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Deutsche Geschichtsbilder vom Nationalsozialismus


4.1.2007
Obwohl beide deutsche Staaten zum Teil konträre Strategien bei der (Nicht-)Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wählten, lassen sich Gemeinsamkeiten und Entsprechungen finden. Die Geschichtsbilder entwickelten sich spiegelbildlich.

Einleitung



Das Opfer der Gewaltherrschaft - so lautet der Titel des 1983 eingeweihten Denkmals der Bundesrepublik Deutschland auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen in Österreich. Errichtet wurde es auf Initiative des SPD-Bundestagsabgeordneten Karl Liedtke, dem bei einer Besichtigung der Gedenkstätte ein prekäres Defizit aufgefallen war: Unter den dort zum Gedenken an die jeweiligen Opfer aufgestellten nationalen Denkmälern befand sich eines der DDR, ein bundesdeutsches aber fehlte.[1]




Dieses Beispiel verweist auf einen für den öffentlichen Umgang mit der NS-Vergangenheit in Ost- und Westdeutschland wesentlichen Aspekt: Auch dieser Bereich war von der Konkurrenzsituation der beiden deutschen Staaten geprägt und damit von gegenseitigen Reaktionen und Bezogenheiten. Geradezu versinnbildlicht wurde dieser Zusammenhang durch die Wahl des Standorts. So wurde das Denkmal der Bundesrepublik links des 1975 errichteten jüdischen aufgestellt, gewissermaßen in spiegelbildlicher Korrespondenz zum rechts davon stehenden Monument der DDR.

Deutlich wird damit, wie wichtig eine integrative Betrachtung beider Staaten ist, auch und gerade im Blick auf den Umgang mit dem gemeinsamen Erbe der NS-Vergangenheit. Untersuchungen zu dieser Thematik, die eine gesamtdeutsche Perspektive einnehmen, akzentuieren häufig die Unterschiede von "zweierlei Bewältigung" der "geteilten Vergangenheit".[2] Das Augenmerk sollte jedoch weg von der Kontrastgeschichte hin auf Parallelen, Gemeinsamkeiten und Verflechtungen gelenkt werden,[3] insbesondere bei der Betrachtung der sich auf Regierungsseite durchsetzenden Geschichtsbilder vom Nationalsozialismus. Denn mit der Gründung zweier deutscher Staaten ging die Etablierung nicht nur konträrer, sondern zugleich komplementärer Geschichtserzählungen auf offizieller Ebene einher. Karl Dietrich Erdmann hat diese Gegensätzlichkeit bei gleichzeitiger Aufeinanderbezogenheit auf den Begriff der "dialektischen Einheit"[4] gebracht. Der Beitrag konzentriert sich daher auf Gemeinsamkeiten und Analogien bzw. wechselseitige Entsprechungen und gegenseitige Bezugnahmen bei der Einordnung des Nationalsozialismus in die Geschichte, ohne natürlich die grundsätzlichen systemspezifischen Unterschiede der beiden Staaten und ihrer Narrationen verwischen zu wollen.

Gemeinsamkeiten ergeben sich zunächst hinsichtlich der Funktionen der Geschichtsbilder, die generell der "sozialen Binnenintegration, der kulturellen Identitätsbildung und der politisch-symbolischen Herrschaftslegitimierung"[5] dienen. In den beiden deutschen Staaten sollten sie vor allem das neue - antitotalitär-demokratische respektive sozialistische - Staatswesen legitimieren und stabilisieren sowie die Bevölkerung integrieren. Dabei galt es, die politisch gebotene Abkehr vom Nationalsozialismus mit einer für die Bevölkerung akzeptablen Erzählung über das "Dritte Reich" zu verbinden. Zugleich fungierte das Geschichtsbild als Abgrenzungsinstrument, indem es den jeweils anderen deutschen Staat zu delegitimieren versuchte.


Fußnoten

1.
Dieser Beitrag geht aus einem Dissertationsprojekt zum Umgang mit der NS-Vergangenheit in Bundesrepublik, DDR und Österreich hervor, das im Rahmen des Heidelberger Graduiertenkollegs zur Zeitgeschichte "Diktaturüberwindung und Zivilgesellschaft in Europa" entsteht.

Zur Entstehungsgeschichte der Denkmäler vgl. Bertrand Perz, Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen. 1945 bis zur Gegenwart, Innsbruck 2006, S. 181-187.
2.
So die Titel von Ulrich Herbert/Olaf Groehler (Hrsg.), Zweierlei Bewältigung. Vier Beiträge über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in beiden deutschen Staaten, Hamburg 1992 und Jürgen Danyel (Hrsg.), Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995.
3.
Vgl. z.B. Martin Sabrow, Die NS-Vergangenheit in der geteilten deutschen Geschichtskultur, in: Christoph Kleßmann/Peter Lautzas (Hrsg.), Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte als wissenschaftliches und didaktisches Problem, Bonn 2005, S. 132-151; Christoph Classen, Fremdheit gegenüber der eigenen Geschichte. Zum öffentlichen Umgang mit dem Nationalsozialismus in beiden deutschen Staaten, in: Jan C. Behrends/Thomas Lindenberger/Patrice G. Poutrus (Hrsg.), Fremde und Fremd-Sein in der DDR. Zu historischen Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland, Berlin 2003, S. 101-126.
4.
Karl Dietrich Erdmann, Drei Staaten - zwei Nationen - ein Volk? Überlegungen zu einer deutschen Geschichte seit der Teilung, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 36 (1985), S. 671-683, Zitat S. 682. Vgl. auch Edgar Wolfrum, Die beiden Deutschland, in: Volkhard Knigge/Norbert Frei (Hrsg.), Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002, S. 133-149, hier S. 146.
5.
Peter Reichel, Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, München-Wien 1995, S. 21.