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24.7.2008 | Von:
Holm Sundhaussen

Der Zerfall Jugoslawiens und dessen Folgen

Multinationale Gemeinschaft und ethnische Distanz

Obwohl die wirtschaftlich-soziale Krise national konnotiert war, waren die transnationalen Beziehungen in Jugoslawien bis in die 1980er Jahre hinein nicht konfliktreicher als in anderen Vielvölkerstaaten. Die These, dass die multinationale Gemeinschaft Jugoslawiens nur eine der politischen Unterdrückung durch das kommunistische Regime geschuldete Chimäre gewesen sei, ist höchst unwahrscheinlich. Beweisen lässt sie sich nicht. Untersuchungen zur "ethnischen Distanz" zwischen den verschiedenen Volksnationen in Jugoslawien zeigen unzweifelhaft, dass diese weniger ausgeprägt war als in manchen höher entwickelten Ländern und deutlich geringer als z.B. in den USA. Zahlreiche Umfragen belegen, dass die interethnischen Beziehungen (etwa am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft) von einer deutlichen Mehrheit der Bevölkerung Jugoslawiens noch bis Ende der 1980er Jahre als gut oder zumindest befriedigend und nur von einem kleinen Teil der Befragten als schlecht beurteilt wurden. Die einzige Ausnahme betraf das Verhältnis zwischen Albanern auf der einen und Serben, Mazedoniern und Montenegrinern auf der anderen Seite; hier bestanden sowohl auf albanischer wie auf südslawischer Seite massive (mitunter rassistisch geprägte) Vorurteile.[6] Doch bis in das Jahr 1990 hinein rangierte die jugoslawische Zugehörigkeit bei der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger des Landes an erster Stelle (bei Albanern, Slowenen und Kroaten weniger ausgeprägt als beim Rest der Bevölkerung). Es folgten die Zugehörigkeit zu Europa und erst an dritter Stelle die Zugehörigkeit zur jeweiligen Republik oder Region.[7] Fasst man die Ergebnisse der verschiedenen Umfragen zusammen, so bleibt nur eine Schlussfolgerung übrig: Die ethnischen Spannungen waren nicht Ursache für, sondern Folge von Krise und Zerfall Jugoslawiens.[8]

Fußnoten

6.
Vgl. Bora Kuzmanovic, Socijalna distanca prema pojedinim nacijama (etnicka distanca) [Die gesellschaftliche Distanz gegenüber einzelnen Nationen (ethnische Distanz)], in: Mladen Lazic u.a., Razarenje drustva: Jugoslovensko drustvo u krizi 90-tih [Die Zerstörung der Gesellschaft. Die jugoslawische Gesellschaft in der Krise der 90er Jahre], Beograd 1994, S. 225 - 244.
7.
Vgl. Ljiljana Bacevic u.a., Jugoslavija na kriznoj prekretnici [Jugoslawien am kritischen Wendepunkt]. Beograd 1991, S. 236 u. passim; Yugoslav Survey 1990: Public Opinion Survey on the Federal Executive Council's Social and Economic Reform, 31. Mai 1990, S. 3 - 26; Valère P. Gagnon Jr., The Myth of Ethnic War: Serbia and Croatia in the 1990s, New York 2004.
8.
Vgl. Anthony R. Oberschall, The manipulation of ethnicity: from ethnic cooperation to violence and war in Yugoslavia, in: Ethnic and Racial Studies, 23 (2000), S. 882 - 1001.