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26.6.2008 | Von:
Michael Klein

Alkoholsucht und Familie - Kinder in suchtbelasteten Familien

Pathogene und protektive Faktoren

Bei der Transmission von Störungen, also der Weitergabe einer Krankheit von der Elterngeneration auf die Kinder, spielen zahlreiche pathogene und protektive Faktoren eine wichtige abschwächende oder verstärkende Rolle. Dies bedeutet, dass niedrigschwellige, risikominimierende Prävention und Frühintervention die Aussichten auf eine gesunde Entwicklung verbessern kann und dass sich - umgekehrt - durch die Untätigkeit der Eltern oder der psychosozialen und medizinischen Helfer die Risiken erhöhen können. So hat sich etwa gezeigt, dass - selbst wenn der suchtkranke Elternteil seine Abhängigkeit nicht erfolgreich in den Griff bekommt - alleine schon die Aufrechterhaltung von - in der Regel gesünderen - Transaktionsmustern und -ritualen aus der Zeit vor der Abhängigkeit das Erkankungsrisiko für die Kinder gering hält bzw. abschwächt.

Die Ergebnisse neuerer Studien und Metaanalysen[7] belegen, dass vor allem Söhne von Alkoholabhängigen als junge Erwachsene aufgrund genetisch vermittelter Besonderheiten in ihrem Metabolismus auf Alkohol oft anders reagieren als Vergleichspersonen, und zwar sowohl subjektiv (d.h. in ihrem eigenen Empfinden) als auch objektiv (d.h. mit physiologischen Parametern).

Ein weiterer wesentlicher Risikofaktor ist in der Familienumwelt der Kinder suchtkranker Eltern zu sehen. Die in diesem Zusammenhang am häufigsten anzutreffende Familienkonstellation, bestehend aus einem alkoholabhängigen Vater und einer nicht suchtkranken, aber oft dependenten, ich-schwachen oder co-abhängigen Mutter, bringt entscheidende Veränderungen und Gefahren in der Dynamik der betroffenen Familien mit sich. Die Eltern können oft ihren Pflichten als Erzieher der Kinder nicht mehr in ausreichendem Maße nachkommen, da der Abhängige in vielen Fällen auf das Suchtmittel fixiert ist und daher die Kinder kaum mehr wahrnimmt. Die suchtbedingten intrafamilialen Veränderungen wirken sich negativ auf die Familienatmosphäre aus, auf den Familienzusammenhalt, der deutlich schwächer oder auch stärker sein, das heißt, sich insgesamt extremer darstellen kann, sowie auf die Befriedigung kindlicher Bedürfnisse (etwa nach Sicherheit, Verlässlichkeit, Geborgenheit) und die Qualität der Eltern-Kind-Bindungen aus.

Das Elternverhalten, insbesondere, aber nicht nur des suchtkranken Elternteils, zeigt mehr Volatilität. Hierunter werden abrupte, unberechenbare und meist auch nicht vorhersehbare heftige Verhaltensveränderungen und -schwankungen verstanden. Auch die Grenzen in der Familie ändern sich oft dramatisch: Einer schärferen, oft rigiden Abgrenzung nach außen, zur Umwelt, entsprechen diffuse, unklare Grenzen innerhalb der Familie. Kinder übernehmen bisweilen Eltern- oder Partnerrollen, das System gerät in seiner ursprünglichen Ordnung durcheinander, wird im Extremfall auf den Kopf gestellt. Dieses Phänomen, Parentifizierung genannt - es umfasst, dass Kinder weitgehend Elternrollen und -verantwortung übernehmen -, ist bei Kindern Suchtkranker besonders häufig zu beobachten. Alleinerziehende Suchtkranke stellen eine spezielle Risikogruppe dar, da sie einerseits stärker überfordert sein können und andererseits der bisweilen präventive Effekt des nicht suchtkranken Elternteils ("buffering effect") fehlt.

Von allen Kindern, die in einer alkoholbelasteten Familie aufwachsen, sind diejenigen besonders gefährdet, bei denen ein Elternteil neben der Alkoholabhängigkeit eine weitere psychische Störung im Sinne einer Komorbidität aufweist oder bei denen das suchtkranke Elternteil dauerhaft unbehandelt geblieben ist.[8] Auch eine besonders lange Expositionszeit gegenüber der elterlichen Alkoholstörung führt zu stärkeren Belastungen bei den Kindern. Wenn diese der Alkoholabhängigkeit der Eltern länger als vier Jahre ausgesetzt waren, zeigten sie stärkere Selbstwertprobleme, mehr affektiv-depressive Symptome und stärkere parasuizidale Gedanken.[9]

Fußnoten

7.
Vgl. V.E. Pollock, Meta-analysis of subjective sensitivity to alcohol in sons of alcoholics, in: American Journal of Psychiatry, (1992) 149, S. 1534-1538.
8.
Vgl. M. Klein, 2001, 2005, 2008 (Anm. 1).
9.
Vgl. M. Klein, 2005 (Anm. 1).