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10.10.2008 | Von:
Dieter Weiss

Deutschland am Hindukusch

Sicherheitspolitische Defizite

Das Hauptproblem bleibt die Sicherheitslage. Insbesondere im Süden und in Teilen des Südostens eskaliert die Situation. Die Widerstandsgruppen rekrutieren sich aus Taliban- und Al Qaida-Kämpfern, lokalen Milizen der Warlords und Drogenbaronen der Opium-Ökonomie, aus Freiwilligen aus dem muslimischen Ausland sowie aus kriminellen Banden. Nach Angaben der NATO stieg die Gesamtzahl der Sprengstoffanschläge in Afghanistan von 50 in 2003 auf 185 in 2004, 384 in 2005, 883 in 2006 und 1256 in 2007.[8] Die Zahl der Selbstmordattentate, Straßenbomben und direkten Angriffe auf die Interventionstruppen stieg zwischen 2005 und 2006 von 2400 auf 6400 Vorfälle. 2007 haben sie sich nach Schätzungen von Militär, UN-Mitarbeitern und Nichtregierungsorganisationen nochmals verdoppelt.[9] Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte sich während seiner Afghanistan-Reise im Juli 2008 besorgt darüber, dass sich die Sicherheitslage im vergangenen Jahr erneut verschlechtert habe und die Aggressivität der im Süden des Landes aktiven aufständischen Kräfte größer geworden sei.[10]

Der Süden und Osten Afghanistans sind militärisch heftig umkämpft. Entsprechend hoch sind die Zahlen der Gefallenen auf Seiten der Koalitionstruppen.[11] Zwei Drittel der deutschen Wählerschaft lehnen den Einsatz am Hindukusch ab. Innerhalb der Großen Koalition besteht Einigkeit darüber, dass das deutsche militärische Engagement auf die Nordregion begrenzt bleiben sollte. Forderungen, insbesondere seitens der USA und Kanadas, nach einer veränderten Lastenverteilung sind von der Bundesregierung zurückgewiesen worden.[12]

NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer und US-Verteidigungsminister Robert Gates beharren auf einer Ausweitung des Bundeswehreinsatzes auf den Süden und Südosten. Anlässlich einer Anhörung vor dem US-Kongress erklärte Gates, er wolle keine NATO, "in der manche Partner bereit sind, für den Schutz der Menschen zu kämpfen und zu sterben, und andere nicht."[13] Der kanadische Verteidigungsminister Peter MacKay drohte mit Hinweis auf die hohe Zahl getöteter und verwundeter kanadischer Soldaten, das kanadische Kontingent bis Februar 2009 abzuziehen, wenn die Verbündeten ihnen im umkämpften Süden nicht zu Hilfe kämen.[14] Von kanadischer Seite hören wir: "Kanadas Öffentlichkeit könne es nicht verstehen, wieso die Bundesrepublik, mit der man in Zeiten des Kalten Krieges eine Schicksalsgemeinschaft` empfunden habe, sich nun weigere, ihren NATO-Alliierten im umkämpften Süden Afghanistans militärische Hilfe zu leisten."[15] Diese Forderung wurde auf der Münchener Sicherheitskonferenz im März 2008 wiederholt. Deutliche deutsche Vorbehalte gibt es auch bezüglich der fatalen "Kollateralschäden", das heißt der zivilen Opfer, die bei den militärischen Operationen der auf den "Krieg gegen den Terror" fokussierten amerikanischen Operation Enduring Freedom (OEF) und der NATO-geführten, auf Stabilisierung und Wiederaufbau ausgerichteten ISAF entstehen. So haben Freudenschüsse traditioneller Hochzeitsgesellschaften wiederholt zu interkulturellen Missverständnissen geführt. Sie wurden von alliierten Piloten mehrfach als feindlicher Angriff missverstanden und mit Präzisionsbomben beantwortet. Auf diese Weise starben im Juli 2008 in Nangahar, südlich von Kabul, 47 Mitglieder eines Hochzeitsfestzuges, darunter 39 Frauen und Kinder.[16]

Der Vorsitzende des Bundeswehr-Verbandes, Oberst Bernhard Gertz, scheute keine klaren Worte: "Es gibt eine offene Grenze zu Pakistan, die nicht kontrollierbar ist, nicht zuletzt deshalb, weil die schwache pakistanische Regierung nicht in der Lage ist, das Ihrige dazu zu tun. Die geographischen Bedingungen tun ein Übriges. Außerdem haben unsere Verbündeten - Amerikaner, Kanadier, Briten - mit der Art und Weise ihres militärischen Vorgehens nicht gerade die Köpfe und Herzen der Menschen gewonnen. Durch die häufige Benutzung von Luftschlägen gegen die Taliban, die sich zwischen der Zivilbevölkerung verborgen hielten, hat es sehr viele Tote unter den Zivilisten gegeben. Das hat im Ergebnis dazu geführt, dass wir im Süden - anders als im Norden - gegen die verbündeten Truppen eine feindselige Stimmung haben. In einer feindseligen Atmosphäre mit einer offenen Grenze militärisch den Kampf gegen den Terror gewinnen zu wollen ist nahezu aussichtslos."[17]

Kritische Stimmen wurden - ungeachtet disziplinarrechtlicher Rücksichtnahmen - auch in der Truppe laut: "Sieben Jahre dauert der Krieg am Hindukusch nun schon, länger als der gesamte zweite Weltkrieg. Die Chancen der NATO auf einen Sieg in Afghanistan aber schwinden von Monat zu Monat, während die Intensität des Widerstandes beständig zunimmt."[18] Und es wiederholen sich die kritischen Berichte über das "robuste" Vorgehen der alliierten Streitkräfte im Süden und Osten, bei dem Kollateralschäden in Kauf genommen werden, wenn sich Bodentruppen in Gefechte mit Widerständlern verwickelt sehen, die sich in bewohnten Siedlungen verschanzt haben und das Feuer bewusst auf unbeteiligte Zivilisten lenken. Denn hohe zivile Verluste treiben den Taliban neue Kämpfer zu.[19] Präsident Karsai hat das Vorgehen der NATO wiederholt als "rücksichtslos" beklagt.

Der ehemalige Bundesminister Jürgen Trittin hat diese Form der Kampfführung am 16.Juni 2007 im Deutschen Bundestag zur Sprache gebracht: In der Provinz Shindand geriet eine OEF-Einheit in einen Hinterhalt und forderte Luftunterstützung an. ISAF schickte einen Hubschrauber und ein Kampfflugzeug F 16. Die von den OEF-Soldaten markierten Häuser wurden bombardiert. "Damit war der Kampf vorüber. Es gab 136 zivile Todesopfer, darunter 50 Frauen und Kinder, zum Teil ertrunken auf der Flucht vor den Bomben in einem Fluss, der in diesen Tagen Hochwasser führte. Meine Damen und Herren, dass wir uns nicht missverstehen: Dies ist nicht die Darstellung der afghanischen Seite oder der anderen Kriegsteilnehmer, sondern die Darstellung, die der Kollege Nachtwei, die Kollegin Künast und ich vom ISAF-Hauptquartier von diesem Vorfall bekommen haben."[20]

Die Reaktionen der betroffenen afghanischen Familien werden wie folgt beschrieben: "Zunächst öffnen sich die Türen für durchziehende Widerständler, und im Schutz der Dunkelheit wird Unterschlupf gewährt. Spätestens daraufhin schlagen die US-Streitkräfte und die im Süden operierenden Verbündeten (das sind vor allem Briten, Kanadier, Franzosen, Niederländer, Italiener) zu. Dann entsenden die Familienväter und Clanchefs ihre Söhne in den Kampf. Die westliche Presse weiß außerdem von zahlreichen Fällen spontanen Widerstands zu berichten, der von den Taliban zunächst unabhängig ist, sich jedoch später oftmals in deren Strukturen eingliedert."[21] Man muss sich vergegenwärtigen, dass seit 2001 sieben neue Jahrgänge von je 450 000 frustrierten jungen Männern herangewachsen sind,[22] insgesamt also rund 3,1 Millionen. Viele sehen für sich keine Lebensperspektive und könnten bereit sein, sich den Aufständischen anzuschließen.[23]

Fußnoten

8.
Vgl. ebd., S. 4.
9.
Vgl. Christoph R. Hörstel, Sprengsatz Afghanistan. Die Bundeswehr in tödlicher Mission, München 2007, S. 10.
10.
Vgl. Der Tagesspiegel vom 27.7. 2008.
11.
Zahl der Gefallenen auf Seiten der Koalitionstruppen: USA 141, Kanada 56, Großbritannien 55, Deutschland 28, Niederlande 9, Frankreich 4, Australien 3, Polen 1. Truppenkontingente: USA 15 000, Großbritannien 7800, Kanada 2500, Deutschland 3500, Italien 2900, Niederlande 1700, Frankreich 1500, Australien 1100, Polen 1100. Nicht systematisch erfasst werden die Opfer unter der afghanischen Zivilbevölkerung.
12.
Vgl. Der Spiegel Nr. 7, 2008, S. 23.
13.
Ebd., S. 22.
14.
Vgl. ebd., S. 25.
15.
Der Tagesspiegel vom 3.3. 2008.
16.
Vgl. Der Spiegel vom 14.7. 2008, S. 103.
17.
Bernhard Gertz am 23. 2. 2008 im Deutschlandradio, in: www.dradio.de/dkultur/sendungen/tacheles/
743107/drucken/ (30. 7. 2008).
18.
Oberstleutnant Jürgen Rose in: Der Tagsspiegel vom 5.6. 2008.
19.
Vgl. Susanne Koelbl/Olaf Ihlau, Geliebtes, dunkles Land. Menschen und Mächte in Afghanistan, München 2007, S. 13, 283 - 284.
20.
Vgl. www.gruene-bundestag.de/cms/bundestagsreden/
doc/186/186847.htm (20. 6. 2007); Bündnis 90/Die Grünen, Mit diesem Krieg ist kein Frieden mehr zu machen. Erklärung und Positionspapier zu Afghanistan, Berlin, Sommer 2007, S. 3.
21.
The New York Times vom 13.5. 2007.
22.
Afghanische Frauen haben im Durchschnitt sieben Kinder. Bei einer Bevölkerungszuwachsrate von drei Prozent und einer Bevölkerung von rund 30 Millionen ergibt sich ein jährlicher Bevölkerungszuwachs von 900 000 Kindern, davon etwa die Hälfte Knaben, die ab etwa 15 Jahren das Kampfalter erreichen. Herfried Münkler spricht von einem "youth bulge".
23.
Vgl. Gunnar Heinsohn, Söhne und Weltmacht. Terror im Aufstieg und Fall der Nationen, Zürich 2003.