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2.3.2007 | Von:
Hans-Jürgen Wirth

Macht, Narzissmus und die Sehnsucht nach dem Führer

Macht übt gerade auf jene Personen Anziehungskraft aus, die an narzisstischer Persönlichkeitsstörung leiden. Es findet eine Abkehr von Idealen statt, denen sie eigentlich verpflichtet sind.

Einleitung

Keine Macht für niemand", lautete einer der Slogans der 68er-Bewegung. Jacob Burckhardt schrieb schon exakt 100 Jahre früher in seinen "Weltgeschichtlichen Betrachtungen": "Und nun ist die Macht an sich böse, gleichviel wer sie ausübe."[1] Aber die Studenten des Pariser Mai '68 forderten nicht nur die Abschaffung der Macht, sondern formulierten auch: "Die Phantasie an die Macht!" und "Alle Macht dem Volke!" Macht ist ein schillerndes Phänomen, das höchst ambivalente Gefühle, Phantasien und Wertungen wachruft. Macht wird einerseits entwertet, verdammt, gar verteufelt; andererseits löst sie Faszination aus. Viele Menschen bewundern und beneiden diejenigen, die sie ausüben, und träumen heimlich davon, selbst über unendlich viel Macht zu verfügen.






Interessanterweise ergeht es dem Begriff des Narzissmus ähnlich wie dem der Macht: Auch ihm haftet eine höchst ambivalente Tönung an. Sigmund Freud stellt dem Narzissmus die Objektliebe diametral gegenüber.[2] Je mehr man seine begrenzte libidinöse Energie an andere Menschen als Liebe und Zuneigung verschenke, umso weniger bleibe sozusagen dafür übrig, sich selbst zu lieben. Wer umgekehrt in erster Linie an sich selbst denke, dem stünden für den Mitmenschen keine Liebes-Reserven mehr zur Verfügung.

Der Narzissmus erscheint mit dem Egoismus assoziiert und demnach als eine antisoziale Eigenschaft. Wenn wir einen Menschen als narzisstisch bezeichnen, werten wir ihn ab und charakterisieren ihn als egoistisch, ich-bezogen und in seinen sozialen Beziehungen beeinträchtigt. Narzisstisch gestörte Persönlichkeiten gelten als psychotherapeutisch schwer behandelbar, und die von manchen Autoren postulierte Zunahme narzisstischer Störungen im "Zeitalter des Narzissmus"[3] wird als Zeichen eines tiefgreifenden sozialen Verfalls gedeutet. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett erklärt den Narzissmus gar zur "protestantischen Ethik von heute" und lässt keinen Zweifel daran, dass er den Terror der Intimität für ein Grundübel der an narzisstischen Zielen und Werten orientierten Gesellschaft hält.[4]

Fußnoten

1.
Jacob Burckhardt (1868), Weltgeschichtliche Betrachtungen, in: Gesamtausgabe, Bd. VII, Basel 1929, S. 1 - 208, hier S. 73.
2.
Vgl. Sigmund Freud (1914), Zur Einführung des Narzissmus, in: Gesammelte Werke, Bd. X, Frankfurt/M. 1999, S. 137 - 170.
3.
Vgl. Christopher Lasch (1979), Das Zeitalter des Narzissmus, München 1982.
4.
Vgl. Richard Sennett (1977), Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, Frankfurt/M. 1983.