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18.9.2008 | Von:
Uwe Blien

Arbeitslosigkeit als zentrale Dimension sozialer Ungleichheit - Essay

Wer ist von Arbeitslosigkeit betroffen, wie entsteht sie und wie weitreichend sind ihre Folgen? Es werden Erklärungsansätze diskutiert, die einige Einsichten in Struktur und Dynamik der modernen Wirtschaft und Gesellschaft ermöglichen.

Einleitung

Soziale Ungleichheit ist ein abstrakter Begriff, der sich auf gesellschaftlich bedingte Unterschiede in der Verteilung begehrter Güter bezieht.[1] Voraussetzung des Zugangs zu vielen dieser Güter ist für einen großen Teil der Bevölkerung die Erwerbsarbeit. Arbeitslosigkeit bedeutet eine Störung der Erwerbstätigkeit und stellt damit ein Problem dar. Untersuchungen zur Lebenszufriedenheit zeigen Arbeitslose regelmäßig als "sehr unglücklich": unglücklicher noch als Personen, die eine Scheidung hinter sich haben.[2] Wer ist von Arbeitslosigkeit betroffen, wie entsteht sie, und wie weitreichend sind ihre Folgen? Es werden Erklärungsansätze diskutiert, die einige grundlegende Einsichten in Struktur und Dynamik der modernen Wirtschaft und Gesellschaft ermöglichen.






Als Einstieg in das Thema bietet sich die Betrachtung der Konsequenzen von Bildungsunterschieden an. Das Arbeitslosigkeitsrisiko einer Person hängt stark von ihrem Bildungs- bzw. Ausbildungsabschluss ab. Im Jahr 2005 betrug die gesamtdeutsche Arbeitslosenquote 11,8 Prozent. Hinter diesem Durchschnittswert verbergen sich enorme Unterschiede in den einzelnen Qualifikationsgruppen: Arbeitskräfte ohne formalen Berufsabschluss haben eine Arbeitslosenquote von 26 Prozent, bei Personen mit Lehr- oder Fachschulausbildung liegt diese nur bei 9,7 und bei Personen mit Fachhochschul- und Hochschulabschluss sogar nur bei 4,1 Prozent.[3] Personen mit niedrigerer Bildung und Ausbildung haben also schlechtere Erwerbschancen und sind unter anderem auch bei der Einkommenshöhe und beim beruflichen Fortkommen benachteiligt.

Wie lassen sich derartig drastische Unterschiede erklären? Ausgangspunkt dafür ist die Überlegung, dass gering qualifizierte Arbeitskräfte durch die Betriebe leichter zu ersetzen sind. Sie werden daher bei Auftragsmangel als Erste entlassen. Qualifizierte Arbeitskräfte sind hingegen schwerer zu finden. Hinzu kommt, dass sie häufig spezielle Kenntnisse über die Besonderheiten ihres Betriebs besitzen, also neben einer allgemeinen auch eine betriebsspezifische Qualifikation aufweisen. Verliert ein Betrieb Arbeitskräfte mit solchen Kenntnissen, entstehen ihm erhebliche Kosten.

Darüber hinaus ist in jüngerer Zeit eine weitere starke Verschiebung der betrieblichen Nachfrage zugunsten qualifizierter Arbeitskräfte zu verzeichnen. Dafür werden in der wissenschaftlichen Diskussion vor allem drei Ursachen genannt: qualifikationsspezifischer technischer Fortschritt ("skill biased technical change"), qualifikationsspezifische organisatorische Maßnahmen ("skill biased organizational change") und eine Verschiebung der internationalen Arbeitsteilung.[4]

Die Veränderungen der internationalen Arbeitsteilung führen dazu, dass in Deutschland technologisch fortgeschrittene Produkte in der Regel von gut qualifizierten Arbeitskräften gefertigt werden. Ist ein Produkt zum Standard geworden, wird die Produktion in ein Land mit niedrigeren Lohnkosten verlegt. Der dadurch entstehende technologische Wettlauf verlangt zusätzlich nach höchstqualifizierten Arbeitskräften, also nach Konstrukteuren, Wissenschaftlern und Organisatoren.

Qualifikationsspezifische organisatorische Maßnahmen dienen im Allgemeinen der Erhöhung von Flexibilität und Qualität der Produktion. In bestimmtem Ausmaß verringern die Betriebe den bisher praktizierten hohen Grad gesellschaftlicher Arbeitsteilung, um bei Störungen, Umrüstungen und Umstellungen flexibel reagieren zu können. Dies erfordert vielseitig qualifizierte Arbeitskräfte.

Schließlich wird behauptet, dass auch der aktuelle technische Fortschritt höhere Qualifikationen erforderlich mache, dass für den Umgang mit moderner Technologie vor allem qualifizierte Beschäftigte notwendig seien. Unbestreitbar erscheint jedenfalls, dass viele Tätigkeiten, die in der Vergangenheit von gering qualifizierten Beschäftigten ausgeführt wurden, heute kostensparend von Maschinen übernommen werden.

Diese verschiedenen Phänomene führen in der Summe dazu, dass vor allem qualifizierte Arbeitskräfte nachgefragt werden und die Arbeitslosigkeit unter weniger Qualifizierten zunimmt. In ähnlicher Weise könnten wir nun weitere Merkmale untersuchen, um die unterschiedliche Betroffenheit von Arbeitslosigkeit zu erklären.

Fußnoten

1.
Vgl. Stefan Hradil, Soziale Ungleichheit in Deutschland, Opladen 20018, S. 30.
2.
Vgl. Andrew Oswald, Four Pieces of the Unemployment Puzzle, 1994 address to the European Association of Labour Economists, in: The Swedish Labour Market and Work Life, 1996.
3.
Vgl. Alexander Reinberg/Markus Hummel, Der Trend bleibt - Geringqualifizierte sind häufiger arbeitslos, IAB-Kurzbericht, (2007) 18, S. 18.
4.
Vgl. Thomas Bauer/Stefan Bender, Technological change, organizational change, and job turnover, in: Labour Economics, 11 (2004) 3.