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12.12.2008 | Von:
Ulrich Steuten
Hermann Strasser

Lady Di - Die moderne Madonna

Kulte

Soziologisch betrachtet, besteht ein Kult aus einem Objekt der Verehrung und einer verehrenden Gemeinschaft. Das verehrte Objekt kann ein göttliches Wesen, eine weltliche Person (ein Star), eine Organisation (Fußballvereine wie Boca Juniors oder Real Madrid), ein Naturphänomen (ein heiliger Berg) - oder auch der eigene Körper sein. Die Anhängerschaft ist - anders als beim religiösen Kult in Verbindung mit einer Kirche - meist recht lose strukturiert und oft wenig beständig. Kultgemeinschaften bestehen aus Gruppen oder Individuen, die auf Grund persönlicher Erfahrungen eine ähnliche Gesinnung teilen.[2] Bildet ein Gott das Zentrum des Kultes, so umgibt ihn eine ihn "vergötternde" Gemeinde. In modernen Gesellschaften sind es in der Regel charismatische Personen wie Politiker, Künstler oder Sportler, also irdische Götter, um die sich ein Kult bildet.

Bereits Ende der 1940er Jahre thematisierte Karl Jaspers solche Arten der Vergötterung. Neben dem Nihilismus und der Dämonologie befasste er sich in seinen Betrachtungen der Erscheinungsformen des philosophischen Unglaubens mit der "Menschenvergötterung": "Es ist ein universales Phänomen, daß Menschen einen einzelnen Menschen schwärmerisch verehren, ihn zum Übermenschen steigern, in ihm das Ideal des Menschseins verwirklicht sehen. Sie sind geneigt (...) von ihm Wunder zu erwarten". Diese Vergötterung, so Jaspers, wirke auf den "als heilig Angeschauten" zurück.[3] Er werde von seinen Anhängern so bedrängt, dass er sich gezwungen fühle, sich so zu verhalten, wie diese es von ihm erwarten.

Untersuchungen moderner Psychologen weisen heute eine Wirkung auch in der umgekehrten Richtung nach: Parasoziale Beziehungen, wie sie in der Bewunderung und Glorifizierung von "Berühmtheiten", so genannten celebrities, zum Ausdruck kommen, können für Menschen mit niedriger Selbsteinschätzung positive Effekte im Hinblick auf ihre Persönlichkeitsentwicklung haben. Unbedroht von Zurückweisungen, wie sie in realen sozialen Beziehungen möglich und an der Tagesordnung sind, kann ihnen die "Menschenvergötterung" dazu verhelfen, Selbstzweifel abzubauen und ihrem Selbst-Ideal näher zu kommen.[4]

Den Erwartungen ihrer Millionen Verehrer entsprach die Princess of Wales - und zwar in jeder Weise, wie noch zu zeigen sein wird. Ihr Kristallisationskern war allerdings kein eng verstricktes Kollektiv, sondern eine neuzeitliche Fangemeinde von global prayers, keineswegs nur "low self-esteemed individuals", sondern allesamt unersättliche "Verbraucher von Mythen", wie der Zeichendeuter Roland Barthes sie einmal beschrieb.[5]

Fußnoten

2.
Vgl. Anthony Giddens, Soziologie, Graz-Wien 1995, S. 498.
3.
Karl Jaspers, Der philosophische Glaube, Frankfurt/M. 1958, S. 113.
4.
Jaye Derrick et al., Parasocial relationships and self-discrepancies: Faux relationships have benefits for low self-esteem individuals, in: Personal Relationships, 15 (2008) 2, S. 261 - 280.
5.
Roland Barthes, Mythen des Alltags, Frankfurt/M. 1974, S. 113.