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4.1.2007 | Von:
Katrin Hammerstein

Deutsche Geschichtsbilder vom Nationalsozialismus

Fazit

Bei aller inhaltlichen Unterschiedlichkeit und direkten Entgegengesetztheit der ost- und westdeutschen Geschichtsbilder und ihres Entstehungskontextes ist dennoch ihre Zusammengehörigkeit zu konstatieren, und zwar in dreifacher Hinsicht: insofern sie erstens die NS-Vergangenheit in einer Rhetorik der Abgrenzung gegen den anderen Staat instrumentalisierten, dabei zweitens aufeinander reagierten und wechselseitig bzw. spiegelbildlich aufeinander bezogen waren sowie drittens versuchten, das Narrativ des jeweils anderen zu unterminieren.

Diese Tendenzen hielten sich bis in die 1980er Jahre, insbesondere auf Seiten der DDR. In deren Endphase wurde die konfrontative Bezogenheit abgelöst von einer Annäherung der Geschichtsbilder. Es fand eine Angleichung bestimmter Perzeptionen an die - sich im Laufe der Zeit stark verändernde - bundesrepublikanische Perspektive statt, so dass von einem Transfer der Erinnerung gesprochen werden kann.[35]

Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik haben sich in der offiziösen Erinnerungskultur die Grundlinien des westdeutschen Geschichtsbilds vom Nationalsozialismus durchgesetzt. Die Situation bleibt dennoch ambivalent. Denn das Geschichtsbild der DDR ist nicht verschwunden, vielmehr bestehen nicht wenige Elemente in der Gedenkkultur in Ostdeutschland fort. Das wiedervereinigte Deutschland ist Erbe beider Geschichtsbilder - schließlich stehen auch heute noch zwei deutsche Denkmäler in Mauthausen.

Fußnoten

35.
Insbesondere auch nach dem Ende der SED-Diktatur, z. B. im "Bekenntnis zu Verantwortung und Mitschuld für Vergangenheit und Zukunft" der Volkskammer 1990 und in der Rede der Präsidentin, Sabine Bergmann-Pohl, zum 8. Mai 1990, die deutlich auf die Weizsäcker-Rede von 1985 rekurrierte und dies mit spezifisch ostdeutschen Sichtweisen verband; vgl. Texte zur Deutschlandpolitik, Reihe III, Bd. 8a, Bonn 1991, S. 158-160; Sabine Bergmann-Pohl, Viele waren schuldig geworden. Alle sind verantwortlich, in: Frankfurter Rundschau vom 9.5. 1990, S. 18.