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21.12.2006 | Von:
Norbert Seitz

Die Nachhaltigkeit eines neuen Patriotismus

War die Begeisterung zur Fußball-WM 2006 mehr als ein "Sommermärchen"? Oder ist die neue deutsche Heiterkeit wieder der Tristesse gewichen? Norbert Seitz blickt durchs Kaleidoskop der Meinungen zum neuen Patriotismus.

Einleitung

Sag' mir, wo die Fahnen sind, wo sind sie geblieben? Nur noch in trotzigen Dauerarbeitslosenmilieus seien sie zu besichtigen, wird dieser Tage berichtet. In der Tageszeitung "Die Welt" las sich dazu sinngemäß: Je schwarz-rot-goldiger, desto Hartz IV-iger. Ansonsten herrscht vielerorts ein wenig Wehmut über den scheinbaren Verlust an "neuer, deutscher Heiterkeit". Ist dem "Sommer des Wohlgefühls" ein bleierner deutscher Herbst gefolgt, in dem die zuvor so "lächelnden, lebensfrohen, leichtherzigen Deutschen" sich wieder "ihr Land schlecht jammern"? Manche fragen sich ernsthaft, ob wir nach dem "gebrochenen deutschen Gefühlsdamm" nunmehr einen ängstlichen Deichwiederaufbau aus Angst vor der eigenen Ausgelassenheit erleben.






"Deutschland einig Wunderland". Bereits vier Monate nach dem kopfstößig dominierten WM-Finale scheint eine Welle der euphemistischen Frühhistorisierung des deutschen "Sommermärchens" einzusetzen. So gelingt Hajo Schumacher in der Rückschau das semantische Unikum von der "unbedingten Bereitschaft zu naiver Kollektivfreude". Und weiter voller Nostalgie: "Kann man die magischen Tage zurückholen, als alle gemeinsam bereit waren, das tägliche Gemäkel einfach zu lassen?" Anders gefragt: "Kann der Film - Sönke Wortmanns 'Deutschland - ein Sommermärchen' - uns lehren, wie man das WM-Gefühl immer und immer wieder abruft?"

Wie aber ist der schwarz-rot-goldene Freudentaumel in nüchternem Abstand zu beurteilen? War er Ausdruck eines souveränen, selbstverständlichen Umgangs mit nationaler Symbolik, "nur" ein weiteres superlatives Megaevent zwischen dem Papst-Rummel und "Schumis" Endspurt um Formel-1-Titel Nr. 8 oder doch mehr: die bunte, feierliche Manifestation eines neuen Patriotismus? Sind wir tatsächlich "in diesem Sommer andere geworden", wie selbst die ansonsten eher nüchtern hanseatisch gestimmte Zeit nach dem Berliner WM-Finale ins Schwärmen geriet?

Zumindest gab es etliche ausländische Stimmen, welche die angeblich so selbstzerquälten Nachkriegsdeutschen endlich in der nationalen Normalität angekommen wähnten, ohne sich deshalb fürderhin vor ihnen fürchten zu müssen. "Patriotismus soft" konstatierte zum Beispiel die italienische Zeitung Repubblica: "Neuer Stolz ohne Willen zur Macht". "Die Deutschen sind uns plötzlich sympathisch", empfand auch wohlwollend der von der konservativen FIFA um seine gigantische WM-Party gebrachte André Heller. Die französische Tageszeitung Libération sah nicht nur Fahnen, sondern roch sie auch, ohne freilich in landesübliche Ängste vor den Gefahren wiedererstarkter Teutonen zu verfallen: "Die Deutschen haben einen Monat an der Theke zugebracht und wir mit ihnen. Es war wunderbar."

Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder kommentierte auswärtiges Wohlwollen gegenüber neudeutschen Normalisierungsversuchen eher ironisch. Bei der jüngsten Präsentation seiner "Erinnerungen" schmunzelte er: Wenn gesagt würde, die Deutschen sollten doch endlich die Geschichte zurücklassen: "Die sagen es zwar so, meinen es aber nicht so."

Das Klischee vom wiedervereinigten Deutschen meint nicht nur einen ökonomisch in die Jahre gekommenen, sondern auch psychisch "kranken Mann in Europa", dem es vor allem an nationalem Selbstbewusstsein mangelt. "Deutschland auf der Couch", so analysierte Thomas Kielinger während der WM "den von Hypochondrie gebeugten Deutschen" als jemanden, der das "Gefühl einer neuen Vitalität, eines Aufbruchs, einer neuen Zuversicht" brauche. Noch deutlicher drückte es der Psychiater Fritz Simon aus: "Wir sind eine manisch-depressive Kultur. Der Jubel ist eine willkommene Kompensation des ganzen Gejammeres, das in Deutschland geherrscht hat."

Dabei fällt auf, dass das Stigma des beckmesserischen "Bedenkenträgers" längst reihum akzeptiert worden zu sein scheint. Selbst Vertreter des linksliberalen Feuilletons fühlen sich längst nicht mehr davon angesprochen, sondern verwenden es ihrerseits. Allen voran Schriftsteller Günter Grass, der sein Klinsmann-Lob im Interview mit der Süddeutschen Zeitung am Tag vor dem WM-Finale gegen "die bei uns so starke Fraktion der Bedenkenträger" richtet.