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12.12.2008 | Von:
René Schlott

Der Papst als Medienstar

Benedikt - Medienstar wider Willen

Der Nachfolger trat in große mediale Fußstapfen und fand ein schweres Erbe vor. Benedikt XVI. versuchte erst gar nicht das Medienstar-Image seines Vorgängers nachzuahmen. Großer, plakativer Gesten enthielt er sich bisher. Ganz im Gegenteil: Wer den ersten Auftritt des neugewählten Papstes am Abend des 19. April 2005 auf der Loggia des Petersdomes in Erinnerung hat, sieht das Bild eines schüchtern wirkenden, unbeholfen winkenden Mannes, der den Jubel der Menge keineswegs zu genießen scheint. Allenfalls ein zaghaftes Lächeln huschte ihm über das Gesicht. Doch wenige Tage nach seiner Wahl empfing Benedikt XVI. wie sein Vorgänger in einer der ersten Audienzen die in Rom versammelten Vatikan-Korrespondenten aus aller Welt und dankte ihnen für ihre Arbeit während der Zeit des Papstwechsels. Damit wurde klar, dass er sich den von Johannes Paul II. gesetzten Maßstäben im Umgang mit den Medien nicht entziehen konnte.

Noch offensichtlicher wurde dieser Konnex, als Benedikt XVI. im August 2005 den noch von seinem Vorgänger initiierten Weltjugendtag in Köln besuchte. Damals erschien in der Jugendzeitschrift "Bravo" am 17. August 2005 ein Poster des Papstes mit dem Schriftzug "BRAVO, Bene!". Auf diesem großformatigen Foto (80 × 55 cm), normalerweise den Musik-, Film- und Fernsehstars der Jugend vorbehalten, erhebt der lächelnde Papst, mit glänzendem Fischerring und Brustkreuz ausgestattet, die Hand zum Segen. Die direkte Ansprache mit "Bene" suggeriert eine persönliche Beziehung zum Kirchenoberhaupt. Der Chefredakteur des Blattes erklärte in einer Pressemitteilung: "Bravo berichtet über Stars, und für viele Jugendliche in Deutschland ist Papst Benedikt XVI. ein Star." Doch dieser Kult um seine Person bereitete Benedikt sichtlich Unbehagen. Immer wieder wies er die jugendlichen Pilger, deren Ziel fast immer die Begegnung mit dem Papst war, auf den eigentlichen Mittelpunkt des Treffens hin: Jesus Christus.

Eine Untersuchung des Forschungskonsortiums Weltjugendtag sah die "Notwendigkeit einer bestimmten medialen Inszenierung des Papstes, nämlich als Celebrity oder Berühmtheit des Medienevents, die dessen sakrale und populäre Aspekte verbindet (...). Damit zeichnet sich (...) ein Wandel des Amtes des Papstes ab: Die Notwendigkeit einer Selbstinszenierung als Celebrity kann nicht mehr dem persönlichem Charisma eines Mannes zugeschrieben werden, wie es bei Johannes Paul II. noch getan wurde. Vielmehr erscheint dieses Muster der Inszenierung in den heutigen Mediengesellschaften als verstetigter Teil des Papstamtes. Das zeigt sich exemplarisch an den von Johannes Paul II. geschaffenen und von Benedikt XVI. übernommenen Weltjugendtagen."[22]

Allerdings versucht Benedikt XVI. dieser medialen Forcierung als Star zu widerstehen. Während sein Vorgänger auch den gemeinsamen Auftritt mit Popstars nicht gescheut hat - so geschehen beim Internationalen Eucharistischen Kongress im September 1997 in Bologna zusammen mit Bob Dylan -, strebt er die Rückbesinnung auf den Kern der liturgischen Feiern an. Dazu gehört auch die Erleichterung der Durchführung des alten lateinischen Messritus. Benedikt XVI. stand bereits während des Pontifikats von Johannes Paul II. den Medieninszenierungen manches Papstauftritts skeptisch gegenüber. Im September 2007 wechselte er den dafür mitverantwortlichen päpstlichen Zeremonienmeister des alten Papstes aus. Noch als Kardinal Ratzinger erkannte er die Risiken, die in einer zu starken Medialisierung liegen, unter anderem die Gefahr für das Papsttum, die Inszenierungs- und Deutungshoheit über die kirchlichen Rituale zu verlieren. Die großen Papstevents, wie Reisen, Messen, Weltjugendtage, bergen auch einen anderen Nachteil. Die damit einhergehende Personalisierung, die Fixierung auf die Papstfigur, "beschert der katholischen Kirche zwar öffentliche Aufmerksamkeit, hat aber ungewollte Nebenwirkungen: Laien treten selten als Handelnde, sondern meist als Rezipienten in Erscheinung, das kirchliche Leben in den Gemeinden erweist sich als kaum darstellbar, der Eindruck von Autorität und Hierarchie innerhalb der katholischen Kirche wird überhöht."[23]

Doch werden Benedikt und seine Nachfolger den einmal eingeschlagenen Weg nicht ganz verlassen können; auch die altehrwürdige Institution des Papsttums muss den Anforderungen der medialisierten Gesellschaft gerecht werden. Darin liegt aber eine Chance, denn "das Papstamt wandelt sich in heutigen Mediengesellschaften und -kulturen dahingehend, dass es auch die Erfüllung einer Medienfigur erfordert. Indem die Katholische Kirche zumindest dem Prinzip nach mit dem Papst über ein Amt verfügt, das mit seinem grundlegenden Amtscharisma den Anforderungen der Personalisierung von Medien-Berühmtheiten gerecht wird, hat sie herausragende Möglichkeiten, ihr Glaubensangebot den heutigen Medien angemessen zu kommunizieren."[24]

Am Medienstar-Image des Papstes bestätigt sich zudem anschaulich und eindrucksvoll eine Erkenntnis des Medienwissenschaftlers Werner Faulstich: "Nur in dem Maße gibt es Stars, in dem wir sie wollen und sie ins Bild fassen. Der Star ist das Produkt kollektiven Begehrens."[25] Über die Idolisierung des Papstes scheinen sich die Menschen in unserer rationalisierten und technisierten Zeit auch geistige Orientierung sowie eine Art Anschluss an das Göttliche zu erhoffen. So ist Johannes Paul II. auch Jahre nach seinem Tod noch immer ein Star. Sein Konterfei dominiert weiterhin die Postkartenständer in der Umgebung des Vatikans. Immer wieder berichtet die Presse über den Stand seines Seligsprechungsprozesses. Seit dem Beginn dieses Verfahrens im Juni 2005 wird ein monatliches Magazin mit dem Titel "Totus Tuus" (Ganz Dein), dem Wahlspruch von Johannes Paul II., in sechs Sprachen herausgeben, in dessen Mittelpunkt allein Leben und Werk des polnischen Papstes stehen. Im Vatikan wird bereits überlegt, seinen Leichnam zu exhumieren und ihn in einem Glassarg im Petersdom zu zeigen. Das Grab in den Vatikanischen Grotten ist unterdessen zu einer neuen Pilgerstätte und Touristenattraktion geworden, die von bis zu 20 000 Menschen täglich besucht wird. Auch nach seinem Tode steht der Medienstar unter medialer Dauerbeobachtung. Auf der Internetseite des Vatikans überträgt eine Webcam Tag und Nacht das Geschehen an seinem Grab.[26]

Fußnoten

22.
Forschungskonsortium WJT/Winfried Gebhardt u.a. (Hrsg.), Megaparty Glaubensfest. Weltjugendtag: Erlebnis-Medien-Organisation, Wiesbaden 2007, S. 143.
23.
Christian Klenk, Ein deutscher Papst wird Medienstar. Benedikt XVI. und der Kölner Weltjugendtag in der Presse, Berlin 2008, S. 59.
24.
W. Gebhardt (Anm. 22), S. 150.
25.
Werner Faulstich, Stars: Idole, Werbeträger, Helden. Sozialer Wandel durch Medien, in: Funkkolleg Medien und Kommunikation, Studienbrief 7, Weinheim 1990, S. 51.
26.
Vgl. http://www.vaticanstate.va/DE/Monumente/ webcam/index?cam=webcam2&testo=Grab%20S.H. %20Johannes% 20Paul%20II (11.11. 2008).