APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Pfeil rechts

Jenseits von Säkularisierung und Wiederkehr der Götter


12.12.2008
Die These einer fortschreitenden Säkularisierung ist ebenso unbefriedigend wie die Gegenthese einer Wiederkehr der Religion. Eine angemessenere Perspektive für die Entwicklung von Religion und Christentum bietet das Konzept der multiplen Moderne.

Einleitung



In kaum einem Bereich des öffentlichen Interesses sind die Nachrichten so widersprüchlich wie auf dem Feld der Religion. Einerseits beherrschen Meldungen über eine sinkende Zahl der Mitgliedschaften und Besucher der Kirchen sowie von der Abkehr von zentralen Glaubenswahrheiten des Christentums die öffentliche Medienwelt. Aus dem Wirtschaftsleben, aus der Politik, aber auch aus der Wissenschaft scheinen die letzten Reste religiöser Orientierungen und Bindungen zu verschwinden. Andererseits stoßen wir zunehmend auf irritierende Nachrichten und Phänomene, die in das gewohnte Schema der abnehmenden sozialen Relevanz von Religion nicht so recht hineinpassen wollen. Fast überall auf der kleiner gewordenen Welt scheint es sich "in Sachen Religion" anders zu entwickeln als im westlichen Europa. Gerade in den Vereinigten Staaten gehen hier offenbar die Uhren anders, in einem Land, von dem wir eigentlich gewohnt sind, dass seine Trends mit einer gewissen Verzögerung unweigerlich auch unsere Trends werden.




Unerwartet rankt sich plötzlich eine zunehmende Zahl von öffentlich ausgetragenen Konflikten um die Religion, angefangen beim Kruzifixstreit vor mehr als zehn Jahren bis zu den Auseinandersetzungen um repräsentative Moscheegebäude in Köln und anderswo. Dabei sind es nicht nur Konflikte, die für die These einer Rückkehr der Religion in die Gegenwartsgesellschaft in Anspruch genommen werden können. Der von Johannes Paul II. ins Leben gerufene Weltjugendtag und sein Erfolg scheinen von einer bisher unbekannten Art jugendlicher Event- und Massenreligiosität zu zeugen, für die ausgerechnet charismatisch agierende Päpste als Katalysatoren dienen.[1] Als Fazit ergibt sich, dass auch für die These einer Wiederkehr der Religion genügend Hinweise zu finden sind, die dieser bis in die Alltagserfahrung hinein eine gewisse Plausibilität verleihen.


Fußnoten

1.
Vgl. Forschungskonsortium WJT/Winfried Gebhardt u. a. (Hrsg.), Megaparty Glaubensfest. Weltjugendtag: Erlebnis - Medien - Organisation, Wiesbaden 2007.