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4.1.2007 | Von:
Horst Möller

Demokratie und Diktatur

Vergleichbares und Unvergleichbares

Indem ich die gemeinsamen historischen Wurzeln beider aus der Niederlage des nationalsozialistischen Deutschland und der Besatzungspolitik hervorgegangenen deutschen Staaten in Erinnerung gerufen habe, wird nicht allein diese grundlegende historische Konfiguration deutlich, die das Fundament einer integrierten deutschen Nachkriegsgeschichte bildet. Vielmehr wird auch die Tatsache evoziert, dass beide Staaten konstitutiver Teil des Kalten Krieges waren, also im internationalen Kontext wiederum in Bezug aufeinander definiert wurden. Schon bei diesen Überlegungen kommt es zwangsläufig zum Vergleich der Voraussetzungen, der Entwicklung, aber auch einzelner Politikfelder. Hierin liegt nun eine der großen Herausforderungeneiner integrierten Nachkriegsgeschichte Deutschlands, weil nicht analoge Systeme, sondern gegensätzliche Systeme verglichen werden.

Die in den 1960er Jahren unter anderem unter der Ägide von Peter Christian Ludz entwickelte vergleichende Deutschlandforschung kann trotz mancher Verdienste kaum Vorbild sein, hat sie doch sowohl methodisch als auch in den Schlussfolgerungen in die Irre geführt. Methodisch unter anderem deswegen, weil der intendierte "wertneutrale" Systemvergleich von Demokratie und Diktatur aufgrund der fundamentalen Gegensätzlichkeit kaum möglich ist, sondern die Einzelsektoren immer auf den Stellenwert im - diktatorischen - Gesamtsystem bezogen werden müssen. Wertneutral kann über Diktaturen nicht geredet werden, will man eine Relativierung ihrer Verbrechen vermeiden. In Bezug auf die Schlussfolgerungen bedeutete das systemimmanente Verfahren, dass die Analyse selbstreferentiell bleibt. Ein "Ergebnis" war die groteske Fehleinschätzung der vermeintlichen Wirtschaftskraft der DDR durch die "Experten" als zehntstärkster Wirtschaftsmacht der Welt, zu einem Zeitpunkt, als sie bereits bankrott war.

Gleichwohl kann auf das komparatistische Verfahren nicht verzichtet werden, will man eine integrierte gesamtdeutsche Nachkriegsgeschichte entwickeln. Es kommt also auf das Wie an, es kommt darauf an, sich nicht in den erwähnten Fallstricken zu verfangen. Die grundsätzliche Frage lautet: Gibt es Sektoren in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur der DDR, die sinnvoll verglichen werden können, ohne dass die sektorielle Isolation vom Gesamtsystem zu irreführenden Ergebnissen führt? Anders gewendet: Ein Vergleich ist ohne weiteres möglich, wenn es sich um Sektoren handelt, die nicht systemspezifisch sind. Ein Vergleich von systembedingten Sektoren, denen eine zumindest relative Autonomie gegenüber der Staatsideologie und den Parteidirektiven fehlt, kann sinnvoll sein, wenn der jeweilige Kontext berücksichtigt wird.

Um einige Beispiele zu nennen: Es existierten zweifellos Generationserfahrungen der unmittelbaren Nachkriegszeit - zum Beispiel der Zweite Weltkrieg -, die Ost und West gemeinsam waren, dann aber in gegensätzlichen Systemen verarbeitet wurden. Sie zu vergleichen ist durchaus aufschlussreich. Ob dann die Rock- und Jeanswelle in Ost und West wirklich zwei Formen der vielberufenen Westernisierung und damit einer gemeinsamen Generationserfahrung waren, halte ich für zweifelhaft. Vielmehr scheinen mir etwa Fragen aufschlussreich, warum es in der DDR nicht wie in der CSSR zu einer dem Prager Frühling analogen Erscheinung kommen konnte und warum die 1968er-Bewegung des Westens so gar keine nachhaltige Wirkung auf die ostdeutsche Jugend hatte.

In Bezug auf den Arbeitsmarkt kann man zwar einzelne Bereiche vergleichen, beispielsweise die Frauenarbeit, meines Erachtens kaum aber sinnvoll das Problem der Arbeitslosigkeit. Die Gesundheitspolitik kann eher verglichen werden als die Wissenschaftspolitik, jedenfalls soweit sie primär ideologiegeleitet war. Die gezielte Entwicklung einer ökonomieorientierten Wissensgesellschaft wiederum könnte ein lohnender Vergleich sein. Bestimmte Felder der Familienpolitik oder Sozialpolitik bieten sich ebenso an wie die Frage, welche Konsequenzen der Ausbau des Sozialstaats für das gesamte ökonomische System gehabt hat. Zu fragen ist, wie sich innerhalb der gegensätzlichen Systeme Reformen entwickelten bzw. wie auf Herausforderungen reagiert wurde, die staatliche Reformaktivität erforderten. Schließlich stellt sich die Frage, wie die Energieversorgung in bestimmten Krisensituationen, beispielsweise nach dem Ölschock, sichergestellt wurde, und ob bzw. wie Umweltpolitik betrieben wurde. Sinnlos wäre dagegen ein Vergleich der Parteientwicklung oder des Parteiensystems, ebenso sinnlos auch eine von Bundestag und Volkskammer, weil hier keinerlei Systemanalogie existiert, die bei allen Unterschieden einen Vergleich doch fruchtbar machen könnte.

Ein spezifisches Feld des Vergleichs sind Sektoren, in denen eine mehr oder weniger enge Verquickung von Ost und West dauerhaft oder zumindest zeitweilig bestand: Sie existierte etwa infolge der partiellen Offenheit der deutsch-deutschen Grenze in Berlin vor dem Mauerbau 1961, aber auch in spezifischen ökonomischen Bereichen wie dem Interzonenhandel bzw. durch die informelle Beteiligung der DDR an der EWG bzw. der EG gemäß den Römischen Verträgen von 1957. Da beide Staaten Deutschlandpolitik betrieben und Außenpolitik ein Teil der Deutschlandpolitik war, bieten sich hier erhebliche komparative Möglichkeiten. Dies gilt auch für die Aufnahme beider Staaten in die UNO 1973 und deren Konsequenzen. In diesem Sektor der Außenpolitik sind eine Reihe von zeitlich begrenzten Faktoren mit durchgängigen Linien verbunden, die zu Phasendifferenzen führen, die eines gemeinsam haben: Die Bezüglichkeit beider Staaten aufeinander. Das gilt für die Vorphase, für die selbstverständlich die Besatzungspolitik verglichen werden kann, das gilt für die Phase des Anerkennungsstrebens der DDR auf der einen sowie der Nichtanerkennungspolitik der Bundesrepublik gemäß der Hallstein-Doktrin auf der anderen Seite. Schließlich gehören die differente Politik beider Staaten beispielsweise in der Dritten Welt oder das Agieren innerhalb des jeweils eigenen Blocks zu den interessanten Untersuchungsfeldern einer bei aller Gegensätzlichkeit doch wieder aufeinander bezogenen deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte.

Auch die letzte Phase dieser Geschichte, der Zusammenbruch der DDR, der zwar zuvörderst im spezifischen Kontext des zerbröselnden Machtblocks der Sowjetunion gesehen werden muss, besaß eine gesamtdeutsche Dimension: Dieser Prozess muss zugleich den internationalen Kontext und die Dimension der deutsch-deutschen Beziehungsgeschichte berücksichtigen.

Auch in der Mentalitätsgeschichte der Nation sind vergleichende Untersuchungen sinnvoll: In welcher Weise, in welchen Formen, in welchem Ausmaß vollzog sich eine Entfremdung zwischen West- und Ostdeutschen, in welchem Maße blieben gemeinsame Wertvorstellungen und gesellschaftliche Maxime erhalten, wie wirkte sich der Generationswechsel aus? Wie trug die durch Rundfunk und Fernsehen gebildete west-östliche Kommunikationsgemeinschaft zur gesamtdeutschen Dimension bei, wie wirkten sich Verwandtschaftsbeziehungen aus, wie die Tatsache der Massenflucht aus der DDR, die immerhin dazu führte, dass viele Millionen Menschen wenigstens zeitweilig einen gesamtdeutschen Erfahrungshintergrund behielten?

Mehrfach wurde deutlich, dass die Übergänge fließend sind und auch die komparativen Ansätze und die Bezüglichkeit beider Staaten in den dritten Bereich, den der Beziehungsgeschichte, übergehen. Sie ist nicht allein auf der Ebene deutsch-deutscher Verhandlungen, beispielsweise seit den 1970er Jahren, oder der Wirtschaftsbeziehungen zu thematisieren. Vielmehr gehören die Alltagsbeziehungen oder wechselseitigen Perzeptionen zu diesem Themenkomplex. "Was war das national Verbindende in der Epoche der Teilung?" Diese Frage habe ich selbst schon 2000 in einem 2003 veröffentlichten Vortrag gestellt.