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12.2.2007 | Von:
Wilfried Jilge

Geschichtspolitik in der Ukraine

Fazit

Der Holodomor ist ein Schlüsselereignis im nationalen Geschichtsbild der Ukraine. Seine Interpretation als "Genozid am ukrainischen Volk" ist in den vergangenen Jahren noch stärker ins Zentrum einer symbolisch-geschichtspolitischen und staatlich geförderten Nationsbildung gerückt. Wie in anderen ostmitteleuropäischen Staaten ist die Interpretation der Hungersnot als Genozid auch Teil der Bemühungen, durch eine als einzigartig gedeutete totalitäre Erfahrung die Nation als besondere Opfer- und Erinnerungsgemeinschaft zu konstituieren und ihre Einheit historisch zu legitimieren. Dabei zeigt sich, dass die Veränderungen der Bedeutungen der Geschichtspolitik ein und derselben politischen Kraft u. a. von ihrer Rolle in den politischen Institutionen und der jeweiligen machtpolitischen Konstellation abhängig sind.

Eine breite Übereinstimmung der Bevölkerung mit der Genozidthese, mit der Jutschtschenko implizit sein Gesetzesvorhaben rechtfertigte, lässt sich aus jüngsten Umfragen nicht ablesen. Dennoch könnte die staatlich geförderte Erinnerung an den Holodomor ein Grund dafür sein, warum das Thema im historischen und nationalen Bewusstsein der Ukrainer an Bedeutung gewonnen hat. Nach einer Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie an der Mohyla-Akademie hat die überwiegende Mehrheit der erwachsenen Bevölkerung von der Hungersnot gehört oder gelesen (mehr als 94 Prozent). 69 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass für den Hunger vor allem die Aktionen der Sowjetmacht verantwortlich waren. Aber nur ein Viertel derjenigen, die von einer geplanten Hungersnot ausgehen, glauben, dass sie ausschließlich gegen ethnische Ukrainer gerichtet war. Dagegen glauben 61 Prozent, die von einer geplanten Hungersnot ausgehen, der Holodomor habe sich gegen alle Bewohner der Ukraine unabhängig von ihrer Nationalität gerichtet. Bemerkenswert ist, dass im überwiegend russischsprachigen Süden fast 60 Prozent und im ebenfalls russischsprachigen Osten immerhin deutlich über 40 Prozent der Befragten meinen, dass der Holodomor von den sowjetischen Machthabern verursacht wurde (im Westen des Landes ca. 80 Prozent, im Zentrum über 70 Prozent). Insofern könnte der Holodomor tatsächlich zu einem Symbol werden, das Ukrainer unterschiedlicher Regionen in der Erinnerung an eine totalitäre Vernichtungserfahrung eint.[16]

Fußnoten

16.
Vgl. die Zahlen bei Viktorija Herasymcuk, Nedorozkazaly, in: Den', Nr. 196 vom 11.11. 2006.