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24.7.2008 | Von:
Holm Sundhaussen

Der Zerfall Jugoslawiens und dessen Folgen

Die ethnonationale Mobilisierung

Nicht nur serbische Politiker und Intellektuelle waren unzufrieden mit der Verfassung von 1974, sondern auch Teile der kosovo-albanischen Bevölkerung. Im Frühjahr 1981 kam es in Kosovo zu Demonstrationen der Albaner, welche die Anerkennung ihrer Provinz als siebente Republik forderten. Durch die Verhängung des Ausnahmerechts, den Einsatz von Panzern und mittels Massenverhaftungen konnte die jugoslawische Staats- und Parteiführung die Ruhe in Kosovo äußerlich wiederherstellen, aber mit der stereotypen Klassifizierung der nie seriös aufgeklärten Ereignisse als "Konterrevolution" und "Irredentismus" wurde jede Diagnose der Probleme unterbunden und der Mythenbildung Vorschub geleistet.[9]

Am 15. Mai 1982 veröffentlichte das Organ der Serbischen Orthodoxen Kirche, "Pravoslavlje", einen "Appell zur Verteidigung der serbischen Bevölkerung und seiner Heiligtümer in Kosovo". Die 21 Priester und Mönche, die den Appell unterzeichneten, erklärten: "Ohne alle Übertreibung kann man sagen, dass das serbische Volk in Kosovo einen langsamen, gut geplanten Genozid erleidet."[10] In der Folgezeit erschienen in "Pravoslavlje" weitere Artikel, in denen die "Vernichtung" des serbischen Volkes in Kosovo beschworen und der aktuelle "Genozid" als Fortsetzung der"Völkermorde" an den Serben von 1389 bis zum Zweiten Weltkrieg dargestellt wurde. Den Geistlichen folgten Schriftsteller und Wissenschaftler. Die Schleusen jenes Damms, der mit der jahrzehntelangen Tabuisierung "heikler" nationaler Themen errichtet worden war, öffneten sich. Und bald begann der Märtyrer- und Genozid-Topos die öffentlichen Diskurse in Serbien zu beherrschen.[11] "Genozid" wurde zum Topthema. Seine permanente Wiederholung in vielfältigen Varianten (als physischer, politischer, rechtlicher, kultureller, religiöser, administrativer etc. "Genozid") erzeugte ein Wahrnehmungsmuster, aus dem nahezu alles andere verdrängt wurde. Serbische Schriftsteller, unter ihnen Dobrica C'osic, Vuk Draskovic und der in Knin (Kroatien) gebürtige Jovan Radulovic, gossen mit ihren Werken Öl in die schwelende Glut.[12]

Am 24. September 1986 veröffentlichte die Tageszeitung "Veèernje Novosti" Auszüge aus einem Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen in Jugoslawien.[13] Darin wurde die politische Führung Jugoslawiens und seiner Republiken frontal attackiert. Die Ursachen der umfassenden Krise in den 1980er Jahren sahen die Autoren im Erbe Stalins und der Kommunistischen Internationale, in den Wirtschaftsreformen Mitte der 1960er Jahre und der Verfassung von 1974. Sie beklagten die "Diskriminierung" der serbischen Bürgerinnen und Bürger in Jugoslawien, die "Dreiteilung Serbiens" und den fortschreitenden "Genozid" an der serbischen Nation. Seit Frühjahr 1981 würde gegen die Serben in Kosovo ein "offener und totaler Krieg" geführt. Deren Lage war nach Auffassung der Autoren aber nicht nur in Kosovo, sondern auch in Kroatien bedrohlich. Scharf wurden die "Assimilationspolitik" gegenüber den kroatischen Serben sowie die kroatische Sprachpolitik kritisiert. Abschließend forderten die Autoren die "Wiederherstellung der vollen nationalen und kulturellen Integrität des serbischen Volkes", die "Wiederherstellung" des serbischen Staates und die "demokratische Mobilisierung aller geistigen und moralischen Kräfte des Volkes".

Das Memorandum wurde von den Politikern in Jugoslawien (einschließlich derjenigen in Serbien) nahezu einhellig verurteilt. Aber Kosovo-Serben, serbische Schriftsteller und Wissenschaftler trieben die nationale Mobilisierung voran. 1987 kam es zur politischen Wende in Serbien. Slobodan Milosevic, seit Ende Mai 1986 Chef der Partei des Bundes der Kommunisten (BdK) Serbiens, besuchte am 24. April die Kosovo-Hauptstadt Pristina, wo er an die Adresse der dortigen Serben jenen Satz richtete, der ihn schnell in ganz Jugoslawien und darüber hinaus bekannt machen sollte: "Niemand darf euch schlagen".[14] Mit diesem banalen Satz avancierte der bislang unscheinbare Funktionär Milosevic über Nacht zum "Retter der Serben". Im Anschluss an dieses Erlebnis setzte der neue "Führer" den Nationalismus konsequent zur Festigung seiner Macht ein. Auf der 8. Plenarsitzung des BdK Serbien am 23./24.September 1987 konnten er und seine Anhänger ihre innerparteilichen Gegner ausschalten, und am 14. Dezember übernahm Milosevic neben seinem Amt als Parteichef auch das Amt des Staatschefs der Republik Serbien.

In mehreren Städten der Wojwodina, Montenegros und Serbiens wurden seit Mitte 1988 perfekt inszenierte "Demonstrationen" abgehalten, auf denen sich der serbische "Volkswille" immer vehementer und aggressiver artikulierte. Die Rhetorik auf diesen "Meetings" bewegte sich zwischen Beschwörung historischer Opfermythen und Verfolgungsängsten auf der einen und dem Ruf nach einer serbischen Sammlungsbewegung auf der anderen Seite. Die 600-Jahr-Feier der Kosovo-Schlacht am 28. Juni 1989 gestaltete sich zum Höhepunkt der nationalistischen Mobilisierungswelle. Bereits zuvor - im Oktober 1988 und im Januar 1989 - waren unter dem Druck der Straße die politischen Führungen der Wojwodina und Montenegros zurückgetreten und durch Milosevic-treue Cliquen ersetzt worden.

Neu aufflammender Widerstand in Kosovo wurde mit großer Brutalität durch Armee und Polizei erstickt. Im März 1989 wurde die Autonomie Kosovos und der Wojwodina durch eine serbische Verfassungsänderung, die de facto gegen die Bundesverfassung von 1974 verstieß, drastisch eingeschränkt. Gleichwohl verzichtete Milosevic nicht auf die Stimmen beider Provinzen in den jugoslawischen Bundesorganen. Serbien hatte nun drei bzw. nach der Gleichschaltung Montenegros vier Stimmen, das heißt, ebenso viele Stimmen wie alle anderen vier Republiken Jugoslawiens zusammen. Damit hatte die offene Demontage des zweiten Jugoslawien begonnen.

Fußnoten

9.
Vgl. Julie Mertus, Kosovo: How Myths and Truths Started a War, Berkeley 1999.
10.
Pravoslavlje Nr. 364 vom 15.5. 1982. Weitere Einzelheiten bei Klaus Buchenau, Orthodoxie und Katholizismus in Jugoslawien 1945 - 1991. Ein serbisch-kroatischer Vergleich, Wiesbaden 2004, S. 377ff.
11.
Vgl. Bette S. Denich, Dismembering Yugoslavia: Nationalist Ideologies and the Symbolic Revival of Genocide, in: American Ethnologist 21 (1994), S. 367 - 390.
12.
Zur kulturellen Wende vgl. Sabrina P. Ramet, Apocalypse Culture and Social Change in Yugoslavia, in: dies., Yugoslavia in the 1980s., Boulder, Co. 1985, S. 13ff.; Jasna Dragovic-Soso, "Saviours of the Nation". Serbia's Intellectual Opposition and the Revival of Nationalism, London 2002, S. 89ff., 105ff.; Andrew B. Wachtel, Making a Nation, Breaking a Nation. Literature and Cultural Politics in Yugoslavia, Stanford, Ca. 1998, S. 197ff.
13.
Der vollständige Text wurde erst 1989 veröffentlicht: "Memorandum" grupa akademika Srpske akademije nauka i umetnosti o aktuelnim drustvenim pitanjima u nasoj zemlji ["Memorandum" einer Gruppe von Akademikern der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste über aktuelle gesellschaftliche Fragen in unserem Land], in: Nase teme 33/1989, 1 - 2, S. 128 - 163. Deutsche Übersetzung in Kosta Mihailovic/Vasilije Krestic, Das Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste: Stellungnahmen zu Kritiken. Hg. Miroslav Pantic. Beograd 1996. Die folgenden Zitate wurden vom Verf. aus der Urfassung übersetzt.
14.
Slavoljub Djukic, Kako se dogodio vodja: borba za vlast u Srbiji posle Josipa Tita [Wie sich der Führer ereignete: der Kampf um die Macht in Serbien nach Josip Tito]. Beograd 1992, S. 127ff.