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1.12.2008 | Von:
Nadine Rossol

Weltkrieg und Verfassung als Gründungserzählungen der Republik

Die Verfassung als Gründungsdokument

Historische Bezüge, welche die Weimarer Verfassung in die Tradition der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 stellten und sie so als Vervollständigung einer alten republikanischen Idee präsentierten, finden sich besonders in Reden zum Verfassungstag. Auch wenn der 11. August, der Tag der Unterzeichnung der Weimarer Verfassung 1919, nie zum offiziellen Feiertag der Republik wurde, entwickelten sich trotzdem ein festliches Regierungszeremoniell und populäre Volkfeste zu Ehren des Tages.[15] Neben anderen Festivitäten organisierte die Reichsregierung jedes Jahr einen Festakt im Reichstag.

Badens Staatspräsident Hermann Hummel verwies in seiner Verfassungstagsrede 1922 vor dem Parlament auf die lange demokratische Tradition der badischen Landesverfassung und lobte die Weimarer Verfassung als Bestandteil des selben nationalen Geistes.[16] Er betonte damit eine demokratische Verfassungstradition in Deutschland, um allen denjenigen, die Demokratie und Parlamentarismus als "undeutsch" diffamierten, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Reichsinnenminister Wilhelm Külz nannte im August 1926 die Weimarer Verfassung "die Magna Charta der deutschen Republik".[17] Es war allerdings erst der Rechtsprofessor und ehemalige Reichsjustizminister Gustav Radbruch, der im August 1928 das Lob der Verfassung mit einer epischen Erzählung verband. Er beendete seine Rede mit einem eindrucksvollen Bild: "Eine Verfassung ist wie ein Schild, der seinem Träger um so lieber wird, je mehr Schrammen und Narben vergangener Kämpfe er zeigt (...). Es gibt einen alten Aberglauben, dass nur das Haus besteht, in dessen Grundstein ein Lebendiges eingemauert ist. Wie unendlich viel Leben ist in das Fundament unserer Verfassung eingemauert worden!"[18] Damit verband Radbruch nicht nur die Weltkriegstoten mit der Verfassung, er bezog sich ebenso auf die 1922 und 1925 verstorbenen führenden Politiker der Republik, Walther Rathenau und Friedrich Ebert.[19]

Die Reichsregierung versuchte, die Verfassung auch visuell hervorzuheben und ihr zudem mythischen Charakter zu verleihen. Der Reichskunstwart Edwin Redslob, der mit seinem von der Reichsregierung in den frühen Jahren der Republik geschaffenen Amt verantwortlich war für die künstlerische Formgebung des demokratischen Staates, gestaltete den Plenarsaal für die Feiern.[20] Über dem Rednerpult prangte unübersehbar die Präambel der Weimarer Verfassung, welche die Einigkeit des deutschen Volks hervorhob.[21] Um den zehnten Jahrestag der Verfassungsunterzeichnung 1929 würdig zu feiern, ließ die Reichsregierung 300 künstlerisch aufwendig gestaltete Verfassungsausgaben drucken, die als Ehrengeschenke ausgehändigt wurden; fünf davon bestanden aus handgeschöpftem Papier.[22] Im März 1930, die Prachtausgaben hatten für die Feiern 1929 nicht mehr rechtzeitig fertiggestellt werden können, schickte der sozialdemokratische Reichsinnenminister Carl Severing das erste Exemplar an Reichspräsident Paul von Hindenburg. Severing verwies in seinem Brief auf die Bedeutung der Verfassung in der unruhigen Nachkriegszeit. Er gedachte des verstorbenen Reichspräsidenten Ebert und würdigte die Leistungen von Eberts Nachfolger Hindenburg. Severing schloss mit Worten, die sich auf die beigelegte Prachtausgabe der Verfassung bezogen: "Darum bitte ich Sie, Herr Reichspräsident, dieses Buch mit Ihrem Namenszug zu versehen und zum Besitz des Hauses zu machen, das der deutsche Reichspräsident bewohnt (...). Auf kostbarem und dauerhaftem Material, den zerstörenden Wirkungen der Zeit entzogen, verbleibe das Grundbuch unserer Verfassung im Hause des deutschen Reichspräsidenten und sei so auf das engste mit der höchsten Würde verbunden, die unser Volk zu vergeben hat."[23] Hindenburg versprach, die Ausgabe der Verfassung in Ehren zu halten und an seinen Nachfolger weiterzugeben.[24]

Dazu sollte es nicht mehr kommen. Nach Hindenburgs Tod 1934 vereinte Adolf Hitler die Ämter des Reichskanzlers und Reichspräsidenten auf seine Person. Trotzdem ist die mythische Atmosphäre, die Severing um die Verfassung kreierte, von Bedeutung. Die künstlerisch gestaltete Verfassung sollte weitergegeben werden, um für künftige Generationen zum republikanischen Gründungsdokument zu werden. Reichskunstwart Redslob erkannte dieses Potenzial, als er dem Reichsaußenministerium im August 1931 berichtet, dass sich eine in Leder gebundene und auf Pergamentpapier gedruckte Ausgabe der Verfassung "mit der Bedeutung einer Insignie" in Verwahrung des Reichspräsidenten befinde.[25] Etwas prosaischer, dafür aber mit hohem erzieherischen Anspruch, war die Vorgehensweise der Preußischen Landesregierung. Sie verteilte Verfassungsausgaben zum Schulabschluss,[26] ein Brauch, der auch heute in vielen Bundesländern üblich ist, wobei entweder die jeweilige Landesverfassung oder das Grundgesetz zur Verteilung gelangen.

Das Reichsbanner verband erzieherische und symbolträchtige Elemente miteinander, wenn es in seinen Publikationen auf die Verfassung einging. Zwar stand der republikanischen Organisation die schwarz-rot-goldene Flagge als Symbol für die Republik näher, trotzdem wurde auch versucht, die demokratische Verfassung bildhaft zu machen. Auf Titelseiten der "Illustrierten Reichsbanner Zeitung" (IRZ) erschienen Verfassungsbücher als Teil der Ausstattungen von Freiheitsgöttinnen, die in langem Kleid und mit langen Haaren demokratische und freiheitliche Werte vertraten.[27] Die Verfassung und die Republik wurden dabei oft gleichgesetzt und mit weiblichen Symbolen ausgestattet. Die Freiheitsgöttin, eine Figur, die von den deutschen Sozialdemokraten häufig in ihren Publikationen verwendet wurde,[28] war in der Bildsprache der Französischen Revolution verwurzelt. Die Kämpfer hingegen, die Republik und Verfassung schützen, waren nicht nur in der Bildsprache des Reichsbanners, sondern auch in den Statuten der Organisation - männlich.[29] Das Reichsbanner nahm keine Frauen auf.

Fußnoten

15.
Zur Entwicklung einer politischen Kultur mit der Verfassung als Bezugspunkt vgl. Anthony McElligott, The Quest for Authority: Weimar's Political Culture, in: ders. (ed.), Short Oxford History of Germany: Weimar Germany, Oxford 2009 (i.E.), und ders., Rethinking the Weimar Republic: Authority and Authoritarianism 1916 - 1936 (i.E. 2009). Allgemein zu Verfassungsfeiern vgl. Fritz Schellack, Nationalfeiertage in Deutschland 1871 - 1945, Frankfurt/M. 1990; Ralf Poscher (Hrsg.), Der Verfassungstag. Reden deutscher Gelehrter, Baden-Baden 1999.
16.
Vgl. Reichszentrale für Heimatdienst (RfH) (Hrsg.), 10 Jahre Weimarer Verfassung. Die Verfassungsreden bei den Verfassungsfeiern der Reichsregierung, Berlin 1929, S. 20ff.
17.
Ebd., S. 70.
18.
Ebd., S. 110.
19.
Vgl. ebd.
20.
Zum Amt des Reichskunstwarts vgl. Annegret Heffen, Der Reichskunstwart. Kunstpolitik in den Jahren 1920 - 1933, Essen 1986; Winfried Speitkamp, Erziehung zur Nation. Reichskunstwart, Kulturpolitik und Identitätsstiftung im Staat von Weimar, in: Helmut Berding (Hrsg.), Nationales Bewusstsein und kollektive Identität. Bd. 2, Frankfurt/M. 1994, S. 541 - 580; N. Rossol (Anm. 5).
21.
Vgl. Bilder der Ausschmückung, in: Lothar Gall (Hrsg.), Fragen an die deutsche Geschichte, Berlin 2000, S. 221, und RfH (Hrsg.), Zum Verfassungstag. Eine Materialsammlung, Berlin 1928.
22.
BArch, R32/186a, S. 35; BArch, R32/186, S. 28.
23.
BArch, R601/634, S. 290.
24.
BArch, R601/634, S. 292.
25.
BArch, R32/504, S. 100.
26.
Da Schul- und Kulturangelegenheiten auch in der Weimarer Republik Ländersache waren, wurde dies nicht von allen Ländern durchgeführt.
27.
Für Beispiele vgl. die Titelseiten der Illustrierte Reichsbanner Zeitung (IRZ), 5 (1928) 31 vom 11.8. 1928; 7 (1930) 32 vom 9.8. 1930; 1 (1924) 6 vom 27.12. 1924; 3 (1926) 45 vom 6.11. 1926.
28.
Vgl. Inge Marßolek, Von Freiheitsgöttinnen, dem Riesen Proletariat und dem Aufzug der Massen, in: dies. (Hrsg.), 100 Jahre Zukunft. Zur Geschichte des 1.Mai, Frankfurt/M. 1990, S. 147ff.
29.
Vgl. auch Eric Hobsbawm, Man and Woman in Socialist Iconography, in: History Workshop Journal, 6 (1978), S. 124f.