu berücksichtigen sei.[24] Traditionelle Raumkonzepte, die auf die Neutralität und Objektivität des Raumes Bezug nehmen, wurden anfechtbar.

Stark geprägt von französischen Wissenschaftlern wie Michel Foucault, Jacques Derrida, Jean-François Lyotard oder Ferdinand de Saussure wird nach diesen postmodernen Ansätzen Raum - und somit die Grundlage der Geopolitik - nicht mehr als objektive "Sache", sondern vielmehr als sozial über Sprache hergestellt verstanden. In Umkehrung des traditionellen und realistischen Raumverständnisses formierte sich mehr und mehr ein Verständnis von Politischer Geographie und Geopolitik, welches die Spuren und Ansprüche geopolitischer Repräsentationen nachzuvollziehen versucht. Raum und Territorium werden nicht mehr als passive Bühne menschlichen Handelns verstanden, die den möglichen gestalterischen Rahmen für soziale Prozesse darstellt. Vielmehr rückt in den Blickpunkt, wie Raum für politische Zweckeinstrumentalisiert wird. Sprache, Texte, Reden und Kommunikation spielen dabei eine zentrale Rolle und stehen gleichsam im Fokus des Erkenntnisinteresses.

Denn obgleich in politischen Reden und militärischen Planungen immer wieder auf die besondere und quasi natürliche Bedeutung geographischer Besonderheiten verwiesen wird, sind weder Berge noch Meerengen per se strategisch. Qua ihrer Natur sind sie gleichsam bedeutungslos, ohne dass ihnen eine inhärente und objektive Sonderstellung innewohnt. Eine besondere Funktion oder ein strategischer Belang ist eine menschliche Zuschreibung. Geographische Besonderheiten werden erst durch soziale Attribute für gesellschaftliches Handeln bedeutsam. Ohne diese kommunikative Aufladung gibt es keine Relevanz. Anders ausgedrückt: Es gibt zahllose geographische Besonderheiten, die völlig unscheinbar existieren und nur bei bestimmten Gelegenheiten kommunikativ aktiviert werden. Der soziale Charakter geographischer Repräsentationen ist historisch wandelbar und immer auch das Resultat eines kontingenten Auswahlprozesses, der notgedrungen bar jeder Natürlichkeit oder Selbstverständlichkeit bleiben muss.[25] Die Kritische Geopolitik weist geopolitische Argumente jedoch nicht völlig ab, sondern versucht vielmehr, die Wirkweisen zu verstehen, wie beispielsweise Simplifizierungen und Reduktionen eingesetzt werden, um bestimmte Politiken zu fördern oder zu stützen. Es geht daher weniger um eine Dekonstruktion, verstanden als absolute Negation, als vielmehr um das Begreifen der Funktion der Geopolitik. Ziel ist es, die ideologische Substanz der Rechtfertigungen von Weltpolitik aufzudecken und die Bindung an die Interessen bestimmter Akteure zu dokumentieren. Indem Geopolitik als soziales Phänomen aufgefasst wird, "verliert die Geopolitik ihren Status als Prophetin einer gleichsam naturgegebenen Wahrheit. Sie wird umgekehrt als eine diskursive Praxis aufgefasst, mit deren Hilfe die scheinbar natürliche räumliche Ordnung derinternationalen Politik erst (re-)produziert wird".[26]

Den Ansätzen liegt die zentrale Annahme zugrunde, dass etwas nur entstehen und darüber hinaus als existent wahrgenommen werden kann, wenn es von etwas anderem abgegrenzt bzw. als überhaupt existierend konstruiert wird. Geopolitisches Denken ist in seiner Quintessenz daran interessiert, durch Grenzziehungen Raum zu strukturieren. Abgrenzungen sind zwar alltägliche Grundlage der Gliederung sowohl sozialer als auch natürlicher Umwelt, doch durch die fortlaufende Wiederholung werden realiter willkürliche Grenzziehungen, die häufig als Gegensatzpaare erscheinen, in ein Wissen um Grenzen transformiert, welches letztendlich als natürlich dechiffriert wird. Differenzierung, Normierung und Normalisierung zwischen dem "Eigenen" und dem "Anderen" ist ein entscheidendes Moment der geopolitischen Praxis. Abgrenzungen manifestieren sich dabei bereits auf subtile Weise. "Simply to describe a foreign-policy problem is to engage in geopolitics, for one is implicitly and tacitly normalizing a particular world. [...] Geopolitical reasoning begins at a very simple level and is a pervasive part of the practice of international politics."[27]

Der Einwand, dass sich mit dem Wandel der politischen Umstände immer auch die Bedeutung geographischer Vorstellungen wandelt, ist richtig. Er unterstreicht nochmals das zentrale Argument. Erst politische Konstellationen und Diskurse weisen geographischen Belangen ihre naturalisierten Ausnahmestellungen zu. Dass geopolitische Annahmen ihren Charakter grundlegend wandeln, ist nicht ausgeschlossen. Daher ist es von besonderem Interesse, diesen Bedeutungswandel nachzuvollziehen und sowohl die eingesetzten kommunikativen Mittel als auch die Strategien der Abgrenzung zu verstehen.

Ziel der Critical Geopolitics ist deshalb nicht nur der kritische Umgang mit der klassischen Geopolitik, sondern auch und vor allem, dem Denken in Dichotomien, binären Abgrenzungen und Differenzen ein selbst-kritisches Denken entgegenzustellen, das die Heterogenität, die Vielfalt und Komplexität des "Anderen" anerkennt.[28] Die zentrale Fragestellung der Kritischen Geopolitik lautet entsprechend, welche Grenzen gezogen werden, wo dieses geschieht, wie Aufteilungen legitimiert und naturalisiert werden und welche Mechanismen von Exklusion und Inklusion buchstäblich zur Sprache kommen.[29] Der Fokus auf geopolitischen Konstruktionen, Sprachspielen und rhetorischen Argumentationszusammenhängen verdeutlicht, wie politische Akteure mit vermeintlich objektiven und "richtigen" Fakten ihre eigenen Interessen durchzusetzen versuchen.

Dabei kann es gemäß einer konstruktivistischen Grundannahme keine übergeordnete Meta-Objektivität geben. Geopolitische Konstruktionen und Ordnungsvorstellungen müssen vielmehr als subjektive Kategorisierungen und Regionalisierungen verstanden werden, die als aktive Form von Geopolitik der Durchsetzung eigener politischer Interessen dienen. Selbstverständlich gilt dieser Anspruch auch für alternative geopolitische Ansätze. Basis der Kritischen Geopolitik ist kein theoretisches Fundament, sondern - ganz im Sinne der Postmoderne mit Bezügen zum Poststrukturalismus, Postkolonialismus und Feminismus - eine heterogene Herangehensweise mit einem Theorie- und Methodenpluralismus, der gesellschaftliche Phänomene zu verstehen versucht.

Die Beschreibung der Welt und die Wiederholung bestimmter Ordnungsvorstellungen (re-)produzieren Machtverhältnisse. Damit wird das Zusammenspiel von Geographie, Politik und Macht durch kritische Ansätze thematisiert. Solche machtvollen' Darstellungen finden sich auf allen Ebenen gesellschaftlichen Handelns wieder. Neben populären Darstellungen in Filmen und Büchern, in denen durch vermeintlich unschuldige' und neutrale Beschreibungen politische Ordnungen gefestigt und normalisiert werden, finden auch akademische Diskussionen Eingang in alltägliche Diskurse.

Einer der am meisten diskutierten Artikel der 1990er Jahre war 'The Clash of Civilizations?' von Samuel P. Huntington, publiziert in der einflussreichen amerikanischen Zeitschrift Foreign Affairs.[30] Die kontroverse Diskussion der Abhandlung veranlasste ihn, seine Thesen auf mehreren hundert Seiten drei Jahre später auch als Buch zu veröffentlichen.[31] Das Fragezeichen in seiner Überschrift verschwand und ließ den Kampf der Kulturen in greifbare Nähe rücken. Dabei simplifiziert und "homogenisiert" Huntington Nationalstaaten, Regionen und Gesellschaften zu "Gebilden einheitlicher Kultur".[32] Anstelle ideologischer Trennfaktoren werden scheinbar unüberwindliche Kulturgegensätze, bestehend aus Religion, Ethnie, Sprache und Geschichte konstruiert, die mittels "tektonischer Bruchlinien" ökonomische Gegensätze vergessen lassen und die Abschottung des Westens legitimieren. Konflikte zwischen den unterschiedlichen Kulturkreisen - oder vielmehr the West against the Rest - erscheinen aus dieser Sicht unabwendbar.[33] Huntington konstruiert, den deterministischen Argumentationslogiken klassischer Geopolitik folgend, ein 'Wir' gegen 'Sie', 'Innen' gegen 'Außen'.[34] Die Differenz wird zum Identitätsmerkmal, wobei nicht berücksichtigt wird, dass "Prozesse der Entgrenzung und des Ausgleichs auf den ersten Blick ebenso evident [sind] wie solche der Fragmentierung".[35]

Zudem erinnert Huntingtons Konzept stark an die Kulturerdteile von Albert Kolb.[36] Anders als dieser stellt Huntington jedoch die Abgrenzung der Kulturen in den Vordergrund. Mit ein und derselben Leitidee sind sowohl Friedensgeographie, wie sie Kolb im Sinn hat, als auch Konfliktrhetorik à la Huntington möglich.[37] Huntington gelingt dies auch deshalb so gut, weil er auf bereits in der Gesellschaft vorhandene Diskurse zurückgreift und seine Thesen damit verknüpft. Er schließt sich der klassischen geopolitischen Tradition im Sinne des politischen Realismus an und führt die Dichotomisierung des Kalten Krieges auf anderer Ebene weiter.[38] Die verwendeten geopolitischen Sprachspiele zeigen, wie durch ihre vereinfachenden interpretativen Abgrenzungs- und Trennungsrhetoriken Subjekte und Objekte auf eine territoriale Schablone reduziert werden. Der "Kampf der Kulturen" stellt ein prominentes Beispiel dar für den Versuch, angesichts wachsender Unübersichtlichkeit und Unsicherheit im Zeitalter der Postmoderne vertraute Denkmuster zu retten und auf ein territoriales Raster zu projizieren. Das räumliche 'Vertigo' der neuen Welt(un)ordnung wird durch den Bezug auf bekannte Schemata gemindert. Die verlockende Einfachheit geographischer Konflikt-Verortungen bietet die Gelegenheit, Ordnung in das Chaos zu bringen.[39] Diese Diskurse mit ihren subtilen Konstruktionen finden gerade durch die einladende Schlichtheit der Erklärungen Eingang in die Alltagssprache und darüber in das alltägliche Handeln der Menschen. Rassistische Pauschalisierungen und Diskriminierungen können die Folge sein.

Fußnoten

21.
Vgl. Klaus Kost, Begriffe und Macht. Die Funktion der Geopolitik als Ideologie, in: Geographische Zeitschrift, 74 (1986), S. 14 - 33.
22.
Vgl. G. Ó Tuathail (Anm. 10), S. 59.
23.
Vgl. Simon Dalby, Creating the Second Cold War. The Discourse of Politics, New York 1990.
24.
Vgl. Doreen Massey/John Allen/Philip Sarre, HumanGeography Today, Cambridge 1999.
25.
Zum Wandel der geographischen Abgrenzung der EU vgl. Hans-Dietrich Schultz, Die Türkei: (k)ein Teil des geographischen Europas?, in: Claus Leggewie, Die Türkei und Europa: Die Positionen, Frankfurt/M. 2004.
26.
Julia Lossau, Die Politik der Verortung: Eine postkoloniale Reise zu einer Anderen Geographie der Welt, Heidelberg 2001, S. 62.
27.
Geraóid Ó Tuathail/John Agnew, Geopolitics and Discourse: Practical Reasoning in American Foreign Policy, in: Geraóid Ó Tuathail/Simon Dalby/Paul Routledge, The Geopolitics Reader, London 1998, S. 81.
28.
J. Vgl. Lossau (Anm. 26), S. 63.
29.
Vgl. M. Albert/P. Reuber/G. Wolkersdorfer (Anm. 14), S. 515.
30.
Vgl. Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations?, in: Foreign Affairs, 72 (1993) 3.
31.
Vgl. ders., The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, New York 1996.
32.
Georg Stöber/Hermann Kreutzmann, Zum Gebrauchswert von Kulturräumen, in: Geopolitik: Zur Ideologiekritik politischer Raumkonzepte, Kritische Geopolitik 14, Wien 2001, S. 216.
33.
Vgl. Paul Reuber/Günter Wolkersdorfer, Politische Geographie: Handlungsorientierte Ansätze und Critical Geopolitics, Heidelberg 2001, S. 25ff.
34.
Ebd., S. 24.
35.
J. Lossau (Anm. 26), S. 12.
36.
Vgl. Albert Kolb, Die Geographie und die Kulturerdteile, in: Adolf Leidelmair (Hrsg.), Herrmann von Wissmann Festschrift, Tübingen 1962, S. 42 - 49.
37.
Vgl. Paul Reuber/Günter Wolkersdorfer, Clash of Civilizations aus Sicht der Kritischen Geopolitik, in: Geographische Rundschau, 54 (2002) 7/8, S. 24 - 28.
38.
Vgl. G. Ó Tuathail (Anm. 10), S. 240 - 249.
39.
"Schurkenstaaten" oder die "Achse des Bösen" sind weitere Beispiele.