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10.10.2008 | Von:
Dieter Weiss

Deutschland am Hindukusch

Ausrüstungsdefizite

Auch im Norden haben Selbstmordattentate, Hinterhalte auf Patrouillen, Sprengfallen, Raketen- und Mörserbeschuss von Feldlagern zugenommen. Im Juni 2003 hatte ein Selbstmordattentäter in Kabul einen ungepanzerten Bus der Bundeswehr in die Luft gesprengt. Vier Soldaten starben, 29 wurden zum Teil schwer verletzt.[37] Aus solchen Vorfällen hat die Bundeswehr gelernt. Die brisante Einsatzrealität macht indessen weiterhin Defizite der Ausrüstung sichtbar. Diese sind auch Folge einer Beschaffungspolitik, die jahrzehntelang an den Bedrohungspotentialen großer gepanzerter Kampfverbände des Warschauer Pakts orientiert war. Nun geht es im Rahmen von peace keeping und peace enforcing missions um kleinräumige Aufklärung als Teil einer asymmetrischen Kriegführung, um Beweglichkeit kleinerer, leichterer, aber gepanzerter Fahrzeuge, um Geländegängigkeit, um Funktionsfähigkeit bei Staub und hohen Temperaturen sowie um die logistische Beherrschbarkeit von Wartung und Reparaturen. Auch der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, verweist auf "gravierende Ausrüstungsdefizite."[38]

Dazu gehören etwa Flugtransportkapazitäten, unbemannte Aufklärungsflugzeuge (Drohnen), vernetzte Elektronik oder ein verbesserter Schutz der Feldlager in Kunduz, Mazar-e Sharif und Faizabad gegen Raketen-, Artillerie- und Mörserbeschuss. "Bisher waren in den Bundeswehrlagern nur deshalb keine Opfer zu beklagen, weil sich in den getroffenen Bereichen gerade niemand aufhielt oder die Sprengköpfe der Waffen nicht explodierten. (...) Sollte der Lagerschutz weiterhin so unzureichend sein, ist künftig mit Opfern zu rechnen."[39]

Engpässe bestehen sowohl bei Hubschraubern und gepanzerten Transportfahrzeugen als auch bei deren Schutz vor Panzerabwehrgranaten und Raketen.[40] Zusammenfassend heißt es schließlich: "Auf die drohende Lageverschlechterung in Afghanistan ist die Bundeswehr im Einsatzgebiet materiell nicht vorbereitet. Fähigkeitslücken werden zwar erkannt, wurden bislang aber nicht geschlossen. Unter den Voraussetzungen der derzeitigen Rüstungsplanung (Bundeswehrplan 2008) wären die meisten derzeitigen Mängel, wenn überhaupt, nicht ohne größere Verzögerung (erst im Verlauf des nächsten Jahrzehnts) zu beheben."[41] Ähnlich kritisierte der Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe, im Januar 2008 "vor allem die schlechte Ausrüstung der im Norden des Landes eingesetzten Bundeswehrsoldaten. So fehle es an gepanzerten Fahrzeugen, die mehr Sicherheit bringen könnten. Zudem gebe es Probleme bei der Lieferung von Ersatzteilen."[42]

Fußnoten

37.
Der Spiegel vom 16.6. 2008, S. 102.
38.
www.spiegel.de/politik/ausland/
0,151,531943,00. html (28. 7. 2008).
39.
S. Lange (Anm. 29), S. 24.
40.
Ebd., S. 27.
41.
Ebd., S. 6.
42.
Der Tagesspiegel vom 1.2. 2008.