APUZ Dossier Bild

21.12.2006 | Von:
Tilman Mayer

Patriotismus - die neue bürgerliche Bewegung

Leitkultur oder Patriotismus?

Eine Gesellschaft, die ein selbstbewusstes Nationsempfinden an den Tag legt, bedarf eigentlich keiner ausdrücklichen Leitkultur. Leitkultur ist zwar etwas Selbstverständliches, denn sie zeigt eine Orientierung insbesondere für Neuankömmlinge auf, wie man sich in der neuen Gesellschaft, in dem neuen Land verhalten sollte. An sich müsste man dafür dankbar sein. Man kann aber Leitkultur als Vorgabe top down, vielleicht verbunden mit einem Kommandoton, missverstehen. Am Besten würde Derartiges vorgelebt, zwanglos, selbstverständlich, beispielhaft. Selbst innerhalb derUnionsparteien hat man keine positive Perspektive entwickelt. Aus demoskopischer Sicht schrieb Renate Köcher am 18. Oktober 2006 in der FAZ: "So wirken die innerparteilichen Diskussionen über den Gedanken der Leitkultur merkwürdig verklemmt, während drei Viertel der gesamten Bevölkerung dafür plädieren, Integrationskonzepte durchaus auch an diesem Gedanken auszurichten."

Das erkannte Problem liegt darin, dass die Programmatik dieser deutschen Kultur nicht ohne weiteres auszumachen ist.[8] Die deutsche Aufnahmegesellschaft tut sich mit dem Aufnehmen, Integrieren oder gar Assimilieren schwer. Dahinter steckt vermutlich eine Neigung, sich eher entlang ethnischer Vorstellungen orientieren zu wollen, was sicherlich in dieser Konstellation besonders hinderlich ist. Hier könnte eine patriotische Einstellung hilfreich sein, insofern sie die Aufgabe der Integration übernimmt. Wer sich aktiv für die neue Gesellschaft einsetzt, sich mit der neuen Nation, ohne die eigene Herkunft verleugnen zu müssen, identifiziert, sich sprachlich auf sie einstellt und z.B. im Sport das neue Bekenntnis für sich zum Ausdruck bringt, hat die erwähnte affektive Bindung hergestellt - und will dieses auch mitteilen und bekannt machen.[9] Ein derartiger Weg der Angleichung hat über diesen explizit praktizierten Patriotismus einen Zugang gefunden. Man könnte dazu auch sagen, die Leitkultur wurde übernommen, weil mit der emotionalen Akzeptanz Deutschlands auch dessen kulturelles Ensemble übernommen wurde oder wird. Auf diese Weise, wenn man erkennbar sich in die kulturelle Mitte einer Gesellschaft bewegen möchte, wäre der Weg der Naturalisation leicht gangbar. Oft kann aber davon auf Seiten eines Teils der Zuwanderer nicht die Rede sein. Einige bequemen sich nicht, auch nicht in Ansätzen, diesen Weg zu gehen.

Leitkultur ist aber nicht nur eine Sache des kulturellen framings, sondern auch der konstitutionellen Entwicklung eines Landes, auf die man sich historisch verständigt hat. Seit 1848 ist das Grundgesetz die beste Verfassung, die Deutschland jemals hatte. Die Erwartung, sich hier als Gleicher unter Gleichen an dieses Rechtsprodukt verfassungspatriotisch anzupassen, ist nur selbstverständlich, wenn auch nicht ausreichend. Die sprachliche Assimilierung ist zwischenzeitlich allseits akzeptiert, d.h., eine Assimilierung ist nicht in jedem Fall eine Zumutung. Eine kulturelle Dissimilierung aufrecht zu erhalten, ist ebenfalls wenig sinnvoll, wenn sie jenseits eines stets akzeptierten kulturellen Pluralismus, den man in Deutschland in Gestalt der ursprünglichen und in Dialekten erhalten gebliebenen Landsmannschaftlichkeit kannte und kennt, angesiedelt ist und hierzulande unübliche kulturelle Praktiken verteidigt. Gleiche Staatsbürger ungleich zu behandeln, also kulturrelativ alle kulturellen Differenzen hinnehmen zu wollen, ist nicht Toleranz, sondern das Zulassen diskriminatorischer Akte. Ayaan Hirsi Ali[10] wurde nicht müde, darauf hinzuweisen. Ein Rechtsstaat kann nicht nur unter leitkulturell-patriotischer Hinsicht ein eingewandertes repressives Verhaltensrepertoire vieler Einwanderer nicht hinnehmen, sondern darf ein paralleles Rechtssystem unter keinen Bedingungen akzeptieren.

Fußnoten

8.
Vgl. Sascha Lehnartz, Die lange Leitung der Kultur. Sechs Jahre nach dem Streit über die sog. Leitkultur sind sich fast alle einig: Man braucht sie. Aber was an ihr deutsch ist, bleibt offen, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) vom 7. 5. 2006.
9.
In diesem Sinne, auf den Balkan übertragen, hat sich der Nationalspieler Niko Kovac pro-kroatisch geäußert: "Ich habe zwei Heimaten". Niko Kovac über seinen Weg als in Berlin geborener Jugoslawe zum kroatischen Nationalspieler, in: Der Tagesspiegel (Sport-Kapitel) vom 13. 6. 2004, S. 17. Allerdings, typisch für deutsche Journalisten, hatten sie Kovac hier zu einem Jugoslawen gemacht, der er, als Kroate, nie sein wollte.
10.
Vgl. Ayaan Hirsi Ali, Krieg gegen die Frauen, in: Die Welt vom 27. 3. 2006, S. 9.