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12.12.2008 | Von:
Ulrich Steuten
Hermann Strasser

Lady Di - Die moderne Madonna

Die Gejagte und ihre Jäger

Einen Diana-Kult kannten bereits die alten Griechen und Römer. Die römische Diana, die, der griechischen Artemis gleich, als Mutter-, Tier- und Jagdgöttin verehrt wurde, hatte ihre bedeutendste Kultstätte am Berge Tifata bei Capua. Ovid erzählt in seinen Metamorphosen, dass die Göttin beim Bade vom übermütigen Aktaion beobachtet worden sei und sie ihn deshalb in einen Hirsch verwandelt und seine eigenen Hunde auf ihn gehetzt habe.

Lady Diana war zwar keine Göttin der Jagd, aber auch sie wurde beobachtet, von sensationsgierigen Fotografen, die ihr auf Schritt und Tritt, und am letzten Tag ihres Lebens in höllischem Tempo per Auto folgten. Als Princess of Wales war Diana niemals vor den Objektiven der Paparazzi sicher, von den Agenten der yellow press wurde sie bis in ihre Intimsphäre verfolgt. Während Griechen und Römer der Göttin Diana Opfer brachten, wurde Lady Di selbst zum Opfer einer Jagd - ein tragischer Umstand, der jedoch für die gesellschaftliche Konstruktion einer Kultfigur nicht unerheblich ist, wie die Beispiele von Che Guevara und Martin Luther King, Sissi und Grace Kelly, Elvis Presley und John Lennon zeigen.[6] So verweist man auch gerne auf das Laszive oder das Tragisch-Komische, wenn es um die Frage geht, was eine Diva zur Diva mache.

Bereits kurz nach ihrem Tod wurden zu ihren Ehren die ersten Kultstätten errichtet. Im Londoner Harrods, einem der größten Kaufhäuser der Welt, wurde ein frei zugänglicher Altar aufgebaut, an dem Einheimische wie Touristen aus aller Welt Blumen und andere Opfergaben niederlegen konnten. Ein Jahr später entstand um ihre Grabstätte in Althorp, dem Familiensitz der Spencers, eine komplette Tempelanlage einschließlich eines Museums mit florierendem Devotionalienhandel. Am Eingang des Pariser Tunnels, in dem sie starb, wurden die über Jahre wahllos dargebrachten Huldigungs- und Erinnerungsbekundungen schließlich durch ein Denkmal, der so genannten "Flame of Liberty", ersetzt. Als sicherlich nicht letzten Akt offizieller Ehrerbietung weihte Königin Elisabeth II. 2004 im Londoner Hyde Park einen Diana-Gedächtnisbrunnen ein.

Abgesehen von diesen klassisch-konventionellen Formen der Verehrung ist das Leben von "England's Rose" unter anderem in Liedern ("Candle in the Wind"), Büchern, Verfilmungen, einem Musical ("Diana", 2002 in Görlitz uraufgeführt) und einem Ballett ("Diana the Princess") aufgehoben. Faktisch wirksamer sind die unzähligen Trauerbekundungen, Briefe, Danksagungen und Bitten, die der Verstorbenen von Millionen Verehrern auf der ganzen Welt bis heute entgegengebracht werden. Noch fünf Jahre nach ihrem Tod wählten Diana-Fans ihr Idol im Rahmen einer BBC-Umfrage zur drittwichtigsten Figur der britischen Geschichte. Zum zehnten Jahrestag ihres Unfalltodes fand in London ein pompöser Gedenkgottesdienst statt. Wochen zuvor, am 1. Juli 2007, hatten Dianas Söhne, die Prinzen William und Harry, im neuen Londoner Wembley-Stadion bereits "mit einem rauschenden Pop-Konzert (...) das Leben unserer Mutter" gefeiert.[7]

Längst hat der Kommerz von diesem Kult Besitz ergriffen, und ein Princess of Wales Memorial Fund versorgt die Verehrer mit einer ausufernden Produktpalette. Der Devotionalienhandel umfasst neben Briefmarken und Münzen auch Tonträger, Kaffeetassen, Teller, Löffel, T-Shirts, Teddybären und Duftkerzen mit Bildnis oder Namen der Prinzessin. Versuche, mit Dianas Namen Margarine zu vermarkten, sie als Superheldin in einem Comic zu platzieren sowie das Computerspiel "Diana Tunnel-Rennen" lösten Empörung aus und wurden zum Teil juristisch unterbunden. So ist es auch nicht verwunderlich, dass viele Briten den Diana-Gedenkmarathon von 2007 als "Geldmaschine" bezeichneten.

Am ehesten lässt sich die Vermarktung von Diana als Idol noch mit Elvis Presley vergleichen, dessen 30. Wiederkehr seines Todestages inzwischen in Memphis zu einem achttägigen Event angeschwollen ist. Die Aktivitäten reichen von einem Elvis Gospel Breakfast über eine Bären-Schnitzeljagd in Elvis' Graceland Mansion bis zu Karaoke, Kunstwettbewerben und Veranstaltungen im Elvis Presley Car Museum. Überdies werden jedes Jahr rund 600 000 Menschen durch Graceland - seit 2006 als National Historic Landmark ausgewiesen - geschleust. Kaum geeignet für einen Vergleich ist dagegen die selbst ernannte Madonna (Louise Veronica Ciccione), die Herrscherin des Pop, die als "am härtesten arbeitende Frau im internationalen Showgeschäft"[8] gilt. Mit ihrem Hang zur selbstquälerischen Darstellungslust erfindet sie sich als ein Kind der Zeit immer neu, scheinbar alterslos. Sie schaffte es, im wahrsten Sinne des Wortes, den amerikanischen Traum von der Tellerwäscherin zur Millionärin in wenigen Jahren zu verwirklichen. Ähnlich wie Lady Di wird sie bereits zu Lebzeiten zur Legende, die von außerordentlichen Leistungen in einem individualisierten Leben kündet - in einer aufmerksamkeitsorientierten Welt Zeichen einer Art von Erlösung, die für viele Fans zur Nachahmung bestimmt sind.[9]

Jenseits aller Spielarten des "Kultmarketings"[10] erweist sich jedoch bei genauerer Betrachtung, insbesondere der Formen alltäglicher Ehrbezeugungen, dass die Idolisierung der "Königin der Herzen" auffallend der einer christlichen Heiligen ähnelt.

Fußnoten

6.
Vgl. Michael Nüchtern, Die (un)heimliche Sehnsucht nach Religiösem, Stuttgart 1998, S. 16ff.
7.
Frankfurter Rundschau vom 15. Dezember 2006; Ulrich Steuten/Hermann Strasser, Die heilige Diana, in: Die Welt vom 25. August 2007.
8.
Peter E. Müller, Material Girl, in: Die Welt vom 16. August 2008, S. 32.
9.
Vgl. Werner Stark, The Social Bond: An Investigation into the Bases of Law-abidingness. Bd. 4: Ethos and Religion, New York 1983, S. 49ff.
10.
Vgl. Norbert Bolz/David Bosshard, Kultmarketing. Die neuen Götter des Marktes, Düsseldorf 1995.