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1.12.2008 | Von:
Nadine Rossol

Weltkrieg und Verfassung als Gründungserzählungen der Republik

Vom Volkskrieg zum Volksstaat

Republikanische Versuche, den Weltkrieg und die Republik miteinander zu verbinden, um die Kriegstoten in eine demokratische Gründungserzählung einzubeziehen und der Verfassung das von Theodor Heuss angesprochene Pathos zu verleihen, waren vielfältig. Gustav Radbruch verdeutlichte in seiner Rede am 11. August 1928 die republikanische Interpretation beider Ereignisse: "Das Volksheer - und Volksheer war damals, kämpfend oder leidend, das ganze deutsche Volk, Frauen und Männer - (...) bedingte den deutschen Volksstaat. Wir können der Verfassung des erneuerten Deutschland nicht gedenken, ohne der Jahre 1914 bis 1918 zu gedenken (...)."[30] Mit dieser Betrachtungsweise reklamierte der überzeugte Demokrat Radbruch den Weltkrieg nachträglich für die Republik. Er versuchte nicht nur das in den 1920er Jahren dominierende Thema näher an die Republik zu binden, sondern ebenso der jungen Demokratie eine kämpferische Vorgeschichte zu verleihen. Oskar Kobel brachte diese Argumentation in seiner Publikation zum Verfassungstag auf folgende Formel: "Das Volk hat durch Kampf und Opfer sein Vaterland mit einer Herzensglut lieben gelernt, die ihm früher fremd war. Darum musste sein Besitzrecht am Vaterland in fester Form durch ein Staatsgrundgesetz verankert werden."[31]

Die zeitliche Nähe der beiden Daten im August, der Kriegsbeginn am 4. (1914) und die Unterzeichung der Verfassung am 11. August (1919), erleichterte die gegenseitigen Bezüge. Das kam besonders dem Reichsbanner gelegen: Ende Juli 1926 schmückte die IRZ ihre Titelseite mit einer Zeichnung, die an die Brutalität des Krieges erinnerte. Sie zeigte drei verstümmelte Leichen, teilweise in Stacheldraht verfangen, und darüber die Gesichter drei junger Soldaten.[32] Eine Woche später berichtete die IRZ über die bevorstehenden Verfassungsfeiern und wies ihre Leser an, beide Ereignisse miteinander zu verbinden. Die Schrecken und Leiden des Krieges, so die IRZ, konnten durch die demokratische Verfassung abgeschwächt werden. Diese garantiere allen Deutschen ein Mitspracherecht über Krieg und Frieden.[33] Schon Anfang 1925 hatte die IRZ gefolgert, dass das einzig positive Kriegsvermächtnis die deutsche Republik gewesen sei.[34] Damit wollte die Zeitung nicht nur Weltkrieg und Republik in einen engen Zusammenhang stellen, sondern auch der Kriegsverherrlichung nationalistischer Kreise eine Absage erteilen.

Das Reichsbanner präsentierte Kriegsmythen der 1920er Jahre, wie die Gemeinschaft im Schützengraben und das Verschwinden von Klassenunterschieden, als Grundlage für den neuen demokratischen Staat. Die "Neue Leipziger Zeitung" formulierte diesen Anspruch im Vorfeld eines Reichsbannertreffens im August 1927: "Das Reichsbanner verzichtet auf leere Phrasen und auf das überpatriotische Getue der Vaterländischen. Das gab es im Schützengraben nicht, das gibt es auch jetzt nicht im Dienste am Staate (...), keine Throne, keine Stufen, keine Chargen, sondern Bürger neben Bürger auf gleicher Ebene und im gleichen Geiste."[35] So gut dieser angeblich im Weltkrieg erlernte Gemeinschaftssinn auch zu den Prinzipien einer Demokratie passte, das Reichsbanner wusste durch viele Arbeiter in seinen Reihen, dass Klassenunterschiede im Krieg ebenso präsent gewesen waren wie im Kaiserreich. Die republikanische Organisation bediente sich bewusst eines nationalen Mythos, wenn sie diese Verbindungslinien zog.

Zum zehnten Jahrestag der Weimarer Verfassung 1929 präsentierte das Reichsbanner sein spektakulärstes Projekt. Bei den groß angelegten Berliner Verfassungsfeiern errichtete die republikanische Organisation ein Ehrenmal vor dem Brandenburger Tor. Die Holzkonstruktion, die das Ehrenmal trug, war mit schwarz-rot-goldenem Stoff bezogen. Stelen ragten in den Himmel mit den Inschriften: "Allen Toten des Weltkrieges", "Den Opfern der Republik und der Arbeit" und "Den Toten des Reichsbanners". So gedachte das Reichsbanner allen Toten unter einer republikanischen Überschrift. Das Ehrenmal war 17 Meter hoch und 14 Meter breit und nur für die Verfassungsfeiern in der Hauptstadt aufgestellt worden.[36] Mit diesem Projekt erreichte die republikanische Organisation eine visuell eindrucksvolle Verbindung der Themen Weltkrieg und Republik. Das liberale "Berliner Tageblatt" schrieb: "(D)as Ehrenmal soll die schwarz-rot-goldenen Farben zeigen und die 150 000 Mann des Reichsbannerzuges werden daran vorbeimarschieren. Das ist ein schöner, feierlicher Gedanke, den jeder vaterländisch Gesinnter billigen muss." Nationalistische Kritik, dass das Reichsbanner den Weltkrieg für "republikanische Zwecke" missbrauche, konterte die Zeitung mit dem Verweis, dass gerade die Schichten der Reichsbannermitglieder von besonders vielen Kriegstoten betroffen waren.[37] Auch die "Vossische Zeitung" berichtete begeistert von dem Ehrenmal, wohingegen der spätere nationalsozialistische Propagandaminister Joseph Goebbels seine Verachtung über die republikanischen Inschriften in sein Tagebuch notierte.[38]

In der Folgezeit verband das Reichsbanner Bezüge auf den Weltkrieg mit der Mobilisierung zur Verteidigung der krisengeschüttelten Republik. Erneut führt eine Titelseite der IRZ diese Vorgehensweise besonders plastisch vor Augen. Im März 1932 zeigte die Zeitung das Foto eines Kriegsinvaliden, der eine Spende für die Arbeit der so genannten "Eiserne Front", ein Zusammenschluss aus Reichsbanner und anderen republikanischen Gruppen, in eine Sammelbüchse wirft. Das Foto ist mit der Unterschrift "der Republik ärmster Sohn ist ihr getreuester" kommentiert.[39] Damit bediente sich das Reichsbanner einer Variante des allgemein bekannten Zitats des Dichters Karl Bröger. Dieser hatte in seinen populären Kriegsgedichten vom "ärmsten Sohn des Vaterlandes" als "getreuester" geschrieben.[40] So war der Zusammenhang hergestellt: Diejenigen, die das Vaterland unter sichtbaren Opfern ihrer Gesundheit verteidigt hatten, verteidigten 1932 auch die Demokratie.[41]

Allerdings kritisierte der Journalist Carl von Ossietzky schon im März 1930, dass die Republik weder die Niederschlagung des rechtsnationalistischen Kapp-Putsches noch die öffentliche Empörung nach der Ermordung von Außenminister Rathenau staatsfördernd ausgenutzt habe. Beide Male sei eine Mehrheit der Bevölkerung bereit gewesen, aktiv für den demokratischen Staat einzutreten, glaubte Ossietzky: "Nur im März 1920 [Kapp-Putsch, N.R.] und im Juni 1922 [Ermordung Rathenaus] sah der Deutsche die Republik so, wie sie der Franzose immer gesehen hatte: nämlich kämpferisch, als Tochter der Freiheit."[42]

Auch wenn das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold durchaus eine kämpferische Rhetorik pflegte, standen besonders republikanische Politiker und Behördenvertreter dem Heraufbeschwören der "kämpferischen Republik" skeptisch gegenüber. Sie wollten keine latente Krisenatmosphäre erzeugen, sondern eine Gründungserzählung für einen stabilen demokratischen Staat schaffen. Kampf, Opfer, Leiden und Schrecken des Weltkriegs hatten angeblich die demokratische Republik hervorgebracht, die durch eine stabile Verfassung, mit Wurzeln im Nationalliberalismus des 19. Jahrhunderts, Frieden und Freiheit garantieren sollte.

Die Differenz zwischen Anhängern eines "kämpferischen" Republikbegriffs und republikanischen Behördenvertretern, die auf demokratische Stabilisierung und politische Überzeugungen hofften, konnte nie überbrückt werden. Diese Zweigleisigkeit war ein Grundproblem des republikanischen Lagers und charakterisierte nicht nur die Suche nach Gründungserzählungen, sondern auch viele weitere Gebiete republikanischer Sinn- und Formgebungsversuche in den Weimarer Jahren.[43]

Fußnoten

30.
10 Jahre Weimarer Verfassung, Berlin 1929, S. 100f.
31.
Oskar Kobel, Zum Verfassungstag. Vaterland, deutsches Volk und deutsche Arbeit im Spiegel der deutschen Dichtung, Breslau o.J., S. 3.
32.
IRZ, 3 (1926) 31 vom 31.7. 1926.
33.
IRZ, 3 (1926) 32 vom 7.8. 1926, Verfassungstag.
34.
IRZ, 2 (1925) 6 vom 7.2. 1925, Die Ehrenpflicht gegen unsere Gefallenen; vgl. auch IRZ, 4 (1927) 47 vom 19.11. 1927, Totensonntag.
35.
Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, 20031, PP-St, Nr. 30 (Reichsbanner), S. 145; Reichsbanner Kameraden! Willkommen in Leipzig!, in: Leipziger Zeitung vom 14.8. 1927.
36.
Feier des Verfassungstages, in: Vossische Zeitung vom 6.8. 1929; vgl. Landesarchiv Berlin, A Pr Br Rep. 030 C Tit 90, 7531, S. 314, 7.8. 1929.
37.
Das Schandmal, in: Berliner Tageblatt vom 9.8. 1929; vgl. Partei-Reklame am Kriegerdenkmal, in: Deutsche Zeitung vom 26.8. 1929.
38.
Vgl. Die Verfassungsfeier beginnt, in: Vossische Zeitung vom 10.8. 1929; Elke Fröhlich (Hrsg.), Die Tagebücher von Joseph Goebbels, Teil 1, Aufzeichnungen 1924 - 1941, Band 1: 27.6. 1924 - 31.12. 1930, München 1987, S. 409.
39.
IRZ, 9 (1932) vom 5.3. 1932, Titelseite.
40.
Vgl. Karl Bröger, Kamerad, als wir marschierten. Kriegsgedichte, Jena 1916.
41.
Für eine Analyse des Soldatenkörpers vgl. Sabine Kienitz, Beschädigte Helden. Zur Politisierung des kriegsinvaliden Soldatenkörpers in der Weimarer Republik, in: Jost Dülffer/Gerd Krumeich (Hrsg.), Der verlorene Frieden. Politik und Kriegskultur nach 1918, Essen 2002, S. 210 - 214.
42.
Carl v. Ossietzky, Von Kapp bis...?, in: Die Weltbühne vom 11.3. 1930, S. 376.
43.
Vgl. N. Rossol (Anm. 5); dies., Performing the Nation: Spectacles, Sports and Aesthetics in Germany 1926-1936, Basingstoke 2009 (i. E.).